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WIEN / Kammerspiele: JAMES BROWN TRUG LOCKENWICKLER

15.02.2024 | Theater

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WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
JAMES BROWN TRUG LOCKENWICKLER von Yasmina Reza
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 15. Februar 2024, 
besucht wurde die Generalprobe

Ein diskreter Raum mit weiß gepolsterten Wänden, die Luxusausführung einer Gummizelle, in die man gefährliche Narren sperrt. Gefährlich ist der junge Jacob nicht, aber nach allgemeinen Maßstäben nicht „normal“. Und da ist man schon bei der heiklen Frage, die es früher nicht gegeben hat. Man musste nicht definieren, was „normal“ war, man wusste es. Ist jemand harmlos von der Linie abgewichen, lachte man ihn aus und nannte ihn „Du Narr“. Wurde es pathologisch gefährlich, kam er, wie es in Wien heißt, „nach Steinhof“, sprich: in die Psychiatrie. Und heute? Nun, scheinbar widmet sich das neueste Stück von Yasmina Reza diesem Thema der Abweichung von der Norm, Aber nur scheinbar. Denn tatsächlich hat sie nichts dazu zu sagen.

Der junge Jacob bildet sich seit Kindertagen ein, er sei eigentlich Céline Dion. Für normales Leben nicht tauglich, haben ihn seine liebenden, erschütterten Eltern in eine Art Luxusklinik gesteckt, wo die Psychiaterin offenbar jegliches Verständnis für das Verhalten ihrer Patienten zeigt. Sie stimmt ja auch einem weißen jungen Mann zu, der sich für einen Schwarzafrikaner hält. Nun, das muss man sich leisten können…

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Interessanterweise erfährt man von Jacobs Wahn am wenigsten, er ist, wie er ist, basta. Der falsche Schwarze leidet zumindest unter kolonialem Druck. Aber eigentlich stehen die Eltern von Jacob im Mittelpunkt des Interesses. Sie gehören jener woken Generation an, die sich unter allem duckt, zu allem zustimmend nickt, alles annimmt, auch wenn es noch so abstrus ist. Bis dem Vater innerhalb einer Handlung, in der kaum etwas passiert, einmal der Kragen platzt und er bekennt, den Blödsinn nicht mehr mitmachen zu wollen, nicht immer allem zustimmen, als sei es normal, sich als Celine Dion zu fühlen…

So vage wie das ganze Stück, das sein Problem nicht wirklich diskutiert, ist das Ende – WischiWaschi-„Poesie“, wohl mit der Aussage, lasst jedem seinen „Traum“. Bloß – wer bezahlt das Nicht-Leben?  (Außerdem gibt es ein emporwachsendes Bäumchen – das hatten wir doch gerade in „Candide“?).

Was uns die Autorin mit ihrer ziellosen Geschichte sagen wollte, weiß sie vermutlich selbst nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass Yasmina Reza gerade zwei Stücke gelungen sind – „Kunst“, womit sie 1994 die Bühnen der Welt eroberte, weil das Thema der „modernen Kunst“ damals manchem unter den Nägeln brannte, und „Der Gott des Gemetzels“ (2006), worin sie zwei bürgerliche Paare in einem Hahnenkampf gegen einander hetzte. Der Rest war kaum der Rede wert, und „James Brown trug Lockenwickle“ fällt in diese Kategorie. Wäre die Autorin nicht so berühmt, niemand würde das Stück aus dem Papierkorb holen…

Für die Österreichische Erstaufführung in den Kammerspielen hat die Josefstadt Sandra Cervik als Regisseurin aufgeboten, in einem Einheitsbühnenbild (Sabine Freude) und nicht eben bemerkenswerten Kostümen (Aleksandra Kica), Wenn man nun zugibt, von Celine Dion absolut nichts zu wissen (auch weil man selbst in Las Vegas die Möglichkeit, ihre Show zu sehen, angesichts der exorbitanten Preise abgelehnt hat, die dafür gefordert wurden), dann vertraut man gerne der Regie, dass der Hauptdarsteller sich glaubhaft in Celine verwandelt hat und eine Show-Szene deren Auftritten nachgestaltet wurde. Julian Valerio Rehrl, in der Josefstadt langsam Spezialist für problematische Söhne, schwebt ganz in hellblauer Seide umher, milder Blick, lockiges Haar (einmal mit einem Lockenwickler), ganz die androgyne Kunstfigur, die wohl gemeint ist. Besonderes Verständnis oder irgendwelche Sympathie empfindet man für ihn nicht. Auch nicht für Dominic Oley, der als „weißer Schwarzer“ ebenfalls  nicht viel aussagt, außer dass Menschen, die in ihren Traumwelten leben, für die Realität eben nicht geeignet sind. Den überzeugenden Stab für das Anderssein brechen sie nicht…

Da gibt es noch eine Rolle, die Sandra Cervik vielleicht selbst gern gespielt hätte, wäre sie nicht für die Regie zuständig. Yasmina Reza versucht, etwas Humor in die dröge Geschichte zu würzen, indem sie das alte Klischee bedient, dass Psychiater die eigentlichen Verrückten sind. Alexandra Krismer macht das (mit verschiedenen Perücken) vorzüglich – und hält eine flammende Philippika für die bösen Schwestern von Aschenputtel, während sie die Heldin (ohne Begründung) als die eigentlich Üble bezeichnet. Nun ja. Solch modische Argumentationen „gegen den Strich“ kennt man zur Genüge.

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Fotos: Theater in der Josefstadt

Die interessantesten Figuren des Stücks sind die Eltern, Mama Pascaline und Papa Lionel, die ihren Sohn immer wieder besuchen, in der Hoffnung, in Celine vielleicht wieder ihren Jacob zu finden – aber voll Demut vor seinem Wahn. Maria Köstlinger, ganz flackernde Unsicherheit, und Juergen Maurer, der sich als Schwächling  bekennt, aber am Ende eine Art Nervenzusammenbruch erleidet, machen das überzeugend, mit ihrer Not kann man sich am ehesten identifizieren. Falls einen die seltsame Geschichte überhaupt zu interessieren imstande ist.

Renate Wagner

 

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