Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Leopold Museum: LINIE UND FORM

24.05.2014 | Ausstellungen

Leopold Linie und Form, Plakat

WIEN / Leopold Museum:
LINIE UND FORM
100 Meisterzeichnungen aus der Sammlung Leopold
Vom 23. Mai 2014 bis zum 20. Oktober 2014 

 

Was der Rudolf Leopold alles gesammelt hat!

Fragt man nach der tieferen Ursache vieler Ausstellungen, mag es zahlreiche Antworten geben. Das Leopold Museum bietet hundert Meisterzeichnungen, weil Graphik derzeit „in“ ist, auch leichter zu handhaben als Gemälde, weil man sie selbst besitzt und nicht leihen (transportieren, extra versichern usw.) muss, weil man auch die Gelegenheit benützt, an den eigenen Beständen, wenn man sie hervorholt, wissenschaftlich zu arbeiten (das tun alle Häuser, die auf sich halten). In diesem Fall aber mag es wohl auch im Sinn der Witwe Elisabeth Leopold, die so unbeirrt an vorderster Front für das von ihrem Mann initiierten Museum kämpft (das geht ja mitunter nicht ohne Stürme ab, wie man sich erinnert), auch um eines gegangen sein: wieder einmal aufzuzeigen, wie groß die Leistung ihres vor nun auch schon fast vier Jahren verstorbenen Gatten Rudolf Leopold war.

Von Renate Wagner

Zahlen, die für Qualität stehen     Die Sammlung Leopold, und da spricht man vermutlich nur von jener, die in das Museum eingegangen ist, nennt rund 5.700 Werke ihr eigen. Bedenkt man, dass über 3000 davon Graphiken sind, handelt es sich dabei auch um eine gewaltige „graphische Sammlung“. Und wenn es nun um ein „Best of“ gehen sollte, um hundert wirklich „ausgewählte“ Werke, dann konnte man in Schätzen wühlen und aus dem Vollen schöpfen.

LeopoldMus Schiele grüne Hand 
Egon Schiele: Die grüne Hand (1910)

Mit Schiele begann’s   „Die Sammlung nahm von der Zeichnung her ihren Ausgang“, erzählt Elisabeth Leopold. Ihr Gatte, von Beruf Augenarzt, hatte seine Liebe zur Kunst bei den Alten Meistern des Kunsthistorischen Museums (und vermutlich auch bei den Zeichnungen der Albertina) entdeckt. Aber dann kam ihm in den Nachkriegsjahren in die Hände, was damals keiner schätzte: Zeichnungen des 1918 verstorbenen und vergessenen Egon Schiele. Dass hier einer zeichnen konnte wie die Meister früherer Jahrhunderte, hat Leopold gefesselt. Mit Schiele und Klimt, damals noch erschwinglich, heute kaum mehr zu bezahlen, begann er seine Sammlung. Und die Gattin erinnert sich, dass er aus einer nicht zu unterdrückenden Leidenschaft auch dann einzelne Stücke kaufte, wenn er gar nicht wusste, woher er das Geld nehmen sollte. Ein Sammler reinsten Wassers. Und letztendlich hat er mit der Wiederentdeckung dieser beiden Künstler das angestoßen, was später als „Wien um 1900“ weltweit ein Erfolg sein sollte – und noch heute als eines der glanzvollsten Aushängeschilder österreichischer Kunst gilt…

Schiele und Klimt zuerst     Wenn man 100 Meisterwerke zusammenstellt, dann stehen „bei Leopold“ natürlich diese beiden Künstler – „schließlich waren sie die überragenden Zeichner ihrer Epoche“ – im Mittelpunkt. Von Schiele besitzt man schließlich neben 41 Ölbildern nicht wenig als 180 Blätter. Man solle ihn nicht auf die Erotik reduzieren, was noch immer gerne geschieht, meint Elisabeth Leopold. Dennoch – der zauberhafte Mädchenkopf, der Plakat und Katalog ziert, ist nur ein Teil der ganzen Kreidezeichnung, die Schiele in seinem Todesjahr schuf: „Sitzendes Mädchen mit gespreizten Schenkeln“ – wenn das nicht erotisch ist. Und dabei so anmutig, so gar nicht ordinär oder pornographisch… Vielleicht ist die „dissonante“ Zeichnung „Die grüne Hand“ (1910) das interessanteste der sieben ausgestellten Blätter, weil es so geheimnisvoll ist, eine Menschenstudie, wo sich der Künstler eben nur für die Hand interessiert hat, gelb, grün, knochig. Und auch der „Liegende Knabe“, nur partiell „gefärbelt“, wie Schiele es selbst nannte, oder die Studie zu den Häusern von Krumau, die er später oft gemalt hat, sind ebenso faszinierend. So wie die elf Klimt-Blätter, teils so zart, dass man sie nur angesichts der Originale „erfühlen“ kann.

 LeopoldMus Kubin Das Grausen
Alfred Kubin, »Das Grausen«, um 1902
(c Eberhard Sprangenberg / Bildrecht Wien 2014)

Kubin: „Der nur gezeichnet hat“    Es spricht für das Urteilsvermögen der Kuratoren Fritz Koreny und Franz Smola, dass der große Dritte der Ausstellung Alfred Kubin mit elf Blättern ist, ein Künstler, der nie Gemälde schuf, der sein Talent ausschließlich auf die Graphik konzentrierte. Und er ist es auch, der mit seinen Alptraumvisionen, die man gut und gern als gleichwertige Nachfolge vieler Goya-Blätter sehen kann, uns vielleicht am nächsten ist – surreal, die Bilder als Schreie, als Rätsel, als auf Papier gebannte Ängste. Auch hier kann man, wenn man etwa das reich strukturierte „Zigeunerlager“ betrachtet, die künstlerische Nähe der neuen Meister zu ihren Vorgängern, die Jahrhunderte zurückliegen, betrachten.

LeopoldMus Kokoschka und Alma~1
Oskar Kokoschka: Liebespaar
( c Foundation Oskar Kokoschka/Bildrecht, Wien 2014)

… und die anderen   Die Ausstellung mit ihren über 40 Künstlernamen ist darauf ausgerichtet zu zeigen, dass sich der Geschmack und das Verständnis des Rudolf Leopold nicht einengen lassen, dass er nicht nur die „Klassiker der Moderne“ sammelte, sondern sein Interesse (immer in Hinblick auf Qualität) breit streute. Da findet man Oskar Kokoschka, der seine Alma umarmt, ebenso wie Barlach oder Otto Dix und auch wie die Künstler der Wiener Werkstätte (denen man noch einen Stuhl von Josef Hoffmann beigesteuert hat – und wo man sieht, dass auch Ornamententwürfe Zeichnungen sind). Von Absolon bis Zülow reicht das A bis Z der Österreicher, Deutschen, internationalen Künstler, unter keinem Motto zusammengestellt, sie einfach jeweils als sie selbst zu betrachten.

Es geht um den Strich…  Jede Ausstellung hat viele Zwecke, diese könnte vielfach das ästhetische Bedürfnis befriedigen oder Anregungen über die verschiedenen Zugangsweisen verschiedener Epochen liefern. Vor allem aber möchte sie den Zuseher zur Erkenntnis führen, was ein „Strich“ alles vermag, ausdrücken und zeigen kann – wie unendlich individuell er ist, wie er Vorstudie sein kann oder Selbstzweck, hingeworfenes Gleichnis oder Teil eines komplexen Ganzen. Glücklicherweise muss der Beweis, dass die Graphik (früher gerne als „Flachware“ oder „Kritzelei“ abgetan) eine autonome Kunstform für sich ist, nicht mehr angetreten werden…

Unentbehrlich: die Hand     Es gibt heute kaum mehr „historisierende“ Ausstellungen, die nicht den „Kommentar“ der Gegenwart einholen würden, auch auf künstlerischer Ebene. Im Leopold Museum ist es der aus Niederösterreich stammende Künstler Hannes Mlenek, den man eingeladen hat, sich mit einer modernen „Intervention“ zu äußern. Er nahm begeistert die Möglichkeit wahr, auf den Riesenwänden der Museumssäle seinerseits zu „zeichnen“ –  und als „Plastiken“ riesige Hände auszustellen. Denn es ist, wie er richtig meint, die Hand, die diese zeichnerischen Wunderwerke vollbringt…

„Linie und Form“ 100 Meisterzeichnungen aus der Sammlung Leopold / Leopold Museum. Bis 20. Oktober. Täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

 

Diese Seite drucken