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WIEN/ Musiktheater an der Wien: LA PÉRICHOLE

21.01.2023 | Oper in Österreich

MusikTheater an der Wien im MuseumsQuartier Halle E: LA PÉRICHOLE 20.1.2023 (Premiere am 16.1.2023):

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Nach Wikipedia liegt der dreiaktigen opéra-bouffe, deren Libretto von dem Erfolgsduo Henri Meilhac und Ludovic Halévy stammt, die historische Liaison zwischen Manuel d‘ Amat i de Junyent, Vizekönig von Peru zwischen 1761 und 1776, und der Schauspielerin María Micaela Villegas y  Hurtado (1748-1819), genannt La Perricholi, zu Grunde. Jacques Offenbach war ein aufmerksamer und scharfer Kritiker der politischen Verhältnisse seiner Zeit und Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan folgt ihm in dieser Tradition und versetzt das südamerikanische Liebesdrama in das Operettenwien der Gegenwart mit seiner Unzahl an politischen Skandalen. Gesungen wird die zweite, für Mezzosopran geschriebene Pariser Fassung von 1874 in der Übersetzung von Bernd Wilms unter Verwendung von Versen von Karl Kraus und Stefan Troßbach. Die Besetzung weist zwei ausgebildete Sänger für das junge Liebespaar auf, den Rest bestreiten singende Schauspieler. Ganze 14 Walzer (!) und einen Bolero im dritten Akt kommen in dieser schmissigen Operette vor. Bei Habjan feiert die oft totgesagte Operette in einer opulenten, pointenreichen Bearbeitung ihre grandiose Auferstehung. Aber Hand aufs Herz: die ersten beiden Akte verliefen trotz zahlreicher Anspielungen, die wohl nur ein wienerisches Publikum verstehen wird, etwas schleppend. Man hätte die Dialoge durchaus straffen und damit gut eine halbe Stunde gewinnen können. Die Bühne zeigt zunächst ein überdimensionales Wahlplakat des notorischen Schwerenöters und Vizekönigs Andrés de Ribeira (Alexander Strömer) mit dem Slogan „Peru darf nicht Österreich werden“ in Anspielung auf einen geschmacklosen FPÖ-Slogan aus dem vorigen Jahrhundert. Der Vizekönig hat es auf die völlig mittellose und hungernde Straßensängerin La Périchole abgesehen, die er schließlich zu seiner Mätresse macht, die aber vorher noch verheiratet werden muss. Das Plakat prangt nun zwischen einem hässlichen Gemeindebau und einer desolaten Gründerzeitfassade. Auf der rechten Bühnenseite steht noch eine Würstelbude „Zu den 3 Cousinen“ als Anspielung auf die TV-Serie „Drei Damen vom Grill“ und im typischen rosafarbenen Outfit der Kellnerinnen der Konditorei Aida in Wien. Der Vizekönig, begierig darauf zu erfahren, was seine Untertanen von ihm denken, mischt sich in Verkleidung eines Arztes, gleich seinem berühmten Vorgänger Harun-al-Raschid, unter das Volk. Links sieht man noch ein blaues Straßenschild mit der Aufschrift „Plaza de la Corruptión“ und das Publikum weiß, wo sich dieser Platz in Wien befindet…

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Foto Werner Kmetitsch

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Anspielung auf einen „Altkanzler“. Foto: Werner Kmetitsch

Großen Unterhaltungswert liefert gleich zu Beginn Gerhard Ernst als Don Pedro de Hinoyosa in Gestalt des berühmten “Hofstädter“-Fleischhauers, der an das Publikum Punschkrapferln verteilt. Politische Anspielungen auf Grasser, Beinschab, Karmasin, Untersuchungsausschuss, und immer wieder Kurz und sein Adlatus Thomas Schmid, der seinen Kanzler wahrlich liebte wie kein anderer, ziehen sich durch die Aufführung. Am Schluss ist der merklich gealterte Kanzler, der sich mit einem Messer durch vier Wände seiner Zelle gleich dem „Grafen von Monte Christo“ gegraben hatte, als Klappmaulpuppe zu sehen, die auf einem Fagott George Michaels Careless Whisper intoniert. Und es wird verlautbart, dass er vielleicht in zwölf Jahren doch noch sein Jus Studium vollenden könnte. Der Vizekönig, der in Verkleidung des Gefängnisdirektors im Kerker im Tonfall von Hans Moser spricht, hat seine Parallele im Gerichtsdiener Frosch in der Fledermaus. Im dritten Akt ist man dann auf dem Wiener Opernball gelandet und zu beiden Seiten des Ballsaales befinden sich zwei Logen, aus denen vier Hofdamen das Geschehen verfolgen. Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann erweiterte den Bühnenraum noch durch Einbeziehung eines rund um den Orchestergraben angelegten Laufsteges, der den notwendigen Platz für das von den Schergen dirigierte Volk bot. Am Ende zwingen die anwesenden TV-Sender mit ihren Kameras den Vizekönig zu einem Einlenken zugunsten des Straßensängerpaares und er macht „bonne mine à mauvais jeu!“

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Foto: Werner Kmetitsch

Der kanadische Dirigent Jordan de Souza leitete ein prächtig spielendes ORF Radio Symphonieorchester Wien, das auch die von Offenbach eingestreuten Zitate von Donizetti und Rossini pointiert darbot. Erwin Ortner leitete den Arnold Schönberg-Chor als resigniertes und vom Alkohol betäubtes Volk. Anna Lucia Richter reüssierte als emanzipierte Straßensängerin La Périchole mit tragfähigem Sopran und herzzerreißender Komik. Als ihr geliebter, aber etwas dümmlicher Partner Piquillo verströmte David Fischer tenorales Flair und durfte sogar für wenige Sekunden den Tamino aus Mozarts Zauberflöte intonieren. Unter diesen „Beherrschten“ reiht das Programmheft noch die drei Cousinen Tania Golden/Guadalena, Bettina Soriat/Berginella und Alexandra Maria Timmel als Mastrilla sowie die zwei Hunde, deren Köpfe aus den Ärmeln von Anderson Pinheiro da Silva bedrohlich hervorlugen. Letzterer bediente auch noch gemeinsam mit Angelo Konzett die Klappmaulpuppe des alten Gefangenen alias Sebastian Kurz. Neben dem hervorragend spielenden Vizekönig von Peru, Alexander Strömer, wirkte auch der als Kolporteur fungierende zynische erste Kammerherr Panatellas von Boris Eder und der bereits erwähnte Gerhard Ernst als korrupter Stadtkommandant Pedro de Hinoyosa, mit. Paul Graf und Florian Stanek gaben die zwei wie siamesische Zwillinge agierende Notare. Die vier Hofdamen wurden von den drei Cousinen vom Grill hier als Manuelita, Frasquinella und Brambilla, verstärkt durch Susanna Hirschler als Ninetta, mit pompösen Frisuren dargeboten. Die prächtigen Kostüme entwarf Cedric Mpaka, die schmissige Choreografie Esther Balfe. Die Einleuchtung der Szenen gestaltete Franz Tscheck. Am Ende gab es starken und verdienten Applaus für alle Miktwirkenden, allen voran das junge Straßensängerpaar.

 

  Harald Lacina 21.1.

 

 

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