Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Museumsquartier/Festwochen: EINSTEIN ON THE BEACH von Philip Glass

11.06.2022 | Oper in Österreich

Fest der Bedeutungslosigkeit? „Einstein on the Beach“ bei den Wiener Festwochen

Frisch vom Theater Basel (Premiere am 4. Juni) ist Susanne Kennedys (Konzept/Regie) und Markus Selgs (Konzept/Bühne) Version von Philip Glass’ Minimal-Meilenstein, den einst Robert Wilson mit ihm ersann und 1976 aus der Taufe hob, nun zweimal (nur noch heute, Samstag) in der (großen) Halle E des Museumsquartiers zu sehen. In dieser hebt sich für den Abend das Gefälle auf: Es gilt freie Platzwahl auch auf der Bühne, was die Zuschauer reichlich und immer reichlicher nutzten. Auf dem Beizettel zum Programmheft steht: „Achten Sie bitte aufeinander und wechseln Sie ab und zu die Plätze.“ Das geschah zwar nur teilweise, aber man kann schon verstehen, dass die auf stete Wiederholung vertrauende Einkehr den (post-post-?)modernen Hektiker fast schon süchtig machte. Ich spreche mich selbst schuldig.

höhn
© Ingo Hoehn

Denn es füllte den Raum mit Freiheit, dass kein Bedeutungsächzen als Druckwelle über die Rampe ging, sondern alles darauf gestimmt war, einander zu begegnen: Künstler und Publikum Auge in Auge, immer nur anbietend, nichts aufdrängend. Zumindest ortet man, beim eigenen Genuss betreten und sich fragend, warum, so den Standpunkt des Zuschauers in einem Geschehen, das nichts Entschlüsseltes übergeben, sondern Stimmungen und kleine Wellen durch dich, mich und alle schicken will. Dem diente die Bühne mit viel Hingabe, aber nicht immer ganz rechten Mitteln: Die sich ständig wandelnden animierten Projektionen spannen Bögen zwischen den Jahreszeiten, Reifung und Verfall, der Unterwerfung der Natur durch den bauenden Menschen und ihren Rückgewinn durch schillerndes Pflanzenwerk, bevor am Ende Vorboten des Infernos gerade noch von an Van Goghs Äcker gemahnenden Farbmischungen ästhetisiert werden. Rettung durch Kunst? Man geht eigentlich schon fehl, wenn man solches aus diesem Abend auszupressen versucht. Kennedy und Selg wollen mit aller Kraft der Optik gefallen, ebenso Teresa Verghos Elastan-Kostüme. Wenn man sich nähert (vielleicht auch ohne), droht aber die Entzauberung: Die übersatten Farben, das totemistische Zeug (Knochen, Tierschädel, Amulette), die seltsam fratzenhaften Karyatiden, die ständigen Wassertropfen, die digital auf dem Stein zu versiegen scheinen, die Hügelchen und Tempelstufen, die schemenhaften Lagerfeuer aus Kunststoff, die umhergeführte Ziege (!), der kleine Blutahorn, all das wirkt dann schnell etwas kunstgewerblich, als nehme jemand seine eigenen Behübschungskünste allzu ernst.

hön
© Ingo Hoehn

Man hätte sich von Kennedy, die eine der bedeutendsten Theaterschaffenden der Gegenwart ist und deren Kunst auch von Leuten, die dem voreiligen Wort sonst wenig frönen, als „genial“ (Ronald Pohl) bezeichnet wurde, einen Entwurf gewünscht, in dem Natur, Künstlichkeit, Gegenwart, Abstammung und Zukunft mehr in Dialog treten denn als stille Materialschlacht bloß aufgeboten zu werden. Aber womöglich ginge das nur um den Preis dieser sanft jubilierenden Bedeutungslosigkeit. Wenn am Schluss die schier endlos wie in Pink Floyds „Great Gig in the Sky“ vokalisierende Frau zu Grab getragen wird, weht wieder jene Magie im Raum, die sich ein großer Abend, wie lang er auch dauern mag, stets zurückholt. Und das war es gewiss trotzdem, denn das Publikum blieb ganz überwiegend bis zum Ende der dreieinhalb offiziell pausenlosen Stunden.

Allein die Tatsache, dass eine solche Partitur noch live von Musikern gespielt wird, an deren Geduld sie wahrlich zehrt, beseelte einen: und ebenso sehr, dass es zumindest an einer Stelle kurz asynchron wurde und der Dirigent (die Ruhe selbst und am Schluss wieder energetisch: André de Ridder) vehementer schlagen musste – da merkt man wieder, was diese Leute leisten, man hätte sie sonst fast schon für Uhrwerke gehalten. Sowohl das schlank besetzte Ensemble Phoenix (als ständige Präsenz auf der Bühne: Geigerin Diamanda Dramm) als auch die Basler Madrigalisten könnten mit dem Stück sofort um die Welt touren. Aber das will man ihnen dann doch nicht zumuten.

Gregor Schima

 

 

Diese Seite drucken