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WIEN/ Musikverein: „PELLÉAS ET MÉLISANDE“, Opus 5, von Arnold Schönberg mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann

23.05.2017 | Konzert/Liederabende

WIEN / Musikverein: „Pelléas et Mélisande“, Opus 5, von Arnold Schönberg mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann

22.5. 2017 – Karl Masek

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Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden. Copyright: Matthias Creutziger/ Staatskapelle

Am 18.6. kommt die letzte Premiere der Wiener Staatsoper in der Saison 2016/17 heraus: Debussys „Pelléas et Mélisande“. Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden ermöglichten vorab die Chance eines musikalischen Vergleichs zwischen zwei stilistisch höchst unterschiedlichen Komponisten, die sich unabhängig voneinander praktisch zur selben Zeit  mit dem symbolistisch-verrätselten Drama des Maurice Maeterlinck beschäftigten: Debussys „Drama lyrique“ hatte 1902 in Paris seine Uraufführung. Schönberg wollte ursprünglich (von Richard Strauss auf das Maeterlinck‘sche Stück aufmerksam gemacht!) ebenfalls eine Oper daraus machen, entschied sich dann aber für eine „Symphonische Dichtung“ gleichen Titels, die in den Jahren 1902/1903 in Berlin entstand und 1905 in Wien, damals wenig erfolgreich, uraufgeführt wurde.

Dass auch Gabriel Fauré mit dem Prélude aus der Schauspielmusik zum selben Stück im Programm vorkam, war ursprünglich nicht geplant. Die „Österreichische Erstaufführung“ des Orchesterwerks „Der Zorn Gottes“von Sofia Gubaidulina  (Jahrgang 1931) hätte ebenfalls mein Interesse erweckt. Die betagte Komponistin konnte das Stück aber leider nicht rechtzeitig fertig stellen, wie im Programmheft entschuldigend vermerkt wurde.

 

Das Klavier (für den Mittelteil, Ravels G-Dur-Klavierkonzert) befand sich bereits auf dem Podium. Thielemann und der Pianist Daniil Trifonov kamen gemeinsam heraus. Erstaunen im Publikum: Also zuerst Ravel! Gleich darauf Überraschung: Statt des einleitenden Peitschenknalls für das Ravel-Konzert hörte man Faurés träumerisch-statische Klangflächen, „Quasi Adagio“, kaum über gepflegtes „piano“ hinaus gehend. Eine Art Durchführung mit Wiederholung des Eingangsmaterials. Alles hörte sich blass und anämisch an. Morendo-Schluss. Während dessen saß der Jungstar Trifonov artig beim Klavier ….  Attaca dann der einleitende Peitschenschlag für Ravel.

Rätselraten: Was sollte diese völlig unmotivierte Verschränkung? Das konnte nur bedeuten: Man wollte statt Gubaidulina nicht „gar nix“ spielen. Aber die viersätzige Schauspielmusik von etwa 20 Minuten (alle Sätze mit langsamer Tempoangabe, geringer dynamischer Bandbreite und durchwegs verdämmernden Schlüssen) schien Thielemann wohl doch zu lang (und für einen an Ovationen gewöhnten Pultstar zu wenig applaustreibend). Auch Simon Rattle konnte übrigens vor einigen Jahren gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern im Musikverein dem gesamten Stück Faurés keine roten Blutkörperchen injizieren. Der Applaus blieb damals ratlos-tröpfelnd.

Falls man einen Kontrapunkt zu Schönberg nach der Pause setzen wollte: Die sechs, sieben unersprießlichen Minuten hätte man sich gleich sparen können.

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Daniil Trifonov. Copyright: Deutsche Grammophon

Daniil Trifonov, der 26-jährige, vom Gramophone Magazine 2016 als „Künstler des Jahres“ nominiert, weckte das Publikum auf und spielte das vielschichtige, brillante, mit spanisch-baskischem Kolorit durchwirkte und Jazzelemente witzig verarbeitende Werk souverän, mit leichter Hand. Die Dresdner spielten einander und dem Solisten die Bälle zu, gelegentliche musikalische Situationskomik inbegriffen, wenn die Pointen (Posaunen-Glissandi, schrilles Aufkreischen der Es-Klarinette, groteske Signale der Hörner) punktgenau gesetzt wurden. Thielemann erwies sich hier als vergnügter Begleiter, tupfte die Orchesterakzente mit zurück genommer Gestik nur an und ließ dem Stück namentlich im musikantisch-rasanten Finalsatz lockeren Lauf. Jubel für den Solisten. Mit der Zugabe bereitete Trifonov (mir) aber, gelinde gesagt, Enttäuschung. Drei Minuten lang luftige, klingelnde  Fingergymnastik ohne jede musikalische Substanz. Entbehrlich! Ein mir seit langem bekannter Konzertbesucher recherchierte dankenswerter Weise in der Pause den Namen des Tonsetzers: Nikolai Medtner (1880-1951), russisch-deutscher Komponist, vornehmlich von Klaviermusik. Aha.

Ein anderes Kaliber war da Arnold Schönbergs Frühwerk, noch aus der sozusagen spätesttonalen Periode. Hier wird mit einer „Nach-Wagnerschen“, episch-breiten Leitmotivtechnik gearbeitet. Das Programm zeichnet die Stationen des dramatischen Dreiecksgeschehens nach: Golo stößt im Wald auf das geheimnisvolle Mädchen Mélisande, das er auf sein Schloss mitnimmt und heiratet. Mélisande verliebt sich jedoch in den deutlich jüngeren Halbbruder Golos, Pelléas, der von Golo aus Eifersucht umgebracht wird. Nach einer Analyse Alban Bergs liegt der einsätzigen, scheinbar freien Komposition trotz der literarischen Vorlage latent das Prinzip einer viersätzigen Sinfonie zugrunde.

Ähnlich wie bei Richard Strauss‘ „Elektra“ geht es hier an absolute Grenzen der Tonalität und einer damit verbundenen formalen Vielschichtigkeit samt radikaler Kompromisslosigkeit im musikalischen Ausdruck. Strauss überschritt diese Grenzen absichtlich nicht weiter – und schrieb den „Rosenkavalier“, Schönberg brach mit seinen nächsten Werken zu neuen (zwölftönerischen) Ufern auf …

Christian Thielemann war auch außerhalb seines Kernrepertoires mit Beethoven, Wagner, Strauss und Bruckner beim frühen Schönberg und seinen Klangeruptionen in seinem Element. Gekonnt bündelte er das düstere Klanggeschehen, ließ der expressiven Gestik dieser Klangwelten freien Lauf, dirigierte eine höchst spannende, dichte Aufführung. Die berühmte „Wunderharfe“ Staatskapelle Dresden bestätigte einmal mehr den legendären Ruf eines fabelhaften, klangmächtigen wie farbschillernden Orchesters, glänzte in allen Orchestergruppen und meisterte sämtliche Schwierigkeiten bravourös.

Am Ende die gewohnten Ovationen!

Karl Masek

 

 

 

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