WIEN/ KONZERTHAUS/RESONANZEN: L’UOMO FEMINA von Baldassare Galuppi
am 25.1.2026

Vincent Dumestre, Le Poême Harmonique und das Sängerensemble. Foto: Robert Quitta
Der in Burano geborene Venezianer Baldassare Galuppi (1706 – 1785), der deswegen auch „Il buranello“ genannt wurde, war der erfolgreichste Opernkomponist seiner Zeit. Über 100 Bühnenwerke hat er geschrieben, aber auch wunderbare Kammermusik.
Seine Musik trägt den Himmel Venedigs in sich, das Licht der Lagunenstadt, sie ist wie deren Einwohner lebensfroh, kultiviert und elegant.
Bedauerlicher- und unverständlicherweise wird sie nur selten gespielt, und es gibt auch nur ganz wenige Aufnahmen von ihr.
Umso erfreuter war man zu hören, dass der Galuppologe Jean-Francois Lattarico in der Bibliothek von Lissabon das Manuskript von Galuppis verloren geglaubter Oper „L‘uomo femina“ wiederaufgefunden hatte und die Opéra von Dijon so mutig war, sie auch szenisch aufzuführen. Die Produktion ist mittlerweile mit großem Erfolg in ganz Europa gezeigt worden, darunter in Rouen, Madrid und der Opéra Royal de Versailles (die CD davon erscheint im Frühjahr). Dem Wiener Konzerthaus ist es nun zu verdanken, sie jetzt auch nach Wien geholt zu haben, wenn auch nur „semi-konzertant“ – wo sie aber trotzdem den absoluten Höhepunkt des unter dem Motto „Les Femmes“ stehenden heurigen Resonanzen-Festival bildete.
Der von Anfang an an dem Projekt beteiligte Dirigent Vincent Dumestre leitete sein Orchester „Le Poême harmonique“ und man merkte ihnen und dem Sängerensemble an, was für ein eingespieltes Team sie mittlerweile sind.
Das Libretto von Pietro Chiari ist sehr originell. Zwei Männer landen auf einer Insel, auf der die Geschlechterrollen umgedreht sind: die Männer bleiben zuhause, schminken sich und nähen und achten in erster Linie auf ihr Äußeres, während die Frauen die ganze Macht haben, Kriege führen und die verweiblichten Manderln nach Belieben vergenusszwergerln.
Das ist zweifellos originell, aber nicht soo originell wie jetzt alle behaupten: denn erstens hat nicht nur Galuppi selbst („Il mondo alla roversa“) als auch Salieri („Il mondo alla rovescia“) und andere Komponisten – meistens zum Karneval – Opern mit ähnlichen Sujets geschrieben. Und zweitens brauchen wir eingebildeten zeitgeistigen Nachgeborenen gar nicht glauben, dass wir die Genderomania erfunden hätten.In den venezianischen Theatern, die nicht zufälligerweise mitten im Kurtisanenviertel lagen, war man uns um erotische Lichtjahre voraus. Die Libretti waren hier von einer Dreifachdeutigkeit, einer Frivolität und Laszivität, die erst viel später in den Offenbach-Operetten wieder erreicht wurden.
Es war jedenfalls ein rundum geglückter, erhebender und erquickender Abend. Die Sänger/innen waren ausnahmslos exzellent, und seien daher hier alle erwähnt: Eva Zaïcik (Cretidea), Lucille Richardot (Ramira), Floriane Hasler (Cassandra), Marc Mauillon (Roberto),François Rougier (Giannino) und Anas Séguin (Gelsomino).
Sie waren nämlich nicht nur gesanglich souverän, sondern auch in der semi-szenischen Darstellung ihrer Personen. Eine reine Freude !
Liebe Resonanzen-Dramaturgie: bitte in Hinkunft weniger Motti, dafür mehr Galuppi !
Vielleicht sogar das Gesamtwerk, über die nächsten zehn Jahre verteilt? Evviva il Buranello !
Robert Quitta

