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WIEN / Kosmos Theater: TALESTRI

23.01.2013 | Oper

WIEN / Kosmos Theater: 
TALESTRI – REGINA DELLE AMAZZONI von Maria Antonia Walpurgis
Premiere: 22. Jänner 2013

Da spielt man an allen Bühnen der Welt Händels Werke hinauf und hinunter, und wenn jemand ganz abenteuerlustig ist, gibt es hie und da einen Vivaldi oder Scarlatti – aber wer greift schon in das wahre, riesige Opernreservoire des 18. Jahrhunderts? Da muss in Wien eine Institution kommen, die man sonst für originelle Theaterproduktionen kennt, um uns mit Maria Antonia Walpurgis bekannt zu machen. Und das ist wahrhaftig eine Entdeckung, für die man dem Kosmos Theater nur danken kann.

Maria Antonia Walpurgis klingt nach einer bayerischen Hausfrau, aber die Dame war viel mehr, nämlich eine Fürstin. Von Geburt Wittelsbacherin mit zahlreichen Habsburgischen Verknüpfungen: Ihr Großvater mütterlicherseits war Kaiser Joseph I., Maria Theresia, mit der sie das Todesjahr (1780) teilte und eine lebhafte Korrespondenz führte (so wie mit Friedrich dem Großen übrigens auch), war ihre Tante zweiten Grades, und Joseph II., der in zweiter Ehe ihre unglückliche Schwester heiratete, war ihr Schwager. Sie selbst, geboren als Maria Antonia Walpurgis Symphorosa von Bayern, wurde durch Ehe Kurfürstin von Sachsen. Zu ihren vielen Talenten zählte auch jenes für die Musik.

Nun gibt es ja gar nicht so wenige komponierende Frauen, wie man glauben mag, und gerade im 18. Jahrhundert bekamen Damen aus fürstlichen Häusern eine so profunde musikalische Ausbildung, dass sie dann, wenn Talent dazu kam, nicht nur „komponieren“, sondern hochrangige Musik schreiben konnten. Das galt übrigens auch für Wilhelmine von Bayreuth oder Goethes Anna Amalia von Weimar – Komponistinnen! Das Talent der Maria Antonia Walpurgis jedoch, wie man es nun anlässlich ihres dramma per musica „Talestri – Regina delle amazzoni“ kennen lernte, war schon ein ungewöhnliches. Wie Dirigentin Elisabeth Attl im Programmheft feststellt, ist das 1763 uraufgeführte Werk zwar in seinen Arien noch eine typische Barockoper mit Seccorezitativen (hier von Clavichord und Cello begleitet) und Da Capo-Arien mit reichem Koloraturenschmuck (und auch vielen Wiederholungen, wie der Begriff schon sagt), aber vor allem in den rein orchestralen Passagen weht da schon die Welt der Klassik herüber, die „Empfindsamkeit“ besticht durch schöne Einfachheit, die Melodik ist berührend. Man kann sich an so viel schlechtweg „schöner Musik“ kaum satthören.

Man muss die Geschichte von den Amazonendamen Talestri und Antiope, die sich in zwei Männer verlieben und das auch ausleben wollen, jetzt nicht allzu grimmig emanzipatorisch nehmen. Zwar waltet in Tomiri eine wahrlich grimmige Hüterin der Anti-Männer-Gesetze (sogar als sich herausstellt, dass einer der jungen Männer ihr Sohn ist, würde sie auf das Todesurteil bestehen), aber der Ausklang ist dann doch versöhnlich. Man versteht es nicht ganz, gesungen wird Italienisch, für Übertitel gab es vermutlich kein Geld, aber blutrünstig ist die Geschichte wohl nicht ausgegangen, obwohl die Inszenierung dies zumindest als Möglichkeit angedeutet hat.

Dabei zeigt Heidi Sommer, die Konzept und Regie des Abends verantwortet, mit wie wenigen Mitteln unglaublich viel zu erreichen ist (nur auf die paar Videoeinspielungen hätte man gut und gern verzichten können, die bringen gar nichts). In den Kellerraum des Kosmos-Theaters hat Julia Rautenhaus eine Art weißen Laufstegs gebaut, der den Raum teilt (Zuschauer auf beiden Seiten). Von der Decke hängen Ketten. Mehr gibt es optisch nicht, auch die Kostüme von Aleksandra Kica, alle in Hosen und T-Shirts (bzw. Tomiri im langen Mantel), die Damen in Weiß, die Herren in Schwarz und Dunkelgrau, bieten keine besondere Optik. Aber die Bewegungsregie in ausgefeiltester Körpersprache, das Korrespondierende zwischen Gesang und Aktion, machen die etwas über zweieinhalb Stunden ungemein spannend. Zu den fünf Sängern gesellt sich noch die Schauspielerin Maria Fliri, die als eine Art „Bodyguard“ doch ein sehr harsches Prinzip vertritt und gelegentlich Text spricht, der Handlungsdetails erläutert. Sie verstärkt das Bedrohliche der Situation, in der vier junge Menschen Liebe wollen und eine ältere Generation dies zu verhindern trachtet…

Unglaublich, welch hochrangige Besetzung man für diese wirklich enorm schwierig zu singende Musik gefunden hat. Heidi Brunner ist die bekannteste Dame im Ensemble, die für die „böse“ Herrscherin über lebensfeindliche Prinzipien nicht nur eine starr-würdevolle Erscheinung, sondern auch eine  leidenschaftliche Interpretin ist. Da fällt kaum ins Gewicht,  dass ihre Stimme gelegentlich unüberhörbar angekratzt wirkt. Herrlich die jungen Frauen, Anna Manske mit hellem, biegsamem Mezzosopran technisch jeder Schwierigkeit (und es gibt viele) gewachsen, wobei man dasselbe für den Sopran von Ivana Canovic sagen kann.

Erstaunlich die jungen Männer – Roland Schneider wird als „Countertenor“ geführt, hat eine fast „normale“ Mittellage und eine hohe Region, die sich wirklich reizvoll anhört. Den Italiener Francesco Divito hingegen (der sogar schon die Königin der Nacht gesungen hat!) bezeichnet das Programm als „natürlichen Sopranisten“, und das ist gespenstisch – ein ungemein attraktiver, dabei durch und durch männlich wirkender junger Mann, aus dessen Kehle eine genuine, mit geschlossenen Augen absolut weiblich wirkende Sopranstimme kommt (was ja heute, davon gehen wir einfach einmal aus, nicht mehr mit brutalen Kastrationsmethoden erzielt wird…). Gespenstisch, aber reizvoll, wie der ganze Abend.

Er verdankt der Dirigentin Elisabeth Attl am Pult des WienerKlassikNonetts den stringenten Zusammenhalt einer Aufführung, die nie langweilig wird (und dafür kann man sich wirklich bei den Interpreten bedanken – wenn man bedenkt, wie langweilig man erst kürzlich eine Barockoper erlebt hat). Interessant der enorme Frauenanteil des ganzen Unternehmens: Nur zwei der neun Musiker (der Cellist und der Kontrabassist) waren Männer, und als das fünfköpfige Leading Team erschien, waren es auch durchwegs Frauen. Na, das Kosmos-Theater ist ja einst unter der Bezeichnung „Frauenraum“ angetreten. Mittlerweile ist man bei dem moderneren „Gender“-Begriff gelandet, der wohl auch Männer einschließt: Ganz im Sinne von Maria Antonia Walpurgis, der zu begegnen ein großes Vergnügen war.

Das Publikum wollte gar nicht aufhören zu klatschen, und wenn es dem Kritiker genau so geht, will das schon etwas heißen.

Renate Wagner

 

 

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