MusikTheater an der Wien LA CALISTO 16.9.2026 Premiere.:

Copyright: Matthias Baus
Die wohl erste „queere“ Oper stammt von keinem geringeren als dem italienischen Komponisten und Organisten Francesco Cavalli (1602-76), eigentlich Pier Francesco Caletti-Bruni. 1616 wurde er von Claudio Monteverdi als Knabensopran, später als Tenor am Markusdom in Venedig engagiert. Die bei ihrer Uraufführung in Venedig 1651 wenig erfolgreiche Oper La Calisto beruht auf dem dreiaktigen Libretto von Giovanni Faustini, der darin einen Stoff aus dem 2. Buch der Metamorphosen, Verse 301-532, des antiken römischen Dichters Ovid behandelte. Mit Ovid als Lehrmeister in Sachen Erotik vermochten Faustini und Cavalli die römische Moral wie die Eth ik der Humanisten zu überwinden. Ende des 20. Jhd. hat man die Qualitäten der Calisto wiederentdeckt und das Werk oft gespielt. So auch im Rahmen der Wiener Festwochen 2003. Zu Beginn der Oper schreitet Calisto in einem schwarzen Pelzmantel, ihrem späteren Bärenkostüm, sinnierend über die Bühne. Danach beschließen die allegorischen Figuren des Schicksals, der Natur und der Ewigkeit die Aufnahme Calistos als Sternbild in den Olymp. Das Arkadien der Götter ist untergegangen, die Welt ist durch ein gewaltiges Feuer verwüstet. Jupiter will die Erde retten, verliebt sich aber in die Nymphe Calisto. Als „Grünpolitiker“ will er die Erde nach der allesverheerenden Dürre wieder mit Wasser versorgen. Calisto ihrerseits hat sich dem Keuschheitskult der Jagd- und Mondgöttin Diana verschrieben. Jupiter greift zu einer fiesen List: In Gestalt der Diana verführt er Calisto, die davon schwanger wird und später den Knaben Arkas gebären wird. Als Calisto schließlich auf die echte Diana trifft, erfährt sie Zorn und Zurückweisung. Die ach so „keusche“ Diana aber ist dem jungen Endimione verfallen, was wiederum den Hirtengott Pan mit Eifersucht erfüllt. Jupiters Gattin Juno zieht schließlich erbost und verletzt einen Schlussstrich und verwandelt die schuldlose Calipso in eine wilde Bärin. Die Bühne von Silke Bauer zeigt eine rippenförmige Röhre, die in die Unendlichkeit führt. Diese „Rippen“ schaffen Atmosphäre, indem sie ineinander verschoben werden können und farblich die Stimmungen der Protagonisten unterstreichen. Die Hauptakteure sind alle ihren Trieben schutzlos ausgeliefert und frönen auf tragikomische Weise der Wollust und ihren unbändigen Trieben.

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Die Kostüme von Yashi sind größtenteils antikisierend, gemäß den mythologischen Vorstellungen. Die entblößte Brust von Calisto und den übrigen Dienerinnen der Diana weist daraufhin, dass sie zum besseren Spannen ihres Jagdbogens eine Brust entfernt hatten. So auch die tragisch-komische Linfea, die auch einmal in ihrem Leben die Wollust körperlicher Liebe erfahren möchte. Das Personal der Faune ist durch Hörner und Fellhosen eindeutig charakterisiert. Jupiter und sein Begleiter Mercurio tragen heutige Anzüge, rauchen und haben natürlich Smartphones bereit. Am Ende wird noch die Brücke zum Christentum geschlagen und Jupiter erscheint als Gottvater mit weißem Bart, um sich schließlich noch in den Sonnenkönig Ludwig XIV. zu verwandeln… Dank der Choreografie von Beate Vollack gewann der Abend an pulsierendem Leben, sobald die Tänzer die Bühne befüllten. Vera-Lotte Boecher ist eine berückende blonde Calisto mit ordentlich geführtem Sopran. Ihr „certo dolce che, che dir non tel saprei“ (eine gewisse Süßigkeit, die ich dir nicht zu nennen wüsste), umschreibt unmissverständlich den weiblichen Orgasmus und wird später von Cherubino in Mozarts Le nozze die Figaro aufgegriffen. Giuseppina Bridelli als intensive Juno erinnert natürlich an Hera oder Fricka, die ihren Gatten stets nacheilen, um diese daran zu hindern, weitere Kebskinder in die Welt zu setzen. Luciana Mancini als Diana hatte für mein Gehör in der Höhe einige Intonationsprobleme, dafür aber eine überzeugende Darstellung der casta diva, die ihre Keuschheit spätestens beim Anblick des Hirten Endimions über Bord wirft, um sich ihm alles andere als keusch zu nähern. Der Countertenor Arnaud Gluck war dieser zarte Jüngling Endimione mit wohlgeformter heller Stimme. Der Schweizer Bassbariton Milan Siljanov als Jupiter mimt den Herrn des Abends, wäre da nicht seine rasend eifersüchtige Gattin Juno. Dabei singt er als Diana verkleidet mit Falsett als Sopran. Chapeau! An seiner Seite der Mailänder Bassbariton Renato Dolcini als Mercurio, ein Intrigenspinner wie Loge im Rheingold. Der in Sevilla geborene Tenor Juan Sancho war ein eifersüchtiger Pan, Gott der Satyrn, der ebenso in Diana verliebt ist, aber schließlich gleichfalls der Schönheit von Endimione verfällt. Der portugiesische Bass João Fernandes steht ihm als Silvano zur Seite. Es ist immer wieder eine große Freude, Countertenor Jake Arditti auf der Bühne erleben zu dürfen. Ob als Nerone in Händels Agrippina, David in dessen Saul, Rinaldo in der gleichnamigen Oper von Händel, Hänsel in Humperdincks Hänsel und Gretel, als Emone in Tommaso Traettas Oper Antigone oder zuletzt als Erissena in Leonardo Vincis Oper Alessandro nell’Indie. In Calisto war er der „kleine Satyr“, Satirino, halb Mensch, halb Ziegenbock, der von Linfea verschmäht wird und die Schuld seinem vielleicht zu kleinen Penis zuschob.

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Und schließlich noch der einzigartige niederländische Tenor Marcel Beekman, der vor allem in der Rolle der Nymphe Platée 2014 für Furore sorgte. Es ist einfach genussvoll seinen drastischen Ausdrucksformen und Gesang zu folgen. Nicht unerwähnt sollen die ausdrucksstarken Tänzer des Abends sein: Ann-Kathrin Adam, Stephanie Carpio, Jackson Carroll, Martina Consoli, Lorenzo Galdeman, Filip Löbl, Yannick Neuffer und Renata Parisi. Am Pult des von ihr gegründeten Ensembles L’Arpeggiata dirigierte die in Graz geborene österreichische Lautenistin und Barockharfenistin Christina Pluhar Cavalli engagiert und temporeich, wodurch keine Längen wie bei späteren Barockopern entstanden. Auch gelangen ihr prächtige Arrangements, die sich dem musikalischen Stil Cavallis annäherten und Ausflüge ins Jazzige… Dem Hausherrn Stefan Herheim gelang mit seiner Interpretation der Calisto eine Meisterregie, die das Zeug hat die beste Opernaufführung des Jahres zu werden und sicher wieder viele Auszeichnungen zu gewinnen. Der frenetische Applaus mit zahlreichen Bravirufen gab ihm Recht und veredelte den Abend verdientermaßen mit Standing Ovations.

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Harald Lacina

