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WIEN/Musikverein – Brahms-Saal: Liederzyklus „Winterreise“ mit Andrè SCHUEN und Daniel HEIDE

30.04.2026 | Konzert/Liederabende

WIEN/Musikverein – Brahms-Saal: Liederzyklus „Winterreise“ mit Andrè SCHUEN und Daniel HEIDE

 am 29.4.2026 (Susanne Lukas)

schu

 

 Franz Schuberts sentimentale Melodien sind untrennbar mit dem vokalen Text des Dessauer Dichters Wilhelm Müller verbunden. Die fast opernhafte Dramatik der einzelnen Szenen mit Stimmungsschwankungen zwischen großer Verzweiflung, einsamen Weltschmerz und positiv-gestimmten Momenten werden in der „Winterreise“ mit einer poetenhaften Vorstellungswelt in Kombination der kongenialen Vertonung gezeigt. Umso wichtiger erweist sich für diesen Liederzyklus ein Sänger, der die absolute Einheit von Wörtern und Tönen zelebriert, in allen Nuancen lebt und so schlussendlich für Begeisterung sorgt.

Andrè Schuen, bekannt an den internationalen Opernbühnen und 2020 an der Wiener Staatsoper in der Neuproduktion als Eugen Onegin debütierend, charakterisiert den leidenschaftlichen Seelenzustand des romantischen Handwerksburschen ausgezeichnet und kann innere Rührung erzeugen. Sein warmes Timbre, die exakte Akzentuierung und dramatische Ausbrüche verströmen intensive Emotionen und erzeugen bemerkenswerten Tiefgang. Schon am Beginn „Gute Nacht“, als der nächtliche Abschied von der untreuen Geliebten hinaus in die eiskalte Schneelandschaft besungen wird, begeistern die schön gebogene Bögen und die feine Stimmführung des voluminösen Wohlklang-Baritons. Schmerzhafte Atmosphäre und Eindringlichkeit gelingen, wie beim langsam vorgetragenen „Lindenbaum“, während die dunkle, kernige Stimme bei „Wasserflut“ kraftvoll und innig anschwillt. Schöne liebliche Schlusstöne („Rückblick“) und tiefste sonore Lagen, die schmerzhafte Todessehnsucht ausdrücken („Irrlicht“) beweisen die tiefgründige Interpretationskunst der düsteren Abfolge der melancholischen Lieder. Schuen erreicht als unglücklicher Wanderer „Im Dorfe“ mit unheimlichen Farben eine fast dämonische Stimmung und berührt im trübsinnigen „Stürmischen Morgen“. Beim schwermütigen Reiseabschnitt „Wirtshaus“ muss sich der Bursche zum Weiterwandern selbst motivieren und der Sänger aus Südtirol zeigt erneut ein großes Spektrum an Ausdruckskraft und baritonale Schwere bis er zuletzt überlegt, mit dem „Leiermann“, Lied Nummer 24, mitzugehen.

Eine sehr gute und dramatisch ausgelegte Zusammenarbeit und harmonische Übereinstimmung zeichnen Schuens langjährigen Klavierpartner Daniel Heide aus. Mit seiner akribischen Nuancierung und einer bemerkenswerten klanglichen Einstimmung gelingt eine umfassende Darstellung der Zusammenhänge, um diese Geschichte wahrhaftig zu einem intensiven Musikdrama zu erzählen. Besonders gut wiedergeben kann der Pianist aus Weimar unter anderem das Pferdegetrampel bei „Die Post“ und die fließenden Klänge, die gefühlsintensiv bei „Erstarrung“ ertönen.

Die Reise der Figur wird so zu einer wunderbaren musikalischen Winterreise, die einem an einem frischen Frühlingsabend das Herz warm werden lässt. Großer Jubel brandet im scheinbar ausverkauften Brahms-Saal berechtigter Weise auf.

Susanne Lukas

 

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