WIEN/ Wiener Konzerthaus: Meisterstimme Asmik GRIGORIAN wirkt mit Charisma und intensiven Gefühlsausbrüchen

Foto: Susanne Lukas
Am 3.6.2026
Zum letzten saisonalen Konzert des Meisterstimmen-Zyklus im Großen Saal lockt Starsopranistin Asmik Grigorian, die überhaupt keine Divenhaftigkeit erkennbar werden lässt. Die Litauerin wirkt vollkommen natürlich, ungekünstelt und stets authentisch im einfachen hochgeschlossenen Kleid in Petrol – ohne weiteren Kostümwechsel im Laufe des Abends. Damit unterscheidet sie sich mit diesem uneitlen Verhalten von ihren Sängerkolleginnen und präsentiert ihr Programm zwischen Tschaikowski und Puccini-Opernauszügen mit ungeheuerlicher Intensität, wirkungsvoller Interpretation und kraftvoller Gestaltung jeder der dargebrachten Opernfiguren – eine Elementargewalt, wie man die Künstlerin seit Jahren kennt, schätzt und verehrt.
Wie im Mai an der Metropolitan Opera und an der Wiener Staatsoper erlebt, zeigt sie mit prächtiger und souveräner Klarheit und sauberster Linienführung ihre Verletzlichkeit und alle Gefühlslagen, wenn ihre sensible Tatjana den unsäglichen Brief an Eugen Onegin schreibt („Und wär´s mein Untergang“). Ihre Gedanken und Emotionen kommen noch besser und melodischer – als zuletzt gehört – zum Ausdruck; vielleicht auch, weil sie im Konzerthaus bei der 14-minütigen Briefszene nicht im tiefsten Bühnenhintergrund auf einem riesigen Tisch (wie an der Wiener Staatsoper) herumklettern muss? Auch im finalen, harmonisch vorgetragenen Schlussduett aus Tschaikowskis Oper („Wie bang ist mir im Herzen“) mit Bariton Germán Olvera als Onegin gelingt mit von Schmerz getragener Stimme ein eindringliches Portrait. Mit federleichter Höhe, dunklen tieferen Lagen und anscheinend ohne jegliche Anstrengung folgt man ihrer Lisa in „Bald ist es Mitternacht“ aus „Pique Dame“ in einer Gefühlsstudie zwischen Qualen, Hoffnung und Sehnsucht nach ihrem Hermann.
Ihre stärksten Momente hat Grigorian nach der Pause im Puccini-Fach, die, wie schon bei ihrem Staatsopern-Debüt als Madama Butterfly im September 2020, an Dramatik kaum zu überbieten ist. Diese japanische Geisha besticht nicht unbedingt mit lyrischen Klangfarben bei „Un bel dì, vedremo“, aber herrliche große Bögen erfreuen und die tiefste Verzweiflung über Pinkertons Verhalten im Duett mit Sharpless („Ora a noi, sedete qui…Tuo padre lo saprà, te lo prometto“) berührt. Auch das Gespräch mit dem Bruder am Beginn des 2. Aktes von „Manon Lescaut“ entführt gekonnt in eine Welt der Eitelkeit und Vermögen, bei der heiße Küsse und wahre Liebe zu Des Grieux verloren gegangen sind, die Koketterie am Duett-Ende über schönes Kleid und prächtiges Haar werden auch mimisch optimal von der Sängerin dargeboten.

Foto: Susanne Lukas
Stephan Zilias setzt mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien auf energische, manchmal etwas ruppige Tempi und bereitet bei Rimski-Korsakows Suite aus „Pan Voyevoda“ op. 59 blumige Farben auf, während die naturnahe Atmosphäre bei der Ouvertüre zu „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija“ gut aufbereitet wird. Bei „La Tregenda“ aus Puccinis Oper „Le Villi“ spielt das RSO passend-leidenschaftlich den Hexentanz auf, aber etwas weniger Wirbel und exaktere Taktführung wären zeitweise wünschenswert. Der Versuch des deutschen Dirigenten alles zusammen zu halten, gelingt nicht immer optimal.
In der einzigen Zugabe nach 2 Stunden (inkl. Pause) fleht Grigorian als Leonore den Grafen Luna an, ihren Geliebten zu begnadigen („Mira, diacerbe lagrime…Vivrà! Contende il giubilo“) aus Verdis „Il Trovatore“. Während Bariton Olvera anfangs noch mit kleinen Unsicherheiten kämpft, fasziniert die hochdramatische Sopranstimme der Litauerin und problemlos übersingt sie die Orchestermusiker. Nur ein Zwischenapplaus einiger unwissenden Gäste im Publikum stört, bevor am Konzertende Begeisterung mit Standing Ovation ausbricht.
(Susanne Lukas)

