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WIEN / Kunstforum Wien: HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC

15.10.2014 | Ausstellungen

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Copyright: Heiner Wesemann

WIEN / Bank Austria Kunstforum Wien:
HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC
Der Weg in die Moderne
Vom 16. Oktober 2014 bis zum 25. Jänner 2015 

 

Mehr als „nur“ das Moulin Rouge…

Als Henri de Toulouse-Lautrec die Welt des Montmartre und des Moulin Rouge betrat und sie zu gestalten begann,, nahm er sozusagen augenblicklich seinen singulären Platz in der Kunstgeschichte ein – für die Mitwelt ebenso unverrückbar wie für die Nachwelt. Hätte er nie mehr und anderes geschaffen, es täte seinem Ruhm keinen Abbruch. Tatsächlich verführt aber dermaßen große Popularität, wie Toulouse-Lautrec sie mit den Werken dieses Genres genießt, zu einer gewissermaßen „verkürzten“ Betrachtung einer Künstlerpersönlichkeit. Dem will das Kunstforum Wien mit seiner Ausstellung zum 150. Geburtstag dieser außergewöhnlichen Erscheinung der Kunstwelt nun entgegen wirken. Erfolgreich.

Von Heiner Wesemann

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Copyright: Kunstforum Wien

Alles besonders an diesem Grafen…  Ein Leben voll von Legenden, tragisch, abweichend und exzentrisch genug nicht nur für glitzernde Hollywood-Filme. Geboren vor 150 Jahren, am 24. November 1864, als Sohn zweier Adeliger, die Cousin und Cousine waren, litt er an einer Zwergwüchsigkeit, die durch zwei Beinbrüche verschlimmert wurde: Mit seinen knapp über 1,50 Größe war der kleine, große Mann schon vom äußeren Habitus her eine unverwechselbare Erscheinung. Sein Talent allerdings zeigte sich früh. Als Junge bildete er ab, was er sah – Menschen, Tiere, Kutschen in der Landschaft: Die Wiener Ausstellung hat einiges zu seinem Frühwerk beizusteuern, wobei er Pferde schon als 15, 16jähriger hervorragend malte und am Ende seines Lebens wieder – mancher Kreis schließt sich in dieser kurzen Spanne, die dem bedauernswerten Kranken gegeben war. Er hat in Paris dann durch Überhektik wohl auszugleichen versucht, was ihm das Leben an Normalität versagte – und sich mit Hilfe des Alkohols auch frühzeitig zugrunde gerichtet. Er war 36, als er am 9. September 1901 starb.

Copyright: Kunstforum Wien

Umfassende Retrospektive    Das Kunstforum Wien konnte nicht zuletzt das Musée Toulouse-Lautrec in seiner Geburtsstadt Albi überzeugen, dass Wien der richtige Ort ist, zum 150. Geburtstag eine umfassende Retrospektive zu veranstalten, für die Kuratorin Evelyn Benesch Leihgaben auch aus New York und Moskau, aus Los Angeles und Paris nach Wien holte. Das erreichte Ziel besteht darin, von den Frühwerken bis zu den Spätwerken auch all das zu entdecken, was normalerweise im Schatten der großen Werke aus der Welt der Pariser Boheme steht. Die Ausstellung trägt nicht von ungefähr den Untertitel „Der Weg in die Moderne“, denn es war ein bewusster Entschluss von Toulouse-Lautrec, die Welt der konventionellen Malerei, aus der er kam und in der er anfangs durchaus bleiben wollte, zu verlassen – als das neue Thema geradezu die neue Form herausforderte, die er so genial fand, um nicht zu sagen „erfand“.

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Copyright: Kunstforum Wien

Die trübe Welt der Unterhaltung     Natürlich ist es die Belle Epoche, die auch in dieser Ausstellung zentral dominiert – nicht zuletzt die Plakate von Toulouse-Lautrec, der so schnell lernte, mit der Technik der Lithographie umzugehen, führen in eine schrille Welt der grellen Unterhaltung. Ein Künstler, der auch als Maler „wie mit dem Zeichenstift“ verfuhr, mit Konturen und raffinierten Effekten, erweist sich als der Mann mit dem einmaligen Blick. Es ist nicht nur sein Verweigern jeglicher Beschönigung des Gezeigten, es ist sein scharfes Gefühl für die Drehungen und Wendungen der Körper, für den Ausdruck der Gesichter: Viele der Pariser Künstlerinnen, die er unermüdlich malte, kommen hier nicht nur frech und verschmitzt einher, sondern sehen vielfach auch müde und resigniert aus. Tatsächlich wirkt die Unterhaltung im Montmartre-Viertel, wo die Halbwelt tobte, nie wie eine fröhliche – auch wenn die Röcke geworfen und die Beine gespreizt werden…

Der Maler mit den traurigen Augen     Eine Wand mit Fotos zeigt die „reale“ Welt des Toulouse-Lautrec, darunter auch ihn vor der Staffelei, der Mann mit den großen traurigen Augen, dem nachdenklichen Blick. Was nicht um das „Entertainment“ von damals kreist, erweist den Künstler vordringlich als Poeten – wenngleich man ihn nicht als Sozialkritiker sehen will. Dazu ist seine Darstellung von Menschen und Situationen zu selbstverständlich, zu wenig auf Aussage hin inszeniert – nicht die Wäscherin, nicht die Prostituierten in ihrem glanzlosen Alltag, nicht die Zirkusszenen, die der schon Moribunde am Ende seines Lebens schuf.

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Copyright: Kunstforum Wien

Der große Porträtist   Man vergisst auch leicht, dass Toulouse-Lautrec jenseits seines „Milieus“ ein ganz hervorragender, wenn auch im Ansatz gewissermaßen konventioneller Porträtmaler war, der zu „normaler“ Pinselführung ebenso imstande war wie zu seiner charakteristischen, genialen Überzeichnung (mit der er etwa die spitze Nase und das gereckte Kinn der Yvette Guilbert immer wieder gestaltete). Viele ungemein filigrane Skizzen, die seinen späteren großen Bildern zugrunde lagen, können es an Zartheit mit dem Strich von Klimt aufnehmen. Seltsam eines seiner letzten Werke, „Messalina steigt die Treppe herab“, vermutlich in seinem Todesjahr entstanden: ein leicht historisierendes Ölgemälde. Wer weiß, wie viele Seiten seines Talents man noch hätte kennen lernen können, wäre Henri Toulouse-Lautrec nicht so tragisch früh verstorben.

Kunstforum Wien: Henri de Toulouse-Lautrec. Der Weg in die Moderne
Bis  25.Jänner 2015, täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag bis 21 Uhr

 

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