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WIEN/ Konzerthaus: SAISONERÖFFNUNG mit dem Royal Concertgebouw Orchestra, Alena Baeva und Klaus Mäkelä

04.09.2025 | Konzert/Liederabende

WIEN Konzerthaus: SAISONERÖFFNUNG mit dem Royal Concertgebouw Orchestra, Alena Baeva und Klaus Mäkelä; 3.9.2025

Allsinnenfest mit Mozart, Prokofiev,  Bartók und musikalischen Überraschungen im Foyer, Mozart- und Schubertsaal

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Foto: Wiener Konzerthaus/ Julia Wesely

„Ich lade gern mir Gäste ein“, so bringt Prinz Orlofsky in „Die Fledermaus“ ein wienerisch würziges, die Ironisierung wienerischer Lebensart auf die Spitze treibendes Manifest zum Kochen. Natürlich geht es bei der opulenten Saisoneröffnung des Wiener Konzerthauses seriöser und vor allem musikalisch abwechslungsreicher zu. Aber ebenso gastfreundlich hat man sich den gerade tourenden Königlich Niederländischen Spitzenklangkörper gesichert, um mit den illustren Gästen den Beginn der Saison 2025/26 musikantisch und gesellschaftlich zu begehen. Schon zuvor hat das Koninklijk Concertgebouworkest mit seinem „künstlerischen Partner“ Mäkelä Station in Luzern gemacht und am 30.8 das Eröffnungskonzert des renommierten Musikfestes Berlin in der Philharmonie mit Schubert/Berio und Bartóks „Konzert für Orchester“ bestritten. 

Im Wiener Konzerthaus gab sich nun dieser mondänste und sportlichste unter den Jungdirigenten mit Mozarts „Pariser Symphonie“, Prokofievs „Violinkonzert Nr. 1“ und Bartóks „Konzert für Orchester“ die Ehre. Dem ungarischen Komponisten gilt es, am 26. September  2025, seinem achtzigsten Todestag, zu gedenken. Bei den musikalischen omelettes surprises während des anschließenden Empfangs ließ er mit einer anderen Facette seines Talents, nämlich als Cellovirtuose, aufhorchen. Da war der Maestro um 23h im Mozart-Saal als Teil eines Cello-Quartetts (Klaus Mäkelä, Jérôme Fruchart, Clément Peigné, Izak Hudnik) mit dem ‚Feierlichen Zug zum Münster‘ aus dem 2. Aufzug von Richard Wagners „Lohengrin“ (historische Bearbeitung für vier Violoncelli von Friedrich Grützmacher) zu hören.

Die Karriere des Decca Classics Exklusivkünstlers Mäkelä ist in ihrer Konzentration, ihrem Tempo und ihrer medialen Aufmerksamkeit für heutige Verhältnisse beispiellos. Seit 2020 bekleidet er die Chefdirigentenposition beim Oslo Philharmonic Orchestra, seit September 2021 zusätzlich diejenige beim Orchestre de Paris. Er mischte als Chorknabe an der Finnischen Nationaloper in „Carmen“mit, wirkte als Cellist beim Helsinki Philharmonic Orchestra und ist künstlerischer Leiter des finnischen Turku Music Festivals. Ab der Saison 2027/28 wird der Schüler des angesehenen finnischen Maestro-Lehrmeisters Jorma Panula Chefdirigent beim Royal Concertgebouw Orchester Amsterdam, und dazu beim Chicago Symphony Orchestra, also zugleich bei zwei der (technisch) brillantesten Klangkörper weltweit. Ein Glücksfall und eine Zukunftsinvestition. 

Denn für das Vermögen, das Publikum für musikalische Programme zu begeistern und es in einem Sog mitzureissen, bedarf es mehr als Schlagfertigkeit, die Befähigung zur kognitiven Partituranalyse und musikhistorisches Wissen. Und tatsächlich überwältigt dieses Energiebündel mit vollem Körpereinsatz und einer agilen linken Hand das Publikum mit dynamisch differenzierten, rhythmisch straffen und klanglich ausgetüftelten Interpretationen, zumindest was die beiden Stücke der klassischen Moderne anlangt. Ein Verführer mit jugendlicher Lässigkeit und Temperament.

Für Mozarts Pariser Symphonie Nr. 31, KV 297, dessen erste Sinfonie unter Einsatz von Klarinetten, ist mir Mäkeläs nicht ohne Showticks auskommende Zeichengebung ein wenig zu massiv, was einen überwiegend lauten, wuchtig-kantigen Orchesterklang generiert. Bei dem dreisätzigen effektvollen Viertelstünder lässt der zackige coup d’archet mit Paukenwirbel des Allegro assai aufhorchen. Dieser aufgeheizte Start verstetigt sich, das Andante klingt luxuriös gläsern kühl statt französisch moussierend und mit dem Allegro stürmt Mäkelä geradezu ins Ziel. Nicht mein Mozart(-Fall), der bei spezialisierten Orchester mittlerweile besser aufgehoben scheint. Dass das Royal Concertgebouw auf eine reiche Mozart-Tradition verweisen kann, ist etwa aus des Orchesters im Juni 1972 aufgenommener Box mit den „Großen Symphonien“ (darunter auch die „Pariser“) unter der musikalischen Leitung von Josef Krips bis heute künstlerisch maßstabsetzend nachzuhören. 

Was Mäkelä und das Orchester wirklich können, wird bei Prokofievs 1917 fertig gestelltem „Konzert für Violine und Orchester Nr. 1“ in D-Dur, Op. 19, offenkundig. Die vor allem im dritten Satz liebesfilmromantische Komposition ist ein selig machender Ohrenschmaus, lyrisch blühend und scherzhaft flirtend (Anm.: das Wort grotesk verbat sich der Komponist). Vor allem wenn es so grandios flink, beredt und mit sonnenwarmen Geigenton gespielt wird wie von der kurzfristig für Janine Jansen eingesprungenen Alena Baeva. Die in Alma Ata und Moskau ausgebildete Musikerin vermag die melodische Märchenhaftigkeit Prokofievs im Andantino, das feine Pizzicato wie das trippelige Mäandern der stets präsenten Violinstimme über und mit dem Orchester mit unglaublicher Bravour, aber mehr noch mit einer fast schon belkantesken Sanglichkeit zu zelebrieren. 

Mäkelä und das Royal Concertgebouw Orchester lassen anfangs einen aus dem Nichts wachsenden kosmischen Klang nach und nach Gestalt und Form annehmen. Die somnambule Magie des poetischen Ständchens und das flauschige Sich-Fallen-Lassen-Können ziehen das Publikum sofort in den Bann. Auf einmal ist es da, das unverwechselbar goldene Pianissimo des Orchesters. Flöte und Harfe gesellen sich zum gepflegten Austausch mit der Violine. Im ‚Scherzo‘ kann Mäkelä die musikalischen Muskeln und seinen Schalk spielen lassen. Das Orchester folgt dem gestenreichen Animator mit merklicher Freude und Konzentration. 

Das Kluge an der Wahl dieses Violinkonzerts wie von Bartóks „Konzert für Orchester“ ist, dass jede Instrumentengruppe zeigen kann, was sie drauf hat. Und da schlägt nicht nur die Stunde des Fagotts im Moderato, sondern auch diejenige der gesamten Holzfraktion und des fantastischen Blechs generell. Die Rolle des Solo-Violinparts changiert zwischen konzertierend und kommentierend, bevor die Musik in glückseligen Reminiszenzen privatim ausklingt.

Béla Bartóks letztes vollendetes Orchesterstück, das „Konzert für Orchester“, entstand 1943 in den USA im Auftrag des Dirigenten Sergei Koussevitzky. Dieses schillernde fünfsätzige orchestrale Bekenntnis des zur Zeit der Entstehung schwerkranken Komponisten nach dem Motto ‚per aspera ad astra‘ bündelt eine unfassliche Kreativität. Es greift in symmetrischer Anordnung wirklich zu den Sternen musikalischen Ausdrucks auf kunstfertig-humanistischem Fundament. Dolce und heldenstolz, fugenspritzig und melancholisch kontrastieren kummervolles Klagen mit paarweisem Turteln der Instrumente, Serenade, Heimatliebe mit roher Gewalt. Doppelbödige Persiflagen (die zitierte „Lustige Witwe“), Zerrbilder, Folkloristisches als Zwischenstationen zu einem ekstatischen Finale voller unbändiger Lebenskraft in strahlender Helligkeit. Klaus Mäkelä und bald „sein“ Orchester fühlen sich hier in ihrem ureigensten Element. Sie ziehen alle Register orchestraler Brillanz und vermitteln zudem atmosphärisch Eindrückliches. So in der Elegie mit geisterhaftem Aufblitzen von Spiegelungen des Tränensees aus „Herzog Blaubarts Burg.“ Dieses fesselnde Konzerterlebnis bescherte Dirigent und Orchester zu Recht einhellige Ovationen des Publikums. Als Zugabe riss Zoltán Kodálys rasantes Allegro Vivace aus den Tänzen aus Galánta mit.

Damit nicht Schluss, konnten sich die zahlreich Erschienenen bei der Eröffnungsfeier bis spät im Foyer der Garderobenhalle etwa an Jazzigem der Band ELSA (Gesang, Klavier, Kontrabass, Schlagzeug) sowie Kulinarischem delektieren. Ensembles aus dem Orchester erfreuten im Schubert- und im Mozart-Saal mit kammermusikalisch Hochkarätigem: Etwa Nico Muhlys verwegen minimalistischem „All Perfections Keep“ (Alma String Quartett, Jörgen van Riten Posaune), dem spätromantischen Finale aus Erich Wolfgang Korngolds Streichquartett in A-Dur, Op. 16 oder an „Les Euphoriques“ von Jean-Marc Fouché mit dem Kontrabass-Trio des Royal Concertgebouw Orchesters. 

Am Ende feierte sich das Haus mit diesem fulminanten Start in die 113. Saison selbst. Eine neue Orchestergarderobe, neue rote Teppiche sowie ein wieder reanimierter Aufzug sorgen für ebenfalls für Annehmlichkeit. Die Wiener Konzertkultur lebt. Intendant Matthias Naske ist mit diesem Abend ein großer Coup gelungen. 

Credit: © Wiener Konzerthaus / Julia Wesely

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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