Musikverein 25.5.2026
Verdi, Requiem
Eine Totenmesse als Knaller?

In den letzten Wochen gaben sich Orchester aus Berlin, Leipzig und Dresden im Musikverein nahezu die Klinke in die Hand. Zu Pfingsten war dann die Staatskapelle Dresden zu Gast und bot Verdis Requiem mit renommierten Solisten und dem Singverein in Kompaniestärke. Wie es sich auf Tourneen gehört, stand der Chef am Pult und das ist sein zwei Saisonen nicht mehr Thielemann, sondern Daniele Gatti. Ein Orchester, das sowohl in Opern als auch in Konzerten ständig tätig ist, kann Verdis Werk wohl am meisten gerecht werden. Um das sehr deutsche Wort von Verdis geistlicher Oper nicht unwidersprochen zu lassen: Es ist ein Stück voll Glauben; Verdi war, vielleicht mehr noch als Mozart und Bach, ein gläubiger Mensch mit einer gesunden Portion Skepsis gegen die institutionelle (katholische [wie Mozart, anders als Bach]) Kirche. Man spürt es, aber die Pranke des Musikdramatikers spürt man ebenso. Und an diesem Abend spürt man vor allem die Pranke: Da wird getobt in Orchester, Chor und bei den Solisten. Hat man aus zahlreichen, immer mehr verfeinerten Aufführungen mit Muti so viele innige, sonnendurchflutete Passagen (vor allem das himmlische Sanctus) im Ohr, so ist es bei Gatti auch dort mehr draufhauen als blühen lassen. Effekt machen diese etwas mehr als zweieinhalb Stunden schon, aber es ginge in vielen Momenten weitaus innerlicher.
Bei den Solisten bemüht sich Riccardo Zanellato an den richtigen Stellen um Piani beziehungsweise um machtvolle Töne, auch wenn da noch mehr möglich wäre. Benjamin Bernheim strahlt vielfach wie Pavarotti, kann sich auch zurücknehmen und ist insgesamt höchst erfreulich. Elina Garanca orgelt die Altpartie mit meist erfolgreicher Differenzierung und Eleonora Buratto zeigt im Sopranpart wo nötig Lyrik, Dramatik oder auch reine Expressivität. Das „Libera me“ ist das sicher der Höhepunkt, aber auch die Oktavenparallelen der beiden Damen im „Agnus Dei“ bleiben im Ohr.
Es wird schon so sein: Am Ende aller Tage wird ein Höllenlärm herrschen. Aber kann das alles gewesen sein? In wenigen Monaten in Salzburg wird es wohl wieder anders klingen.
Robert Fucik

