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WIEN/ Musiktheater an der Wien/Museumsquartier: LULU – „Ist das noch der Diwan auf dem sich der Vater verblutet hat?“

01.06.2023 | Oper in Österreich

„Ist das noch der Diwan auf dem sich der Vater verblutet hat?“ – Alban Bergs Lulu am Theater an der Wien im Rahmen der Wiener Festwochen, 3. Aufführung dieser Inszenierung am 31.05.2023

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Zu Recht muss die Frage gestellt werden, ob ein Stück wie Lulu überhaupt auf einer Bühne inszeniert werden kann. Zum einen, weil es sich um einen Torso handelt, das Werk also unvollendet ist und in der zweiaktigen Form ein offenes Ende hat. Zum anderen ist Bergs Werk von einer solchen Drastizität, dass es noch über die extreme Tonalität einer Elektra oder Salome hinausgeht. In seiner tonalen Konzeption verbindet es die Abgründe der menschlichen Seele, welche das Libretto offenbart, zu einem drastischen Werk, das – ungeachtet mit welcher Reaktion – sicherlich niemanden unberührt lässt. Kann man so etwas also überhaupt inszenieren?

Das TadW begegnet im Rahmen der Wiener Festwochen dieser Frage unkonventionell, indem es Marlene Monteiro Freitas mit der Rege des Werkes beauftragt. Das ist bemerkenswert, da Frau Monteiro Freitas eine Choreografin und Tänzerin ist, bei Lulu handelt es sich um ihre erste Opernregie. Ihre bisherigen Choreografien waren stets von der Intensität gezeichnet, die man mit zeitgenössischem Tanztheater landläufig in Verbindung bringt. Und so stellt sie an diesem Abend ihre Tänzer und auch die Akteure des Stücks in eine manegenhafte Sporthalle, wobei die Sänger nur selten in Interaktion zueinander treten. Oftmals stehen sie losgelöst voneinander und stehen so sehr für sich selbst, wie sie auch inhaltlich nicht füreinander da, sondern nur an sich selbst interessiert sind. Die tänzerische Choreografie umrahmt dabei exakt jene Gefühlswelt, die Berg in Lulu aufarbeitet. Genauso unerträglich wie das, was wir als Zuschauer miterleben müssen, sind dabei teilweise die Bewegungen der Tänzer, die stets mit aufgerissenen Augen expressiv agieren und oftmals surrealen Zuckungen die Komposition Bergs begleiten. Das ist in diesem Kontext mitnichten negativ gemeint, denn das Gebahren Lulus – aber auch aller Personen ihres jetzigen, als auch früheren Umfeldes – sind unerträglich in ihrem Handeln und ihren Ansichten. Schnell wird also klar: Diese Inszenierung unterscheidet sich in einer elementaren Frage von den sonst „handelsüblichen“ Produktionen, die einem mittlerweile in Wien vorgesetzt werden.

Frau Monteiro Freitas hat offensichtlich ein Konzept und es ist zwar anders und zunächst schwer zu fassen, doch passt tadellos. Denn Bergs Komposition ist zweifelsohne nichts für Zartbesaitete, eben ein hartes Stück und ein solches bedarf einer harten Inszenierung. Bis zum Ende des ersten Akts tragen alle auf der Bühne blaue Turnschuhe – blau als Farbe der Hoffnung? Kann es sein, daß Lulu doch nur ein Opfer der Umstände ist? In zweifelhaftem Millieu aufgewachsen, von Männern als Gegenstand angesehen, den sie besitzen wollen, zu deren eigenen Zwecken benutzt, nicht einmal mehr mit dem richtigen Namen angesprochen. Doch nein, diese Hoffnung stirbt zuletzt auch (nicht nur die zahlreichen Männer, die Lulu auf dem Gewissen hat): Ab der Szene, in der Lulu Dr. Schön dazu zwingt, seine Verlobung aufzulösen, trägt sie keine blauen Schuhe mehr. Sie zeigt ihre nackten Füße und diese sind mit grüner Farbe bemalt. Grün als Farbe des Hasses, des Giftes und des Todes. Sogar Dr. Schön selbst sieht in dieser Szene ein, daß er damit sich selbst hinrichtet und doch kann er nicht anders. Und Lulu?

Sie streitet ab, den eigenen Vater zu haben, benutzt alle zum eigenen Vorteil, sieht Menschen als Mittel zum Zweck. Denn Lulu geht es nur um eines – sich selbst. „Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen. Mein Mann“.

Vera-Lotte Boecker ist mittlerweile Spezialistin für die gebrochenen Rollen, für jene Frauen, die alles andere als lieb und nett sind, die Fragen aufwerfen, eine zerrüttete Seelenwelt aufzeigen und manchmal auch Entsetzen hervorrufen. Ihre Lulu aalt sich regelrecht in der Macht, die sie über Männer ausübt. Sie genießt es, diese benutzen zu können und sieht die dadurch resultierenden Möglichkeiten als unendlich an. Sie ist skrupellos und atemberaubend in einem. Dabei lässt sie ihren Sopran wie ein Skalpell durch den Saal schneiden. Selbst in höchsten Tonlagen fabriziert sie noch Koloraturen die fast unwirklich und doch süßlich verlockend wirken. Salome? Ein kleines Kindlein. Elektra? Ein Nachmittagsspaziergang. Diese Lulu öffnet den Weg in die Abgründe der menschlichen Seele, die man eigentlich weder sehen, noch beschreiten möchte. Und doch können wir nicht wegschauen, nicht weghören. Es graust uns vor dieser Frau, die sich am Leid ihrer Männer ergötzt. Und doch lassen wir uns verleiten, ihr und ihrem schändlichen Handeln zu folgen, uns zu Komplizen zu machen. Fürwahr: Bei Frau Boecker handelt es sich um ein Ausnahmetalent – Brava, bravissma!

Und auch Ihre Opfer sind an diesem Abend von allererster Güte: Kammersänger Bo Skovhus zeigt einen Dr. Schön, der mit aller Kraft versucht, Lulu unter Kontrolle zu halten. Doch mehr und mehr entgleitet ihm das Heft des Handelns. Widerstand ist hier zwecklos! Als Lulu ihn schließlich erschießt, atmet er zunächst dreimal tief ein. Es sind nicht sterbende, es sind befreiende Atmungen. Endlich kann er sich Luft holen, endlich Frieden finden, frei sein von diesem Dämon Lulu. Der Parforceritt, den auch er stimmlich im Vorfeld hinlegt, ist dabei ebenso bewundernswert wie seine darstellerischen Qualitäten. Sein Bass strotzt nur so von Stärke und fast schon stählerner Härte. Er lässt keine Zweifel daran, dass die Dinge nach seinem Willen geschehen sollen und doch – am Ende schwindet diese Stärke zugunsten einer Weichheit die das sich Ergeben Dr. Schöns, ja, das resignieren und fügen in sein Schicksal fabelhaft umreißt – bravo, bravissmo!

Einen gegensätzlicheren Charakter könnte man mit dem Maler kaum konzipieren und Cameron Becker bringt hier einen einfühlsamen jungen Mann auf die Bühne, der meint, nur für die Kunst zu leben. Auch Lulu sieht er als Kunstwerk an, welches er zunächst vergöttert. Er weiß dann auch gar nicht, wie er zu seinem Glück kommt und verschließt die Augen vor dem tatsächlichen Charakter Lulus. Als Muße will er sie sehen, verkauft nun seine Bilder von Lulu zu unerhörten Preisen und besingt mit seinem jugendlichen Tenor in elegantem Fluss ihre Schönheit und sein Glück. Umso schwerer wiegt der Zusammenbruch, als er von Schön erfährt, was es wirklich mit Lulu auf sich hat, dass er nur eine Puppe ist, die von Lulu (aber auch Schön) benutzt wird. Der Charakter des Malers ist dabei so zart wie die lyrische Stimme Herrn Beckers. Bewundernswert auch, daß er die schweren Partien ohne jedweden Kratzer elegant und perfekter Lautstärke zu singen vermag, nie wirkt etwas schrill oder gar geschrien. Die Eleganz dieses jungen Künstlers bringt Becker hier genauso edel auf die Bühne, wie die Verzweiflung die jäh in ihm hochkocht, als er bemerkt, daß all die Befürchtungen welch er verdrängte wahr geworden sind – Der Freitod ist die einzige Lösung für ihn und dieser ist so grausam wie Lulu selbst. Wir leiden mit dem Maler und bejubeln Cameron Becker – bravo, bravissimo!

Im Sohn Dr. Schöns, Alwa, finden wir dabei eine interessante Figur, die als Mischung aus Maler und Schön gesehen werden kann: Einerseits kunstsinnig, wie der Maler, andererseits ein Machtmensch wie sein Vater. Doch ist er viel verschlagener und nicht so brutal wie dieser. Er wartet auf seine Stunde, lässt den Vater sterben und hilft Lulu tatsächlich noch, zu entkommen. Selbst als diese nach ihrer Flucht darauf hinweist, daß sie seine Mutter vergiftet hat, ignoriert er das. Und als sie schließlich noch weitergeht und ihn fragt „Ist das noch der Diwan, auf dem sich der Vater verblutet hat?“, antwortet er nur „Schweig! Schweig!“. Edgaras Montvidas lässt diesen Charakter im Verlauf des Stückes selbst weiterwachsen, er sieht, was sein Vater mit Lulu getan, aber auch falsch gemacht hat, glaubt es besser machen zu können und wagt es tatsächlich sich in Lulus Arme zu geben – nur um gleich zu erkennen, dass auch er scheitern wird und seine erdachte Überlegenheit ein reiner Selbstbetrug war. Das Einzige, was man Herrn Montvidas vorwerfen könnte, sind gelegentliche Unschärfen bei der deutschen Artikulation, aber das sei ihm verziehen. Auch dieser spiegelt seinen Charakter tadellos wider, hier ist ein suchender, verlorener Sohn zu sehen, der unter der Dominanz des Vaters nie zu einem eigenen, emanzipierten Charakter heranreifen konnte. So versucht er postum dem Vater zu beweisen, daß er es besser kann – nur um zu scheitern und in der Hingabe an Lulu sein Aufgeben finden zu können. Am Ende steht er verloren vor Lulu, eine Reitgerte in der Hand, diese aber als Blindenstock benutzend. Bravo Herr Montvidas, was für eine eindringliche Darstellung!

Lulus Strahlkraft ist zu diesem Zeitpunkt schließlich so groß, daß ihr selbst ein jugendlicher Gymnasiast verfällt. Naiv denkt er zunächst, Lulu aus ihrem Schicksal der Haft befreien zu können. Und Katrin Wundsam verkörpert diese jugendliche Naivität ganz wunderbar. Ihr Mezzo strotzt nur so vor Tatendrang und hat dabei eine Art jugendlicher Reinheit. Ja, da kommt er uns wieder in den Sinn, der reine Tor aus dem Parsifal, nur dass dieser Tor hier kurz davor ist, jedwede Reinheit abzulegen. Denn diese Lulu ist mehr als nur ein männermordender Vamp, sie ist tatsächlich die im Vorspiel angekündigte Schlange, die nimmersatt alles verschlingt, was ihr über den Weg läuft. Es ist der Zufall, der den Gymnasiasten vor dem Unheil bewahrt. Zwar hat er sich schon unerlaubt aus dem Gymnasium entfernt, schon den ersten Schritt ins Verderben getan. Doch Alwa rettet ihn unwissentlich vor seinem Schicksal, da er ihm erzählt, daß Lulu gestorben sei. Glück gehabt, sowohl der Charakter, der geknickten Hauptes und sichtbar gebrochenen Herzens davonzieht, als auch wir im Publikum, da Frau Wundsam ebenso ein Gewinn für den Abend ist und auch diese Facette des Spektrums, welches Lulu zum Opfer fällt exzellent abdeckt. Brava, bravissima für diesen vollkommen bemerkenswerten Auftritt!

Die Macht, welche Lulu ausübt, reicht letztlich also von ganz jung, über Frauen (ebenso mit grandioser Noblesse und stimmlicher Grandezza: Anne Sofie von Otter als willenlose Gräfin Geschwitz) bis hin zu den ganz alten: Ist Schigolch wirklich Lulus Vater? Wir wissen es nicht sicher, doch scheint es, als sei auch dieses eine Lüge, um einen weiteren ihrer versklavten Verehrer in ihrem Umfeld haben und so ihre Macht ausüben zu können? Letzteres ist wahrscheinlich. Sicher ist, dass Kammersänger Kurt Rydl hier wieder einen grandiosen Auftritt hat und uns einen Mann zeigt, der sich schon selbst aufgegeben hat, verwahrlost ist, um all sein Tun und Handeln in den Dienst Lulus zu stellen. Dass der noch immer so voluminöse und sonore Basse von Herrn Rydl größte Kraft aufweist, sorgt für einen kurzen Zwischenapplaus nach seinem ersten Abgang und auch sonst berechtigten, großen Applaus. Ihm gelingt es – wieder einmal – eine Nebenrolle detailreich zu skizzieren und bis in kleinste Details der Mimik voll und ganz dieser Mann zu sein. Da hat noch einer lange nicht genug und steckt uns mit seiner Freude an der Rolle so sehr an, dass wir uns an ihm weder satt sehen, noch hören können – bravo, bravissimo Kurt Rydl!

Über all dem thront das Radio Sinfonieorchester des ORF, denn es ist nicht im Orchestergraben, sondern hinter und über der bespielten Bühne angesiedelt. Dirigent Maxime Pascal steht dabei auf einem Podest welches auf Höhe des Orchesters auf der Bühne selbst steht und überschaut vor Beginn jeden Teils das Treiben der Tänzer und der Protagonisten. Das RSO spielt sich wahrhaftig die Seele aus dem Leib, denn Maestro Pascal gelingt es mit diesem Klangkörper die wuchtige Tongewalt Bergs zu beherrschen und unfassbar gute Klänge zu erzeugen. Eine Schande, dass man dieses Orchester aufgeben wollte, ein Glück es heute erleben zu dürfen. Hier bekommt die Moderne im Allgemeinen und die Zwölftonmusik Bergs im speziellen eine fass- und verstehbare Form, gemeinsam erzeugen Orchester und Dirigent pure Ästhetik und in Kombination mit den Sängern ein gewaltiges Werk. Von zarten, leisen Stellen, die das versteckte Leid und den Schmerz der Protagonisten widerspiegeln, über geheime Sehnsüchte der einzelnen Charaktere, bis zu den Schrecken die Lulu letztlich in die Welt setzt. Und dennoch werden auch sie in Lulus treiben mit einbezogen, sie stellt sich vor den Dirigenten und agiert auf die Bühne hinunter, macht selbst vor diesen außerordentlichen Künstlern nicht halt. Bravi, bravissimi tutti!

Lulu ist also wie eine Seuche, wie eine Droge von der niemand loskommt, schlimmer als Heroin, Crack und was die Giftlabore sonst noch zu bieten haben. Unmittelbar wird man süchtig und sie zehrt einen aus, bis man ausgemergelt und willenlos ohne Widerstand in den Tod gleitet. Doch wie schon bei Dorian Grey, hat dies seine Folgen: Frau Monteiro Freitas lässt das Stück an der Stelle der Originalkomposition enden. Die Protagonisten und Tänzer gehen still ab. Es folgt die Lulu Suite und plötzlich bewegt sich in langsam, schwer zu fassenden Bewegungen ein larvenartiger Torso auf die Bühne. Gekleidet in weiße Tücher, maskiert mit einer stark geschminkten Frauenmaske, die Augen wie zwei seelenlose Gucklöcher. Verkrüppelt und offensichtlich körperlich Schmerzen leidend, doch stumm fällt ihr jede Bewegung schwer. Sie wird von einem Mann begleitet, der sich ihr aufopfert, sie stützt und stets versucht ihr Zuneigung zu beweisen. Doch die Figur wendet sich ausschließlich dem Publikum zu, begehrt nach Aufmerksamkeit, als wolle sie sagen: Sehr ihr wie schön ich bin? Ist dies der Zustand, in dem Lulu enden wird? Selber völlig verzehrt von dem Gift, welches sie selbst versprühte? Ausgemergelt und ruiniert und dennoch sich nicht besinnend und weiter ihr grausames Still treibend? Die Inszenierung von Frau Monteiro Freitas hinterlässt einen Abend, der sich ins Gedächtnis brennt und mehr als außergewöhnlich ist – Brava! Die Musik endet, das Licht erlischt, der Rest ist Stille.

E.A.L.

 

 

 

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