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WIEN/ Krypta der Peterskirche: LIEDERABEND VIOLETTA KOWAL UND BARBARA REKTENWALD „INS LICHT“

23.04.2026 | Konzert/Liederabende

Krypta in der Wiener Peterskirche: Liederabend Violetta Kowal und Barbara Rektenwald – „Ins Licht“ (22.04.2026) 

Bericht von Adam Nietrzebka

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Barbara Rektenwald, Violetta Kowal (foto© Mátyás Sándor)

Mit dem Programm „Tierwelt im Klang“ setzte das Projekt „Ins Licht“ seine besondere Reihe konsequent fort und zeigte am 22. April 2026 erneut, wie lebendig und überraschend das Kunstlied heute klingen kann. Der Abend in der Krypta der St. Peterskirche verband selten gespieltes Repertoire – insbesondere von Komponistinnen – mit einem thematisch fein gesponnenen Konzept, das unmittelbar Bilder im Kopf entstehen ließ.

Die Gliederung in „Im Wald“, „Am Wasser“, „Rund ums Haus“, „Im Haus“ und „Warmes Klima“ wirkte dabei nicht wie bloße Programmatik, sondern wie eine musikalische Reise durch verschiedene Lebensräume. Gerade in den Werken von Gustav Mahler, Witold Lutosławski, Germaine Tailleferre, Paul Dessau, Francis Poulenc und Erik Satie (in neuer deutscher Übersetzung von Tanja Kuzmany-Kenda) zeigte sich, wie viel Ironie, Leichtigkeit und Tiefe in diesem scheinbar einfachen Thema steckt.

Besonders eindrucksvoll war der hohe Anteil zeitgenössischer Musik, der dem Abend eine eigene Frische verlieh. Hier wurde deutlich, dass das Lied längst kein abgeschlossenes Genre ist, sondern sich stetig weiterentwickelt – offen für neue Klangsprachen, neue Formen des Erzählens und neue Beziehungen zwischen Stimme und Sprache.

Die Lieder „Kikriki“, „Der Stachelheld (2)“ und „Schweinetanz“ von Robert J. Crow aus „Zehn russischen Kinderreimen“ wirken wie lebendige Miniaturen voller Bewegung und Humor. Die Sprache wird dabei spielerisch gestaltet und rhythmisch geformt, wodurch Stücke von besonderer Frische und Vielschichtigkeit entstehen.

Einen ganz eigenen Ton fand Ursula Erhart-Schwertmann in ihren neuen Vertonungen von Christian Morgenstern („Das Huhn“, „Die drei Spatzen“ und „Ein kleiner Hund mit Namen Fips“), die an diesem Abend uraufgeführt wurden. Ihre Musik wirkt verspielt und zugleich präzise beobachtend. Der Wechsel zwischen gesungenen und gesprochenen Passagen lässt kleine Szenen entstehen, die fast theatralisch anmuten – als würden die Figuren für einen Moment lebendig in den Raum treten. Humor und musikalische Feinzeichnung gehen dabei eine natürliche Verbindung ein.

Die Werke von Barbara Rektenwald nahmen innerhalb des Programms eine besondere Stellung ein, da sie zugleich interpretierend und schöpferisch präsent war. In ihrem neuen Werk „Meine Katze“ auf einen Text von Tanja Kuzmany-Kenda verbindet sie improvisatorische Elemente mit einer differenzierten Klangsprache, die traditionelle Liedformen bewusst erweitert. Der Einsatz moderner Klaviertechniken – etwa in der Behandlung von Klangflächen, Resonanzen und rhythmischen Freiheiten – schafft eine offene, atmende Struktur. Gleichzeitig bleibt die melodische Linie ein zentrales Ausdrucksmittel, wodurch eine überzeugende Balance zwischen Experiment und Unmittelbarkeit entsteht.

Ihre weiteren Lieder, darunter das interaktive „Ein Kro-ko-kro-kodil“ und der „Giraffenwalzer“, öffneten den Konzertabend zusätzlich in Richtung Spiel und Beteiligung: Das Publikum wurde aktiv in das musikalische Geschehen einbezogen, was dem Abend eine besondere Lebendigkeit verlieh.

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Verena Crow, Barbara Rektenwald, Ursula Erhart-Schwertmann, Astrid Drapela, Violetta Kowal, Tanja Kuzmany-Kenda (foto© Mátyás Sándor)

Interpretatorisch überzeugte Sopranistin Violetta Kowal durch eine große stilistische Bandbreite – von fein nuancierten lyrischen Passagen etwa bei Johannes Brahms und Fanny Hensel bis hin zu pointiert-humorvollen und teils szenisch zugespitzten Darstellungen in den zeitgenössischen Werken. Ihre Fähigkeit, zwischen klassischem Gesang, Sprechgesang und klanglicher Artikulation zu wechseln, zeigt eindrucksvoll, wie sehr das Kunstlied heute auch theatrale und erzählerische Qualitäten in sich trägt.

Barbara Rektenwald begleitete nicht nur sensibel, sondern gestaltete den Klavierpart als gleichberechtigte Stimme – insbesondere in den neueren Werken, in denen das Klavier eine eigenständige klangliche und strukturelle Rolle übernimmt.

Die Tierbilder von Verena Crow erweiterten den Abend um eine visuelle Dimension und verdichteten die besondere Atmosphäre des Programms auf eindrucksvolle Weise.

So blieb der Eindruck eines in sich stimmigen und sehr gut besuchten Konzertabends, der durch kluge Dramaturgie, interpretatorische Feinheit und die Verbindung von vertrautem Repertoire mit zeitgenössischen Uraufführungen und Entdeckungen überzeugte. Im Aufeinandertreffen unterschiedlicher musikalischer Sprachen zeigte sich eindrucksvoll, wie lebendig und vielfältig das Kunstlied auch heute noch ist – was das Publikum im gut gefüllten Saal mit lang anhaltendem Applaus würdigte; zwei Zugaben von Barbara Rektenwald auf Texte von Astrid Drapela („Count Your Chickens“) und Melanie Arzenheimer („Erdverbunden“) folgten.

Adam Nietrzebka

 

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