Konzerthaus/ Mozartsaal – 11.10.2022:
Liederabend André Schuen
Die schöne Müllerin und ihr in sie verliebter Bewunderer waren persönlich zugegen – diesen Eindruck vermittelte einem der großartige Bariton, der in den 20 genialen Liedern von Franz Schubert jede Gefühlsnuance, jeden der wundervollen Naturbezüge und jede Aktivität der besungenen Menschen gegenwärtig werden ließ. Nicht nur die erdichtete „Müllerin“, sondern auch der Textdichter Wilhelm Müller waren voll präsent, in gesungenen und am Klavier von Daniel Heide ausdrucksstark begleiteten Tönen.
Ohne Pause wurde der Liederzyklus dargeboten. Die Atempausen zwischen den einzelnen Liedern waren kurz, reichten aber aus, um bei Beginn des nächsten Liedes den Eindruck zu erwecken, die Worte und Töne seien den persönlich präsenten Künstlern eben gerade eingefallen. Erstaunlich, dass der Sänger ganz weniger Gesten bedurfte, um Gesungenes zu unterstreichen; die Hände kamen kaum je zum Einsatz, nur mittels körperlicher Wendungen oder Bekräftigungen spielte er ein wenig mit. Alles andere tat die Stimme und das Gesicht des großgewachsenen, vollschlanken Sängers.
Und diese Baritonstimme ist einfach herrlich. Man hat das Gefühl, er sei mit ihr geboren und habe keiner weiteren Schulung bedurft. Der warme, volle Klang ist primär vorhanden. Aber was Schuen damit alles an Klangvarianten zuwege bringt, ist unglaublich. Nicht nur die Varianten zwischen voller Kraft und Zurücknahme von Tönen und oft langen melodischen Passagen ins Piano oder Pianissimo, ohne dass man dabei an den nötigen Atemwechsel denkt, macht immer wieder erstaunen. Und dazu kommen alle emotionalen Offenbarungen, von höchster Freude bis zu tiefstem Schmerz.
Schon beim anfänglichen „Wandern“ kam sicherlich nicht nur mir das Verlangen nach ebensolcher Betätigung. Das lebhafte Wasser, die Räder – f,p,pp -, die munter tanzenden Steine – mit etwas humorigem Unterton -, und abermals die große Lust an derBewegung nahm schon mal gefangen.
Kurz vor Konzertbeginn hatte es draußen vor dem Konzerthaus zu regnen begonnen – man suchte gern Unterschlupf, aber das Rauschen des Bächleins, betitelt mit „Wohin?“ wie man es von Stimmbändern und Tasten präsentiert bekam, eröffnete eine ganz andere Lebenseinstellung: „….Und wandre fröhlich nach!“
Ich habe als Kind bei Verwandten im Innviertel mal in einer Mühle gewohnt. „Durch Rauschen und Singen /Bricht Rädergebraus….“ – viele Gedanken gingen mir da oft durch den Kopf, und trotz des „Rädergebrauses“ liebte ich das Geräusch. Für den singenden Müller waren es halt besondere Gedanken, auf die unsere Neugierde geweckt wurde.
Nach den bisher vierzeiligen Strophen nun „Am Feierabend“ zwei 10-zeilige, vom Pianoforte heftig, mit tollem Rhythmus in Richtung Liebeserwachen dargeboten. Die zufriedene Runde der Knappen und des Meisters wird leicht ironisch dargebracht, ehe das „Gute Nacht“ sagende Mädchen sich sanft zurückzieht.
Dann („Der Neugierige“) wird die Situation gefühlvoll, in herrlichem „Andante“ mit ganz natürlichem piano vernimmt man „O Bächlein meiner Liebe“, noch sanfter und liebevoller: „Das andere („Wörtchen“) heißet Nein“, noch mehr die letzte Strophe in natürlichem, sehr gefühlvollem piano.
Der Sänger wird zum Heldenbariton in „Ungeduld“,und mit jeder Strophe wird das jeweils wiederholte abschließende „Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!“ intensiviert.
Der „Morgengruß“ an die schöne Müllerin, in der 2. Strophe endend in sanftem, fast tonlosem pp, dann Fragen aufwerfend, macht neuerdings neugierig. Sanft fragend erklingen „Des Müllers Blumen“ und legen Tränen nahe, in der Tat gefolgt vom „Tränenregen“, Vom Pianisten kräftig betont, in der 7. Strophe mit der leicht ironischen Zwischenlösung: „Sie sprach: es kommt ein Regen, Ade! Ich geh nach Haus.“
Sehr kraftvoll verabschiedet sich der Wanderer von den brausenden Rädern in ein fast tenoral leuchtendes „Mein!“
Klatschversuche vor der oft hier eingehaltenen Pause wurden ignoriert und des Wanderers Sehnen im „Pause“ betitelten Lied ließ alles wie ein schönes Vorspiel zu neuen Liedern erklingen. Wieder kamen quasi heldentenorale Ausbrüche – um das Grün mit der Hoffnung auf die erfüllte Liebe zu identifizieren. Und dann stört „Der Jäger“ nach dem Wild des Müllers Ruh – fast kindisch der Wortlaut, mit dem das große singende Kind die Eber fernhalten möchte, die ihm sein Schätzchen rauben wollen. Das setzt sich in „Eifersucht und Stolz“ fort und ergießt sich abermals im Lob alles Grünen, das nun zur „bösen Farbe“ wird von dem der Sänger sich in mehrfachem Fortissmo verabschiedet. Und dann seine Idee von den „Trockenen Blumen“, die an seinem Grab iiegen werden…, in 8 kurze vierzeilige Strophen gefasst, zuletzt aber doch mit dem Gedanken an den Mai, wo sie wieder erblüh’n, endend….
Und wenn zuletzt der Müller und der Bach persönlich zitiert werden, wenn der Vollmond in die Wolken gehen soll, um seine Tränen zu verbergen, und der ein neues Sternlein am Himmel zu erblicken wähnt und drei Rosen nie wieder welken, Englein zur Erde herabsteigen…da öffnen sich schon Gefühle, wie sie wohl nie zuvor in Worte und Töne gefasst wurden. Die wohllautende Menschenstimme scheint sich im p und pp zu verlieren. Aber nein! Ein rhythmisch schallendes Jagdhorn saust ja und braust und stört seine Träume, das Bächlein will ihn verjagen … aber zuletzt macht der wunderbare, aber nie sentimentale, sondern immer männlich kraftvoll singende Belcantist uns glauben, dass man Freud und Leid ausschlafen kann, denn „der Himmel da oben, wie ist er so weit!“
Lange brauchte das Publikum im Mozartsaal, um wieder zu sich zu kommen. Der nur 33 Jahre alt gewordene Wilhelm Müller und der mit nur 31 Jahren verstorbene Franz Schubert haben da Unsägliches zustande gebracht. Wie glücklich dürfen wir uns schätzen, dass es bis heute Sänger und Pianisten gibt, die das alles verstehen und uns nahebringen können.
Der Abend endete in langem tosendem Applaus aus dem ganzen Saal. Dass es keine Zugaben geben würde, war zu erwarten. Was hätte da noch zugegeben werden können???
Sieglinde Pfabigan

