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WIEN / Kammerspiele: DER GARDEROBER

01.05.2018 | Theater

 
Foto: Josefstadt © studio@prammer.com

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
DER GARDEROBER von Ronald Harwood
Premiere: 26. April 20018,
besucht wurde die Vorstellung am 30. April 2018

Ronald Harwood, vor allem erfolgreicher britischer Drehbuchautor, hat auch ein paar sehr geschickte Theaterstücke geschrieben, die sich stets in der Welt der Kunst bewegen. Von bluternst („Der Fall Furtwängler“) bis heiter („Quartetto“ – die vier alt gewordenen Opernsänger). Irgendwo dazwischen liegt „Der Garderober“ („The Dresser“), worin Harwood seine eigenen Jugend-Erfahrungen „im Dienste“ des Schauspielers Sir Donald Wolfit verarbeitet hat.

Ein Stück, das in London während des Zweiten Weltkriegs spielt und in eine jener Theatertruppen der Epoche blendet, die von einem Star geführt wurden, mit dem einzigen Zweck, dass dieser in allen Hauptrollen (vorzugsweise von Shakespeare) glänzen konnte. Hier stehen der Star, nur „Sir“ genannt, und sein Garderober Noman im Mittelpunkt, und wenn man das Stück nun in den Josefstädter Kammerspielen sieht, würde man es für einen tragischen Leichenbitter halten.

Das allerdings nur, weil es Regisseur Cesare Lievi vor allem in der Zeichnung der zentralen Figuren grundfalsch angepackt hat (sicher wohl überlegt, um nicht dem „Boulevard“ in die Arme zu fallen). Aber Harwood war viel zu geschickt und als Dramatiker gewandt, um seine Geschichte über Theaterleute so eindimensional tragisch anzulegen – mit dem Star als dahinsterbendem alten Mann und dem Garderober als treuem Dienervieh, der erst am Ende enttäuscht wird… Daraus lassen sich keine Funken schlagen.

Und so geraten sie langweilig eindimensional, weil ihnen Lievi sowohl Tempo wie auch Brillanz und (das ist ja keine Schande!) Pointen verweigert. „Sir“ ist als „monstre sacré“ gedacht, als der absolut egozentrische, ausbeuterische, eitle, mit sich selbst kokettierende Schauspieler an sich, der auch noch seine unleugbare körperliche und geistige Schwäche (die ja am Ende des Stücks zum Tod führt) einigermaßen bewusst zelebriert. Michael König muss als müder Moribunder herumhängen, dem man die Brillanz, die dieser Mann in seinen Shakespeare-Rollen auszustrahlen hätte, kaum glauben mag.

Und dieser scheinbar so hündisch ergebene Garderober Norman müsste weit mehr Facetten zeigen als die nur liebevoll-menschlichen, die der Regisseur Martin Zauner zugesteht (der hier an einer Traumrolle, die für ihn geschrieben scheint, leider vorbeispielt) – da müsste schon von Anfang an ein schillerndes Bündel widersprüchlicher Motivationen zum Flackern kommen, um diesen braven Mann zu einem so interessanten Mann zu machen, wie Harwood ihn gemeint hat.

Im Grunde gibt es in Lievis Inszenierung, die in geschickter Ausstattung stattfindet (Bühnenbild: Maurizio Balò, und Kostümbildnerin Birgit Hutter weiß, dass man im Krieg Nylonstrümpfe noch mit Naht trug), nur eine wirklich packend-witzige Szene – wenn „Sir“ als „Lear“ auf der Bühne steht (nicht sichtbar) und die Mitglieder des Ensembles hinter der Bühne mit Trommel, Windmaschine und Blechstücken nach Leibeskräften Windjammer, Blitz und Donner erzeugen, was es das Zeug hält. Die Schmiere in Zeiten, als noch keine Computer die ganze Arbeit erledigten. Da waltet, was den Abend als Ganzes durchziehen müsste und was so selten zum Tragen kommt: der Zauber des Theaters.

Die Nebenrollen sind nicht groß, aber Harwood ist geschickt genug, dass jeder zumindest einen Auftritt und den Umriß eines Charakters erhält: Martina Stilp als „Milady“, die (nicht mit „Sir“ verheiratete) erste Dame des Ensembles, längst der Sache müde; Elfriede Schüsseleder sehr schön in der Rolle der ewig treuen Inspizientin, die so sehr in „Sir“ verliebt ist und nie von ihm bemerkt wurde; Alexander Strobele besonders gut als der kleine Schauspieler, der einmal eine größere Rolle spielen darf (ohnedies nur als Notnagel) und dabei dermaßen Blut leckt, dass er um größere Aufgaben (natürlich ohne größere Gage…) geradezu bettelt; Wojo van Brouwer als das aufmüpfige Ensemblemitglied, der dem Zauber des Ganzen (und „Sirs“) absolut nicht verfällt.

Interessant die Rolle der Irene (Swintha Gersthofer, nicht ausreichend sexy), denn diese bietet quasi ein historisches Beispiel zur gegenwärtigen „#metoo“-Debatte. An dieser jungen Schauspielerin des Ensembles rund um „Sir“  wird gezeigt, dass das Betatschen junger Frauen durch alte Männer eine absolute Selbstverständlichkeit war – und dass manche es auch willig geschehen ließen, um ihren eigenen Zwecken zu dienen…

Im Ganzen sollte das Stück ein Hohelied auf das Theater sein – und auf die Menschen, die es machen. Hier schleppen sich alle so müde herum, dass vom Zauber des Milieus nicht einmal ein paar Schnipsel bleiben…

Renate Wagner

 

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