Wien / Konzerthaus/ 25.1. 2026 Konzerthaus Großer Saal: Baldassare Galuppi „L’uomo femina“
Dramma giocoso in 3 Akten (UA 1762 Teatro San Moisè, Venezia)

Baldassare Galuppi. Foto: Wikipedia
Vincent Dumestre und Le Poème Harmonique, die sich erfolgreich dem Originalklang verschrieben haben, stellten dieses wieder entdeckte Werk in den letzten Jahren in mehreren französischen Städten vor und waren nunmehr beim finalen Konzert des diesjährigen Resonanzen-Festivals im Wiener Konzerthaus zu Gast.
Der Inhalt (Libretto: Pietro Chiari) muss in der damaligen Zeit entweder für Furore gesorgt haben oder nicht ernst genommen worden sein: Auf einer nicht näher definierten Insel hat Cretidea eine tyrannische Frauenherrschaft errichtet, Cassandra und Ramira sind ihre Vertrauten, Männer werden geschminkt und herausgeputzt, und dienen ansonsten den Vergnügungen der Herrscherin, ohne um ihre Wünsche gefragt zu werden. Zwei Schiffbrüchige werden an Land gespült, Roberto und Giannino, ersterer verliebt sich in Cassandra, zweiterer in Ramira und umgekehrt, Cretidea beansprucht Roberto für sich, Gelsomino, ihren bisherigen Favoriten, erfüllt dies mit Eifersucht. Nach großen Verwirrungen, Verwicklungen, Drohungen, Unglücken und Intrigen vereinen sich Cretidea und Roberto zum glücklichen (?) Herrscherpaar – dies unter der Bedingung, dass die bisherige Chefin die Macht an den Prinzgemahl abgibt und dass nach seinen, den „männlichen“ Prinzipien regiert wird. So weit – so fein.
Die Sprache des rezitativlastigen Librettos gemahnt an Da Ponte, die Musik schwankt zwischen Barock und Klassik, in vielen Momenten sieht und hört man einen frühen Vorfahren der Così fan tutte, beispielsweise, wenn die Männer ihre Vorzüge anpreisen, oder die beiden Dienerinnen sich die gerade eben den Fluten entkommen seienden Herren „aufteilen“. Gelsomino ist in gewisser Weise ein Bruder Leporellos und Figaros, und auch die Ensembles haben zum Teil einen Charakter, der beispielsweise an die Enttarnungsszene Leporellos im 2. Akt von Don Giovanni erinnert. Cassandra beklagt sich, dass sie sich nicht die Freiheiten ihrer Herrin herausnehmen darf – Despina „in waiting“. Die Musik zieht flott dahin, Rezitative wechseln sich mit Szenen, Arien, Duetten, Terzetten und Ensembles ab, alles klingt duftig und frech. Viel Tiefgang wird nicht erreicht, aber dafür umso mehr Unterhaltung. Trotz aller Heiterkeit – das Thema ist ernst und aufbegehrend. Wie würde eine von Frauen beherrschte Welt aussehen? Wie ginge es den Herren, wenn die Damen an den Töpfen der Macht säßen? Dies alles zu einem Zeitpunkt geschrieben, zu dem der gesellschaftliche Platz der Frau an der Seite des Mannes war, Tochter ihres Vaters, Mutter der Kinder. Vielleicht klug manipulierend, aber nach außen hin sicher nicht überlegen, Universitäten und Politik waren ihr verschlossen.
Das Ensemble spielt temperamentvoll, die Instrumente klingen satt von Kraft, Langeweile kommt nie auf. Es sprüht, funkelt und knistert im Holz, der Schalk über die in Melodien gegossene Geschichte sitzt den Musikern förmlich im Nacken.
Eva Zaïcik verfügt über eine herrlich runde, volltönende Mezzostimme und verleiht der Cretidea (Göttin Kretas?) Kraft und Autorität. Ihr stimmlich ebenbürtig ist Anas Séguin als Gelsomino, der einen aufbegehrenden Diener mit satten Klängen verkörpert und auch darstellerisch den Anforderungen der semikonzertanten Aufführung nichts schuldig bleibt.. Der Charakter-Baritenor Marc Mauillon hat es schwer, als Roberto mit Wohlklang an diese beiden heranzureichen, Floriane Hasler und François Rougier erfreuen mit angenehmen Tönen als Cassandra und Giannino. Lucile Richardot verfügt über eine äußerst tiefe Altstimme, die Höhen bereiten hörbar Schwierigkeiten, darstellerisch ist ihre Ramira höchst amüsant.
Ist alles nur Spaß auf Erden oder soll man(n)’s vielleicht doch einmal mit der Frauenherrschaft versuchen?
Sabine Längle

