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WIEN / Konzerthaus: JOSÉ CURA. Argentinische Lieder

09.12.2013 | Konzert/Liederabende

 

WIEN / Konzerthaus:
Ein Abend mit JOSÉ CURA.
Argentinische Lieder
9. Dezember 2013 

Möglicherweise hat sich so mancher unter „Argentinischen Liedern“ etwas anderes vorgestellt, als José Cura in zweieinviertel Stunden im Großen Saal des Wiener Konzerthauses bot. Argentinien, das ist schließlich das Land des Tango, olé!, und dass sie dort möglicherweise etwas haben wie die Italiener ihr „Sole mio“ und die Spanier ihr „Granada“, war doch zu erwarten. Aber nein, es war ein Abend ganz anderer Art, den der in Argentinien geborene Tenor bot – und es war ihm offenbar sehr wichtig, sich in jeder Hinsicht einmal von einer anderen Seite zu zeigen, als dramatisch auf der Bühne herumzufegen.

Schon das Arrangement war ungewöhnlich: Am Klavier eine blonde Dame, Kristin Okerlund, an der Wiener Staatsoper als Solokorrepetitorin tätig, viel als Liedbegleiterin unterwegs. Rechts ein wenig in den Hintergrund hatte man eine Spanisch und Deutsch sprechende Dame gesetzt, die Teile der Lieder textlich vorstellte, so dass man eine Ahnung hatte, worum es bei dem ging, was der Tenor an diesem Abend sang: José Cura, auf einer Art Barhocker in der Mitte der Bühne, ohne Scheu die Brille auf der Nase tragend, und mit geradezu seltsamer Ruhe ein Programm abspulend, das nichts von südamerikanischem Temperament zeigte, wohl aber ein Übermaß an Melancholie (fast in der Preisklasse: Das Grab ist meine Freude). Cura sang die Werke zurückhaltend, viele Piani, wenig Stimme gebend, ganz selten zu einem Spitzenton ansetzend, vermutlich im Parlando ein prächtiger Gestalter der Texte, man hat sie nur nicht verstanden.

Als es zu dem Zyklus der „Sonetos“ von Pablo Neruda kam, war Cura zu zurückhaltend, um den Komponisten dieser Lieder zu nennen: Er heißt José  Cura (der Mann ist nämlich ein musikalisches Allround-Talent) und dieser hat sich offenbar bemüht, den hohen literarischen Anspruch der Texte auch musikalisch umzusetzen, da gab er es nicht billig. Seelenvoll, gefühlsintensiv, trauerumflort sind wohl die Epitheta, die man hier rechtens bemühen muss.

Im zweiten Teil versprach Cura dann bei den „Flores argentinas“ von Carlos Guastavino, „now we are going to be a little bit more funny“. Die Lieder rund um Blumen, die auch verschiedene Typen der Folklore bedienten, waren dann zwar etwas lebhafter, haben den Abend aber noch nicht so richtig „aufgemischt“. Erst als Cura erzählte, wie bei der Eröffnung des Teatro Colon 1908 die Oper „Aurora“ von Héctor Panizza die Nationalhymne des Landes, das Canción a la bandera, kreierte, kam Schwung auf – Cura, der schon als kleiner Junge in der Schule diese Hymne täglich krähen musste, sang sie (erstmals stehend) mit voller Kraft, Lautstärke, Spitzentönen („Patria mia!“), kurz, er gab alles, was sich seine geduldigen Fans von ihm erhofften. Dann reichte es, mit viel Applaus und Herzlichkeit (man hörte sehr viel Spanisch im Zuschauerraum), noch für drei weitere Zugaben.

Es war vielleicht nicht der unterhaltendste Abend, aber das sollte er auch nicht sein. Jedenfalls hat José Cura seine Absicht erfüllt, sich einmal von einer ganz anderen, zarteren, seelenvolleren Seite zu zeigen.

Renate Wagner

 

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