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WIEN / Musikverein: Die Akademie für Alte Musik Berlin spielt „PYGMALION“ von Jean Philippe Rameau

14.02.2018 | Konzert/Liederabende

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Akademie für Alte Musik Berlin C: Uwe Arens

WIEN / Musikverein: Die Akademie für Alte Musik Berlin spielt „PYGMALION“ von Jean Philippe Rameau

13.2. 2018Karl Masek

Der Musikvereins-Zyklus „Alte Meister“ bringt verdienstvollerweise immer wieder Raritäten Alter Musik ans Tageslicht, entreißt sie dem musikalischen Vergessen. So auch diesmal: Der französische Barockkomponist und bahnbrechende Musikwissenschaftler und -schriftsteller Jean Philippe Rameau (1683 – 1764) berührt mit „Pygmalion“ einen faszinierenden Mythos zum Thema Kunst und Leben: Die Geschichte des frauenfeindlichen Bildhauers Pygmalion, der sich nach den misogyn-typischen „schlechten Erfahrungen mit den Frauen“ in sein Kunstwerk verliebt, dabei gleichzeitig seine Frau Céphise vernachlässigt, zieht sich mit veränderter Aussage über 2 Jahrtausende von Ovid bis zum Professor Higgins des George Bernard Shaw. Und wer kennt nicht das Musical „My Fair Lady“?  Die „Causa Pygmalion“ ist eine Geschichte mit Happyend …

Rameau wurde auf Grund seiner Forschungsarbeit der „Newton der Musik“ bezeichnet. Er leitete alle musikalischen Zusammenhänge von der natürlichen Obertonreihe ab, vertiefte sich in die Schwingungsverhältnisse der Intervalle und Akkorde, was in seiner kompositorischen Praxis zu einer sehr farbigen, kantablen, kontrastreichen, affektgeladenen, insgesamt für seine Zeit ungemein modernen, sehr „plastischen“ Musik führte. Im Falle des Pigmalion arbeitete Rameau auffallend deutlich mit pochenden Akkord-Wiederholungen, die laut zeitgenössischer Überlieferung den „meißelnden“ Hammer des Bildhauers imitieren. Er nütze „Koppelungsmöglichkeiten“ des Instrumentariums exzessiv. Vor allem die Holzblasinstrumente haben im gegenständlichen Werk effektvolle, dankbare Aufgaben. Die beiden Flötistinnen des Ensembles traten da besonders klangschön und virtuos hervor.

Die Titelrolle ist einem Tenor anvertraut. Cyril Auvity, eine der vielen Entdeckungen des „Barockmusik-Gurus“ William Christie (der am 24.2. mit „Ariodante“ sein Dirigenten-Debüt an der Wiener Staatsoper feiern wird), hat den umfangreichsten Part. Er macht mit seinem schlanken, hübsch timbrierten lyrischen Barock- und Mozarttenor alle Gefühlsschattierungen von Klage, Wut, Liebe zur Statue, mit beweglicher, koloraturagiler Stimme, die nur in der Höhenlage etwas limitiert scheint, glaubhaft.

Die beiden Sopranistinnen Camille Poul in der Doppelrolle L‘ Amour / Céphise und Deborah Cachet  (La Statue) füllen ihre weiblichen bzw. allegorischen  Rollen mit schönen, stilkundigen Stimmen aus.

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Dirigent und Countertenor Paul Agnew   C: Denis Rouvre

Die Akademie für Alte Musik Berlin, 1982 gegründet, mit rund 100 Konzerten pro Jahr besonders fleißig und 2014 mit dem Echo Klassik und der Bach-Medaille der Stadt Leipzig ausgezeichnet, erfüllt die „Tanzoper“ Rameaus mit großer Farbigkeit und in Gavotte, Menuet, Chaconne, Loure, Sarabande, Tambourin,… mit Eleganz und tänzerischer Leichtigkeit. Paul Agnew war der souveräne spiritus rector des Unternehmens, dirigierte mit sparsamen, aber immer klaren Gesten. Alle wurden jubelnd akklamiert.

Vor der Pause ein mit kundiger Dramaturgie zusammengestelltes Programm. Eine Suite mit eingelegten Arien aus dem 1. Akt der unvollendet gebliebenen Oper „Achille et Polyxene“ von Jean-Baptiste Lully (1632 – 1687). Das ist der, welcher sich angeblich mit einem Dirigierstock an der Zehe verletzte und am Wundbrand starb. Hier hat der Bass Enrico Wenzel ergiebigere Aufgaben, die er mit schlanker, angenehmer Stimme souverän bewältigte. Auch Lully’s Musik ist farbig, tänzerisch beschwingt. Der in Florenz als Giovanni Battista Lulli Geborene bekam in seiner Jugend  Ballettunterricht und trat auch als Komödiant auf.

Immer wieder staunen macht die musikalische Begegnung mit Georg Philipp Telemann (1681 – 1767). Auch in seiner Suite B-Dur, TWV 55:B3, erweist er sich als inspirierter, origineller Meister (er war nicht umsonst der vermutlich erfolgreichste Tonsetzer zu Lebzeiten). Der Untertitel „Le Sommeil“ weist eindeutig auf den Schlaf hin, nebst eindeutig darauf hinweisenden Sätzen gibt es auch neutrale Suitensätze und eine eingelegte Arie: „Komm, o Schlaf“ aus der Oper „Germanicus“. Also: Konzertschlaf habe ich diesmal bei keinem im Publikum bemerkt, so spannend wurde musiziert und im Falle der schon oben genannten Sopranistin Camille Poul auch gesungen.

Insgesamt ein Füllhorn an großartiger Musik und ein Dorado für Raritätensammler. Leider war das Konzert alles andere als ausverkauft. Die Stehplatzler (so wie ich diesmal) bekamen unmittelbar vor Beginn des Konzerts sogar vom Billeteur nicht verkaufte Parterre-Sitzplätze ausgehändigt. Ein nettes Service!

Vielleicht sollte man überlegen, Konzerte dieser Art, auch wenn sie „viertelszenisch“ sind, doch im intimeren Brahms-Saal zu spielen. Der wäre dann ausverkauft gewesen. Denn Faschingdienstag und Grippewelle allein können nicht die Lücken in Parterre und Balkon erklären.

Die anwesenden Barock-Afficionados aber waren begeistert.

Karl Masek

 

 

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