WIEN/Konzerthaus: Wiener Symphoniker, Popelka, Cooke; Rett (Mahler) am 15.3.2026
Ein ewiger Augenblick
„Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat!” schrieb Mahler 1896 an Anna von Mildenburg. Wenn man sein gesamtes Œuvre kennt, lässt sich von fast jeder Symphonie sagen, dass die Welt zu ihrer Zeit noch nichts Vergleichbares gehört hat. Doch das Datum hilft weiter. In diesem Jahr vollendete Mahler nicht nur sein Lebenswerk, sondern auch eine der längsten Symphonien der gesamten Musikgeschichte, die dritte in der Reihenfolge.
Abgesehen von der allgemeinen Auffassung, dass jede Mahler-Sinfonie grandios ist, müssen wir feststellen: Die Darstellung der ganzen Welt, die Neuinterpretation der Schöpfung ist kein geringes Ziel. Das sechsteilige Werk ist eine collageartige, pantheistische, symbolistische und kultische Neuinterpretation bekannter Geschichten, Legenden, Sagen, Mythen und Religionen. Was diese Geschichten verbindet, ist bei Mahler nicht anders: Sie beginnen ganz von vorne. In seinen ersten beiden Sinfonien besang Mahler den Aufstieg, den Fall und schließlich die Auferstehung eines Titanen. Nun galt es, nicht nur einen neuen Helden neu zu erschaffen, sondern die ganze Welt. Am Ende der Sinfonie kann man angesichts der schöpferischen Kräfte, der formenden Willenskräfte und der schwindelerregenden Tiefen nur noch in den Schatten treten. Wir haben von Augenblick zu Augenblick die Geburt eines Kosmos miterlebt, wir haben all sein Licht und all seine Schatten gesehen. Wir haben gesehen, wie er funktioniert. Erfüllt von diesem erhabenen Gefühl bewundern wir das fertige Werk. Es war die Rede vom Erwachen der Urkräfte, dann sangen Blumen und Tiere. Danach ergriff der Mensch das Wort, dann die Engel. Und schließlich die Liebe. Der Zuhörer ruht sich aus, ohne zu ahnen, dass die Schöpfung noch lange nicht zu Ende ist, das Wichtigste fehlt noch: Gott spricht erst in der vierten Sinfonie. Aber erinnern wir uns an die christliche Weisheit: Nur Gott ist vollkommen und ganz.
Diese Art von Nachsicht gegenüber der Unvollkommenheit zeichnete jedoch weder die Wiener Symphoniker noch den Dirigenten Petr Popelka noch die Alt-Solistin Sasha Cooke aus. Und natürlich ließen auch der Frauenchor und der Kinderchor der Wiener Singakademie keinen absichtlichen Fehler zu, der uns an die Anwesenheit des Teufels erinnert hätte. Trotz der langen Aufzählung waren noch mehr Menschen auf der Bühne, als eine solche mehrzeilige Aufstellung vermuten lässt. Das erklärt das unglaublich große Orchester. Im Grunde genommen war es die Aufstockung der Bläser- und Schlagzeugsektion, die diesen plötzlichen Zuwachs verursachte. Und selbst diese vorstellbare Besetzung ist noch nicht vollständig, denn es gibt auch Musiker, die gar nicht auf der Bühne stehen. Sie sind das externe Orchester, das von jenseits der Türen die konventionellen Räume des Konzertsaals Stein für Stein aufbricht.
Die Partitur ist groß, komplex und von unglaublichen Kräften durchzogen. Sie allein zum Klingen zu bringen und zu entwirren, ist schon eine ernsthafte Herausforderung. Die unzähligen kleinen Dissonanzen, Stimmen und Rhythmen drängen sich aneinander wie ein Haufen gespaltener Holzscheite. Dennoch wählte Popelka nicht die Strategie von Sándor Nagy, um sich gegen die zu einem Knäuel verdichteten Klänge durchzusetzen. Keine ausblendenden oder vereinfachenden Schnitte: Jeder Ton war wichtig. Jeder Ton fand den Platz, an dem er wichtig sein konnte. Doch Popelkas wahrer Verdienst liegt nicht in seiner hervorragenden Fähigkeit, Partituren zu lesen. Er verstand es, nicht nur die Stimmen, sondern auch die in ihnen schwelende Leidenschaft so übereinander und untereinander zu ordnen, dass sie nicht nur ihren eigenständigen Schwung behielten, sondern sich zu einem organisch pulsierenden Ganzen zu einem Ganzen verdichteten. Zusammen bildeten sie eine in sich geschlossene und unendliche Welt. Hervorragende Tempi, Charakterisierung, Proportionen und dramaturgisches Gespür zeichneten Popelkas Dirigieren aus. Unter seiner charismatischen Leitung trugen alle Instrumentalisten der Wiener Symphoniker sowie alle Mitglieder des Frauen- und Kinderchors der Wiener Singakademie klar, präzise und gefühlvoll zu einem unvergleichlich dichten und energiegeladenen Mahler-Klang bei.
Auf ähnlich hohem Niveau sang Sasha Cooke ihr Solo. Sie sang sich mühelos durch das bereits erwähnte gewaltige Vokabular. Nicht nur, dass dies keine Herausforderung darstellte, sie spielte zudem so feinfühlig mit den Mikrozeiten ihrer Stimme, dass die Allgemeinplätze ihres Textes nicht zu Plattitüden wurden, sondern durch ihre Lebendigkeit an Gültigkeit gewannen und sie sie auf eine universelle Ebene ausweiten konnte.
Das Konzert, das am 15. März im Konzerthaus stattfand, barg keine Schwierigkeiten. Weder die Interpreten noch das Publikum mussten sich mit Mahlers Komplexität und Dichte auseinandersetzen. Dank der einfühlsamen und durchlebten Interpretation kam uns eine der längsten Sinfonien der Musikgeschichte wie nur wenige Augenblicke vor. Dennoch werden wir uns noch lange daran erinnern.
Zsigmond Szilárd

