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WIEN/ Konzerthaus: Katharsis an den Fingerspitzen – der Klavierabend von Víkingur Ólafsson

03.12.2025 | Konzert/Liederabende

Katharsis an den Fingerspitzen – der Klavierabend von Víkingur Ólafsson im Wiener Konzerthaus (02.12.2025)

Das Konzert des isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson im Wiener Konzerthaus geriet zu einem jener seltenen Erlebnisse, die sich der Vergänglichkeit entziehen. Das Programm war als tonale Reise konzipiert: vom transparenten, lichten E-Dur in die nachdenklichen Tiefen des e-Moll, um schließlich in die ursprüngliche Klarheit zurückzufinden. Dieses Spannungsverhältnis wirkte wie ein lebendiger, organischer Weg, dessen einzelne Etappen sich unmittelbar aus dem Vorhergehenden entwickelten.

Von Beginn an überwältigte die Reinheit des Klanges. Der Steinway-Flügel reagierte auf seine Berührung, als sei er eigens für diese Hand gebaut. Der Ton entstand gleichmäßig, durchsichtig, innerlich leuchtend, ohne je an Wärme zu verlieren. Jede Phrase war mit einer solchen Delikatesse geformt, dass sich der Eindruck eines eigenen Atems der Musik einstellte, den der Pianist lediglich lenkte und ihm zur Entfaltung verhalf.

Besonders eindrucksvoll wirkten seine Gesten. In der Art, wie er die Hände von der Tastatur löste, lag eine seltene Mischung aus Anmut und innerer Disziplin, die diesen Moment zu einer eigenständigen künstlerischen Geste erhob. Man ahnte darin die Plastizität eines Dirigenten. Er schien nicht nur die Töne zu führen, sondern auch die Stille zwischen ihnen, und diese Stille klang nicht weniger ausdrucksstark.

Die Attacke war von äußerster Präzision und Konzentration. Der Klang erschien mühelos, aber mit absoluter Klarheit der Intention. Der innere Puls hielt unfehlbar, die Phrasen entfalteten sich organisch, ohne Schärfe, ohne Anstrengung. Diese Darbietung vereinte strenge Form mit einer Empfindung vollkommener Freiheit – eine seltene Verbindung, die stets tiefen Eindruck hinterlässt.

Bach erklang reinigend, fast asketisch. Beethoven wurde zur Meditation über innere Kraft und menschliche Zerbrechlichkeit. Schubert entpuppte sich als Offenbarung, fein, beinahe beichtend. Alle Teile des Programms fügten sich zu einem einheitlichen emotionalen wie tonalen Kontinuum, das nie auseinanderfiel und das Publikum in einem beständigen inneren Fluss hielt.

In vielen Momenten stellte sich das Bild Glenn Goulds ein. Nicht als Nachahmung, sondern in der radikalen Aufmerksamkeit für die kleinste Nuance, in der Reinheit der Artikulation, im Streben nach einer schonungslos ehrlichen musikalischen Idee. Diese Verwandtschaft schmälert nicht die Individualität Ólafssons, sondern unterstreicht vielmehr seine Zugehörigkeit zu jener seltenen Tradition der Musiker-Denker, für die der Flügel zum Medium philosophischer Aussage wird. Man könnte meinen, in einer parallelen Welt hätte Glenn Gould diesem Ansatz applaudiert. Ólafsson erinnerte an Gould weniger in der Manier, sondern im Prinzip – dem Prinzip äußerster Präzision des Tons, der gedanklichen Form, der feinsten Artikulation. Diese Nähe mindert nichts, sie adelt. Sie zeigt eine Kunst, in der Technik nicht dem Effekt, sondern der Erkenntnis dient; und das ist ein Zeichen höchster Reife.

Das Finale geriet zu einem eigenen Fest der Dankbarkeit. Das Publikum ließ Ólafsson lange nicht von der Bühne. Donner, Kaskaden von Bravo-Rufen, endlose Ovationen ließen ein Gefühl kollektiver Begeisterung, eines gemeinsamen Atems des Saales entstehen. Er nahm diese Huldigungen mit derselben zurückhaltenden Noblesse an, mit der er gespielt hatte. Jeder seiner Verbeugungen schien eine Fortsetzung des musikalischen Satzes, und es war, als wollten die Wände des Konzerthauses diesen hellen Moment bewahren.

Der Abend hinterließ ein Gefühl innerer Klarheit und seltener Gelassenheit. Es war eine Begegnung mit der Musik in ihrer ursprünglichen Reinheit.

Yulianna del Monte

 

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