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WIEN/ Musikverein/ „wien modern“: „CLAUDIO ABBADO-KONZERT“ zwei Österreichischen Erstaufführungen

14.11.2016 | Konzert/Liederabende

WIEN/Musikverein: WIEN MODERN – Claudio Abbado Konzert mit zwei Österreichischen Erstaufführungen

(am 13.11.2016: Karl Masek)

Dem Initiator und Gründer von WIEN MODERN, Claudio Abbado (1988), wird in diesem Zusammenhang ein Gedenkkonzert gewidmet. Der italienische Dirigent Emilio Pomàrico musste aus gesundheitlichen Gründen absagen. Der blutjunge britische Dirigent Duncan Ward sprang kurzfristig ein und übernahm das Programm mit zwei Österreichischen Erstaufführungen unverändert, was auf souveräne Könnerschaft und besonders gute Nerven schließen lässt.

duncan Ward
Duncan Ward. Foto: Agentur

Mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien harmonierte der sanguinisch-heitere Jung-Maestro bestens, strahlte mit klarer Zeichengebung Sicherheit aus – übrigens hat Ward mit dem Orchestre Philharmonique du Luxemburg bereits 2015 die Uraufführung des Werkes von Georges Lentz: Jerusalem (after Blake) für Orchester und Elektronik geleitet. William Blake (1757 bis 1827) war ein „Visionär der englischen Romantik“ mit Büchern, die düstere Visionen vom Untergang des Abendlandes zeichnen. Der 1965 geborene Lentz zieht Parallelen zur Jetztzeit („… man kann durchaus behaupten, dass wir in apokalyptischen Zeiten leben, wenn wir trotz drohender ökologischer Katastrophe einfach weiter auf den Abgrund zusteuern….,Jerusalem ist Metapher für das Endziel und unsere eigene irdische Welt.“

 Der Schluss des Werkes wird den Opfern der Flugzeugkatastrophe – jener Maschine MH 370, die 2014 mit 239 Menschen an Bord wie vom Erdboden verschwunden ist – gewidmet. Die Töne am Ende des Werkes kommen als Art Morendo-Nachgesang auf die Verschollenen aus Smartphones. Ein berührender Schlusspunkt nach 20 Minuten pathetisch-dichter Orchestersprache, welche die überbordenden Phantasien des William Blake umzusetzen versucht.

Im 91. Lebensjahr befindet sich Friedrich Cerha – und er komponiert immer noch, und das mit einer Originalität, Diesseitsbezogenheit und inspirierten Frische, die ihresgleichen sucht. „…einerseits auf der Höhe der Zeit stehend, andererseits aber völlig abgelöst von Modeerscheinungen“, so Lothar Knessl über Cerha. „Nacht“ ist die zweite ÖEA des Abends. „In der Nacht habe ich die Vorstellung, die Zeit gehört mir,… in der Nacht verläuft die Zeit mitunter langsamer – manchmal kann ich sie sogar stillstehen lassen“, so Cerha zu seinem neuesten Orchesterstück. Hellhörig klingt dies, mit perfekter Instrumentationskunst und eminentem Klangsinn. Mit Jubel wurde sein Neunziger vom Publikum „nachgefeiert“…

Eingeleitet wurde das Konzert vom letzten Orchesterwerk (1962/1963) des Luigi Dallapiccola, „Three questions with two answers“. Dämmerig, herbstlich, nebelig, sozusagen grau in grau.

Das letzte Wort hatte Deryck Cooke mit seiner Bearbeitung der unvollendeten Skizzen des Finalsatzes der Symphonie Nr. 10“ von Gustav Mahler. Wie Mahler das Werk selbst instrumentiert hätte, bleibt natürlich Spekulation. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien stürzte sich, von Duncan Ward mit Impetus angestachelt, in Mahlers „allerletzte Worte“ und hymnisch-exaltierte Klangbotschaften. In der Hitze des Gefechtes gab es auch einen veritablen Hornausrutscher und vergurgelte Einsätze. Dennoch: Verdienter Jubel für das Meister-Orchester mit unbezahlbarem Verdienst um neue und neueste Musik.

Karl Masek

 

 

 

 

 

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