29.4. 2026 LIEDERABEND ANDRÈ SCHUEN/DANIEL HEIDE
Musikverein Wien – Brahms-Saal
Franz Schubert: Winterreise D 911 – Ein zorniger und selbstbestimmter Reisender
Franz Schuberts Winterreise D 911 (1827) ist wohl die Meisterprüfung für jeden Liedersänger: Derzeit befindet sich der Südtiroler Bariton Andrè Schuen in Begleitung von Daniel Heide mit diesem vollendeten Liederzyklus auf Tournee, bei der er erfreulicherweise Station im Wiener Musikverein macht. Schubert hat diese Reise ins Nichts, voll Todesahnung und Todessehnsucht nach Gedichten von Wilhelm Müller ein Jahr vor seinem eigenen Tod komponiert. Mit Andrè Schuen steht ein vergleichsweise junger Interpret in der Blüte seiner Jahre am Konzertpodium, und so ist es an ihm, der stimmlich in vollem Saft steht, die von Schubert gezeichnete todessehnsüchtige Figur auf ihrer Reise durch 24 Lieder glaubhaft zu zeichnen und mit seiner eigenen Charakterisierung zu versehen. Finden sich zudem unter den Liedern viele allgemeingültige Meisterwerke, die alleine für sich (be-)stehen – am berühmtesten wohl Der Lindenbaum –, aber insgesamt das große Ganze ergeben müssen. Der Reisende durchläuft dabei alle denkmöglichen Stimmungen, beobachtet sich und sein Umfeld, lässt Erinnerungen, Träume und Sehnsüchte Revue passieren, dies allerdings nicht in stringenter Abfolge, sondern volatil.
Schuen zeichnet einen kraftvollen Reisenden, niemanden, der genuin depressiv ist, eher einen Mann, der zornig drängend sein – vielleicht selbst ausgesuchtes – Schicksal akzeptiert und dann doch wieder damit hadert. Er ist kein alter Mann, am Ende seines Weges angekommen, eher will er das Leben aus freien Stücken verlassen und sich mehr und mehr, dies durchwegs mit ziemlich dramatischen Ausbrüchen, auf die Reise (in die innere Emigration?) begeben. Seine dünkler gewordene volle Baritonstimme ist ihm und dem Publikum ein perfekter Begleiter dabei. Mühelos gelingen alle Phrasen, die Ausbrüche stark, die Piani zart. Daniel Heide ist ein kongenialer Partner.
So sind es die vor allem die Attacken, die seine Interpretation so besonders machen: Die letzte Strophe der Erstarrung (Mein Herz ist wie erstorben) wird außerordentlich drängend vorgetragen, ebenso die letzte Strophe von Auf dem Flusse. Der immer wieder präsente Zorn ist besonders bei Rückblick spürbar.
Eine gehörige Portion Düsternis bringt Schuen bei Der greise Kopf zu Gehör, in welchem Lied ein junger Mann sich eines Schneekranzes im Haar bewusst werdend darauf hofft, als alter Mann am Ende seines Weges angekommen zu sein und enttäuscht bemerkt, er sei noch jung, und es stehe ihm noch ein langer Lebensweg bevor.
Bei Der Wegweiser ist die Bestimmtheit in der Todessehnsucht prononciert und beklemmend im Raum stehend.
Ein besonderes Interpretationskunstwerk stellt der Frühlingstraum dar, bei dem Schuen die textlich und musikalisch angelegten Gegensätze in perfekter Form zwischen fast gehauchten Tönen (des Traumes) und der harten Darstellung der die Realität darstellenden Strophen greifbar macht.
Der verzweifelte Mut, das 22. Lied, liegt Schuen besonders: Hier versucht der Reisende sich noch ein letztes Mal aufzubäumen und in einer Attacke von Hybris sich als gottesgleich darstellend alle trüben Gedanken wegzuwischen. Schuen tut dies mit kraftvoller Stimme.
Auch dem finalen Leiermann begegnet Schuen selbstbewusst und nicht verhauchend: Ein Reisender, der sein Schicksal selbst gewählt hat. Dieser Wandersmann ist keinesfalls ein Opfer der Umstände.
Sabine Längle

