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WIEN/ Musiktheater an der Wien: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Romantischer Mädchentraum in abstoßender Männerwelt

29.10.2026 | Oper in Österreich

28.10. 2026 Musiktheater an der Wien DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Romantischer Mädchentraum in abstoßender Männerwelt

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Foto: Youtube-Video

Ganz auf Senta hat Philipp Stölzl (Szenische Neueinstudierung: Philipp M. Krenn; Kostüm: Ursula Kudrna; Bühne: Philipp Stölzl und Conrad Moritz Reinhardt) die Holländer-Geschichte fokussiert. Als in einer Bibliothek (seelisch) eingesperrtes höheres Töchterlein der guten Bürgerlichkeit der Entstehungszeit der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts hat sich diese Senta ihre Phantasiewelt zusammengebaut. Immer wieder nimmt sie ein großes Buch zur Hand, die dort enthaltene Geschichte des unseligen Mannes, der seinen Frieden nur in der Erlösung durch die Treue einer Frau finden kann, fasziniert sie und lenkt sie ab: Von ihrem todlangweiligen Verehrer Erik und ihrem grausamen Vater Daland, der sie wie Vieh an den nächstbesten verschachern würde, Hauptsache es kommt dadurch Geld ins Haus. So lebt sie – manifestiert durch ein übergroßes Bild in der Bibliothek, das zunächst das wilde Meer zeigt – in ihrer eigenen Welt. Die Seefahrergestalten (piratengleich, auf Jonny Depp wartet man leider vergeblich) betreten aus dem mit zusehends allerlei Staffage und Projektionen angereicherten Bild heraus das Wohnzimmer. So verschwimmen auch in den weiteren Akten Realität und Phantasie, besonders dann – ein erstaunlicher, aber durchaus gelungener und schlüssiger Coup – wenn Daland nicht mit dem Holländer, sondern einem weit weniger attraktiven, dickbäuchigen, angejahrten und saturierten männlichen Geschöpf als zukünftigem Bräutigam bei seiner Tochter vorstellig wird. Dass sie diesen nach einer feucht-fröhlichen Hochzeitsfeier eingangs des dritten Aktes eintleibt, versteht sich von selbst. Dass es Stölzl schafft, dem Publikum zu suggerieren, dass Sentas Selbstmord – während im Bühnenhintergrund mit ihrem Double ihre erdachte Romanze mit dem Holländer einen glücklichen Ausgang nimmt – der einzige mögliche Ausweg aus ihrer alltäglichen Tristezza ist, ist schon ganz große Klasse. Überhaupt, wie er jede der Personen zum jeweiligen Gegenüber in Beziehung setzt, Bande knüpft, durch kleine Gesten und Aktionen genau die Gefühle wiedergibt, die gerade in der Bühnenperson wohnen, verdient allergrößten Respekt.

Ein derartiges Konzept kann nur dann funktionieren, wenn man eine Senta zur Verfügung hat, die eine überragende Bühnenpräsenz aufweist und auch gesanglich allen Anforderungen des Wagnerschen Frühwerks gerecht wird: Ambur Braid, 43-jährige Kanadierin, ist spätestens seit ihrer heurigen Färberin in Aix-en-Provence in der Liga der ganz großen dramatischen Sopranistinnen angekommen. 2 ½  Stunden hindurch beherrscht sie pausen-los die Bühne, ist das trotzige Kind, das sich unter dem Tisch versteckt, ebenso wie die aufmüpfige Tochter des Hauses, die sich nur ungern von ihrer Kammerzofe Mary ins Korsett zwingen lässt, und die attraktive junge Frau, die sehr wohl weiß, wie man lästige Verehrer abwimmelt. Einzig vor ihrem Vater und seinen Ambitionen kann sie nur durch Flucht in die Phantasiewelt entweichen. Ihre Stimme ist groß und schnörkellos, hat viel Verve, eine starke Ausdruckspalette, und ganz natürlich hört man in fast jedem ihrer Töne die ganz große Wagnersche Bühnentochter, die, die sich ihrem Vater wirklich widersetzt: Möge sie bald auf den Bühnen der Welt auf Grane heranreiten! Dass vielleicht der eine oder andere Ton ein wenig scharf klingt, ist ihrem besonderen Engagement zuzuschreiben.

Neben so viel Frauenpower tut sich jeder-mann schwer: Jordan Shanahan, aus Hawai, hat sich in den letzten Jahren weltweit im Wagner-Bassbaritonfach etabliert, war beispielsweise kürzlich an der Wiener Staatsoper als Telramund zu Gast. Er hat eine für den Holländer im Kern ideale Stimme, vielleicht fehlt es ein wenig an Pianokultur, jedenfalls aber an dämonischem Ausdruck: Sein geheimnisvoller Seefahrer kommt trotz verwegenen Bühnenoutfits ein wenig zu brav daher, bietet aber genug, um als Projektionsfläche für Sentas Mädchenphantasien zu dienen.

Ihr Bühnenvater Wilhelm Schwinghammer ist für Wagnerkenner und -freunde auch kein unbekannter. Der bayerische Bass verfügt über einen ordentlichen, wenn auch nicht sehr kräftigen Bass, darstellerisch ist er für diese Produktion, die Daland in ein besonders übles Licht stellt, fast ein wenig zu sympathisch.

Der deutsch-amerikanische Tenor Cameron Becker ist in der undankbaren und schwierig zu singenden Rolle des Erik zu erleben. Ein norwegischer Don Ottavio quasi, der verzweifelt vergeblich um die Liebe seiner Braut ringen muss. Darstellerisch ambitioniert funktionieren seine Höhen sehr gut, die eine oder andere Phrase ist manchmal etwas eng, sinnlichen Schmelz sucht der Zuhörer vergeblich.

Aufhorchen lassen James Ley mit schönem, schlanken Tenor als Steuermann, und Ieva Prudnikovaite mir rundem Mezzo als Mary.

Gewohnt überzeugend der Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner). Robert Jindra debutierte erst kürzlich an der Wiener Staatsoper mit Rusalka, und sorgt nunmehr als Dirigent der Wiener Symphoniker für einen eher transparenten, jedenfalls nicht dicken Wagner-Klang. Die eine oder andere Phrase besonders gegen Ende des ersten Aufzugs mag etwas verschleppt klingen, insgesamt aber eine solide Leistung, wenn man berücksichtigt, dass die Opern Richard Wagners nicht zum Kernrepertoire des Orchesters gehören.

Sabine Längle

 

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