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WIEN / Kammerspiele: DIE MAUSEFALLE

19.12.2013 | Theater

Kammerspiele_Die_Mausefalle_Teaser

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie
Premiere: 19. Dezember 2013,
besucht wurde die Generalprobe

Seit November 1952 läuft „Die Mausefalle“ von Agatha Christie im Londoner Westend, und kaum ein Besucher der Stadt, der sich diese lebende Legende der Theatergeschichte – das am längsten laufende Stück der Welt! – entgehen lässt. In Wien wurde es auf Deutsch nur an zwei Kleinbühnen gespielt, das (leider nicht mehr existierende) International Theatre zeigte „The Mouse Trap“ zwischen 1983 und 2006 allerdings nicht weniger als fünfmal. Es ist also anzunehmen, dass eine Menge Leute diesen Krimi und damit seine Lösung kennen. Dennoch wird wie ein Mantra wiederholt: „Wir dürfen Sie höflich ersuchen, den Mörder nicht zu verraten!“ Nein, natürlich nicht. Man will ja für Neulinge kein Spiel- und Spaßverderber sein.

Dennoch war Regisseur Folke Braband, der die nunmehrige Aufführung in den Josefstädter Kammerspielen betreut, wohl klar, dass die Sache für Leute, die wissen, was da läuft, nicht eben haarsträubend spannend ist. Also dachte er sich einen sehr wirkungsvollen Clou aus, der Geschichte einen eigenen Touch zu geben. Dazu muss man erwähnen, dass die Idee, aus einem Theaterstück einen Schwarzweißfilm der vierziger Jahre zu machen, schon vor zwei Jahren Regisseur Alvis Hermanis gekommen ist, als er im Burgtheater Schnitzlers „Das weite Land“ inszenierte: Nur dass die Idee damals überhaupt nicht gepasst hat. „Die Mausefalle“, dieses Stück der späten vierziger Jahre, hingegen in einen Kinofilm zu verwandeln, der mit allen dazugehörigen Effekten – Ausstattung von anno dazumal, Grautöne, Musikdramaturgie – ausgestattet ist, erweist sich jedoch als vorzüglicher Trick, das Werk aufzupolieren. Es gibt sogar einen Kinovorspann und –abspann…

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Fotos: Barbara Zeininger

Ausstatter Stephan Dietrich hat da einiges geleistet und ist reich an komischen Zitaten: Das Bühnenbild ist, grau und grau, die übliche hohe Eingangshalle eines altenglischen Herrenhauses, aber schon die Kleidung der Damen entzückt: Sie stimmt in den engen Röcken und den damals üblichen „spitzen“ Büstenhaltern ebenso wie in den Outfits der Herren, wobei der alte „Major“ auch noch im Kilt erscheint. Zudem hat man sich den Spaß gemacht, die alte Lady des Stücks, Mrs. Boyle, mit weißen Löckchen und Kleidung ganz nach der Miß Marple der Margaret Rutherford zu stilisieren, und der verdächtige Mr. Paravicini gibt sich in Look und Akzent ganz wie Hercule Poirot (allerdings wie Albert Finney oder David Suchet, nicht wie Peter Ustinov). Die Fans von Lady Agatha werden es erkennen und ihren Spaß daran haben, auch an der kleinen Pointe, dass es nur drei rote Flecken im Grau in Grau gibt – das Telefon, ein Schal und das Blut, das dann am Fauteuil klebt, nachdem es darin das erste Mordopfer gegeben hat…

Die Situation ist klassisch: Menschen, die in einem Raum eingeschlossen sind (wie die „Zehn kleinen Negerlein“ auch). Anfangs erwartet das Ehepaar Mollie und Giles Ralston seine Pensionsgäste, dann kommen sie, alle geheimnisvoll genug, die alte Lady, die rätselhafte junge Dame, der scheinbare Architekt, der alte Major und uneingeladen, als Wetteropfer, der komische Mr. Paravicini. Über kurz oder lang eingeschneit und von der Welt abgeschnitten, aber informiert über einen Mord, der eben in London geschehen ist, stößt – per Skier! – Detective Sergeant Trotter zur Truppe. Nun sind sie zu acht, ein Mörder soll unter ihnen sein, und Lady Agatha tut alles, um den Verdacht so gleichmäßig zu verteilen, dass man jeden für den möglichen Täter hält (nur wahrscheinlich den nicht, der es dann ist… aber man will nicht zu viel sagen). Die Lösung ist, beim ersten Sehen, sicherlich überraschend, das Ende hat dann fast alle losen Fäden in Ordnung gebracht (eigentlich bleibt nur Mr. Wrens Verhalten weiter rätselhaft…)

Folke Braband hat sich einen Spaß daraus gemacht, mit der kräftigen Hilfe der Musik von Felix Huber, die immer wieder geradezu tremoliert, jeden Verdacht auszuspielen, jede Pointe, jeden Effekt nachdrücklich zu setzen – nach dem Motto „Ist ja Kino“. Was allerdings nur durch die bewusste Stilisierung des Ganzen möglich ist und funktioniert.

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Eine solide Josefstädter Besetzung macht sich scheinbar ernsthaft den Jux, diesen Krimi aller Krimi leicht ironisch und dann doch wieder spannend auf die Bühne zu bringen, indem alle Figuren leise überzeichnet werden. Alexandra Krismer mit anmutigem Hüftschwung und Alexander Jagsch sehr britisch, aber auch ziemlich eifersüchtig, geben das Ehepaar. Marianne Nentwich zitiert mit unwirschen Tönen halb Miß Marple, halb Adele Sandrock. Martin Niedermair gibt dem Christopher Wren leicht schwule exzentrische Züge. Silvia Meisterle. im eleganten Hosenanzug Marlene-Dietrich-mondän, hat eindeutig etwas zu verbergen, und Heribert Sasse als Major im Schottenrock ist die Hintergründigkeit selbst. Siegfried Walther genießt es, den Mr. Paravicini in eine Knallcharge zu verwandeln, und Martin Zauner waltet als Detective Sergeant Trotter auf Mördersuche nachdrücklich seines Amtes.

Natürlich hätte das Stück „bunt“, einfach auf schrullige englische Land-Gesellschaft gespielt, auch seine Wirkung erbracht. Aber zweifellos ist es auf diese Art schlicht und einfach deliziöser.

Renate Wagner

 

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