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WIEN/ Konzerthaus: „DAS LIED VON DER ERDE“. Wie eine Silberbarke schwebt der Mond am blauen Himmelsee herauf“

08.10.2023 | Konzert/Liederabende

Wie eine Silberbarke schwebt der Mond am blauen Himmelsee herauf“ – Saisonstart der Wiener Symphoniker mit Mahlers „Das Lied von der Erde“ im Wiener Konzerthaus. Vorstellung vom 07.10.2023

 Während man andernorts in Wien versucht, Mahler eine postume Oper an- oder besser umzudichten (und damit logischerweise nicht nur scheitert, sondern einen Flop der Extraklasse hinlegt), weiß man am Wiener Konzerthaus sehr genau, daß solch ein Vorhaben nur von Hybris, anstatt von Sachkenntnis zeugt. Denn das Genie Mahlers ist nach wie vor weit entfernt von dem, was zeitgenössisches Wirken an Opern- und Konzerthäusern dieser Tage so produziert (auch wenn es tatsächlich Personen gibt, die sich nicht vor der Peinlichkeit scheuen, Philippe Jordan als neuen Gustav Mahler zu bezeichnen). Darüber hinaus ist ein anmaßender Eingriff in das Werk Mahlers auch gar nicht nötig, denn Mahler überschritt die Grenzen der einzelnen Gattungen und führte somit konsequenter Weise das fort, was Beethoven im 4. Satz seiner 9. Symphonie begann. Dies spiegelt sich wunderbar in Mahlers Symphonien wieder. So auch im Lied von der Erde, welches Mahler selbst als seine 9. Symphonie bezeichnete, um seinen Aberglauben zu überlisten, vor der Fertigstellung seiner 10. Symphonie wie andere große Komponisten sterben zu müssen. Doch auch Mahler schaffte seine 10. nicht, trotz des Kniffes starb er am 18. Mai 1911 in Wien an eben jener Herzkrankheit, deren Diagnose ihn vor Verfassen des Lieds von der Erde sehr erschütterte. Hinzu kamen der Tod seiner fünfjährigen Tochter Maria Anna und das antisemitische Mobbing an der Wiener Hofoper (heute Staatsoper), das schließlich zur Aufgabe seines Amtes als Operndirektor führte. Daß diese Gemengelage Einfluss auf das Werk hatte ist unbestritten und so ist das Lied von der Erde ein Werk zwischen Liederzyklus und Sinfoniekantate, dessen Beschreibung menschlicher Gefühle so intensiv und ergreifend ist, daß es eben auch schon opernhafte Züge trägt, ohne eben eine Oper zu sein.

Dies wissen auch die Wiener Symphoniker nur allzu gut und haben sich das epische Werk zum Saisonstart ausgewählt, nicht ohne sich beeindruckende Unterstützung für dieses Vorhaben zu holen: Sie vertrauten Sir Robin Ticciati die Leitung des Abends an und erhielten mit Karen Cargill und Michael Spyres zwei außerordentliche Stimmen der Extraklasse als gesangliche Mitstreiter. Das Resultat war ein Abend, der die emotionale Vielfalt des Mahlerschen Werks in größtem klanglichen Reichtum darstellt. Freude, Hoffnung, Schönheit, Trauer, Gleichgültigkeit, Sorge und Leid – Das gesamte Spektrum von Emotionen bieten die sechs Lieder, die als Chinoiserien nicht nur den Geist der Ringstraßen-Ära, sondern auch das gesamte Schaffen Mahlers und sein persönliches Leben widerspiegeln. Sir Robin arbeitet diese Klangwelt mit den Symphonikern bis in wichtige Details fein heraus. Seien es einzelne Paukenschläge, deren unterschwelliger Klang die Schicksalsschläge des Lebens andeutet, oder brausende Tutti, welche die Fülle dessen, was ein Mensch erleben kann, in all ihrer umwerfenden Gefühlswelt wiedergeben. Dabei ist der Klang des Orchesters stets sauber, nie verschludert, dafür voller Verve und Energie. Selbst bei den Liedern, die sich mit menschlicher Trauer beschäftigen, gelingt es den Symphonikern, einen lebensbejahenden Grundton beizubehalten. So wird denn auch das letzte Lied „Abschied“ zu einem solchen, der sich zwar mit Trennung beschäftigt, dann in wirklich emotionale Tiefen und einem fast schon tragischen Klang abgleitet, aber eben ganz wie das Libretto – pardon – der Liedtext es beschreibt, dann Blick doch nach Vorne in eine strahlende Zukunft wirft: „Die liebe Erde allüberall/ Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!“

Michael Spyres übernimmt, wie in der Partitur vorgegeben, die drei Tenor-Partien, die mit dem „Trinklied vom Jammer der Erde“ beginnen. Herrscht hier eine zunächst eine pessimistische Stimmung, schwenkt diese dann fast in eine depressive um, denn jeder Versuch der optimistischen Betrachtung wird stets damit beantworten, daß das Leben nicht minder dunkel als der Tod ist. Doch Herrn Spyres gelingt es – wie von Mahler vorgesehen – am Ende die Betonung des Wortes „Leben“ in der vierten und letzten Strophe zu einem Blick auf das Positive im und auf das leben an sich zu gestalten und somit den Grundton von der düsteren zu einer hoffnungsvollen Stimmung zu verändern. Das ist richtig, denn die weiteren Lieder, welche der Tenor an diesem Abend singt, sind weitaus heiterer und positiver gestimmt. Die glasklare und fröhliche Stimmlage Herrn Spyres ist dabei genauso hilfreich wie die beachtliche Intensität mit der er zu singen vermag, gelingt es ihm doch auch in den lauten Passagen mit dem Orchester mithalten ohne zu schreien und insbesondere im Lied „Von der Jugend“ jene sorglose Leichtigkeit umzusetzen, die der Text hier vorsieht. „Der Trunkene im Frühling“ wird schließlich zur freudigen Ankündigung des Lenzes, pure Lebensbejahung spricht hier aus Herrn Spyres, es scheint, als wäre er nun selbst einer der jugendlichen Knaben, welche im zweiten Lied besungen wurden. Die ironische Pointe am Ende des Liedes dann doch statt dem Erblühen des Frühlings, das Trinken an sich in die Aufmerksamkeit des Protagonisten zu stellen sitzt tadellos und beweist einmal mehr die Qualität Herrn Spyres, der zweifelsohne zu einem der besten Tenöre seiner Generation gehört. Er schließt somit den Kreis hin zum Ausgangspunkt seiner Lieder indem er diesem einen fast schon zynischen Charakter verleiht, der zu jener niedergeschlagenen Dunkelheit führt, die im ersten Lied zunächst die Oberhand hat. Ohne Zweifel, das war ein auftritt allererster Güte, einfühlsam, wandelbar, mit stets edlem Stimmklang, wie die seidnen Ärmel der Freunde im Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan – Bravissimo!

Karen Cargill hat bereits mehrere Male das Lied von der Erde gesungen, zuletzt im August mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und auch dort bereits unter der Leitung von Sir Robin. So ist es kein Wunder, daß sie die jugendliche Leichtigkeit von Herrn Spyres um noble Grandezza ergänzt. Beginnend mit dem Einsamen im Herbst gelingt es ihr zunächst, die fast schon triste, von Nebeln geprägte Herbststimmung anschaulich zu machen, ja fast scheint es, als zögen die Nebelschwaden durch den Saal. Die Sonne der Liebe, welche die Protagonistin des Lieds herbeisehnt, lässt sie dann im Lied „Von der Schönheit“ tatsächlich aufgehen. Ihr Mezzo funkelt dabei wie die besungenen Strahlen der Sonne auf dem Wasser, ist so vornehm wie die Jade und das Porzellan, welches uns so oft in diesen Liedern begegnet. Es ist dann auch keine Überraschung, dass auch sie es versteht, den Abschied des letzten Liedes nicht als trauriges Abschiednehmen erscheinen zu lassen. Wie schon gesagt, steckt in diesem Satz letztlich das ganze Fazit des Lieds von der Erde. Nicht umsonst dauert er nahezu genauso lange wie alle anderen fünf Lieder zusammen und ist so wiederum eine Referenz an Beethovens 9., aber auch an die lebensbejahende Aussage von Mahlers 8. Symphonie. „Ich sehne mich, o Freund, an Deiner Seite/ Die Schönheit des Abends zu genießen“ – mit großer Ruhe und Gelassenheit, einer unglaublichen Wärme in Ihrer Stimme schafft Frau Cargill hier eine einladende Geborgenheit, die den Liederzyklus versöhnlich abschließt und als Fazit die Erkenntnis setzt, daß es bei allen Auf und Abs im Leben stets ein positives Weitergehen gibt, nur nicht immer alles von Hochs gestaltet sein kann. Zart und doch bestimmt, einladend, ruhig und optimistisch gibt Frau Cargill diese Aussage Mahlers an das Publikum weiter. Und so herrscht nach dem Verklingen des letzten „ewig“ zunächst eine lange Stille im Konzerthaus – um dann in sich immer weiter steigernden Applaus auszubrechen – Brava, bravissma!

Ein beeindruckender Abend, der dank der wunderbaren Leistungen aller Beteiligten noch lange nachklingen und in unseren Herzen bleiben wird. Es schien für einen Moment, als seien die glorreichen Zeiten musikalischen Schaffens für diesen Abend zurück nach Wien gekehrt und Mahlers Musik in ihrer berührenden Intensität heute zum ersten Mal erklungen. Die Symphoniker stellen diese Saison unter das Motto „Echo der Stadt“. Wenn, ja wenn dieser Abend das Echo der Stadt ist, dann ist es um Wien bestens bestellt. Zahlreiche Bravi und langer Applaus vom Publikum – Zu Recht und mehr als wohlverdient!

E.A.L.

 

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