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WIEN / Kammerspiele: CHUZPE

29.11.2012 | Theater

 

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt:
CHUZPE nach dem Roman von Lily Brett
Bühnenfassung: Dieter Berner / nach einer Dramatisierung von Eva Demski
Premiere: 22. November 2012
Besucht wurde die Vorstellung am 28. November 2012

Ausverkauft auf Monate – Wien hat nicht lange gebraucht, um auf die Premiere von „Chuzpe“ in den Kammerspielen zu reagieren. In Windeseile sprach sich offenbar herum, dass man diese Dramatisierung von Lily Bretts Roman „gesehen haben muss“. Und das offenbar aus vielen Gründen.

Worum geht’s? Ruth (ihrer Schöpferin wohl ziemlich ähnlich) ist eine – mit wunderbarer Ironie gezeichnete – typische New Yorker Intellektuelle, inklusive aller Ticks, besonders was die „gesunde Ernährung“ angeht – ein „normaler“ Mensch wie ihr Vater kann sie nur als „Grasfresserin“ bezeichnen und lukullisch in allem schwelgen, was sie (schweren Herzens wohl) verweigert…

Um diesen Papa geht es: Holocaust-Opfer aus Polen, nach dem Krieg nach Australien gegangen, beschließt er 87jährig, zur Tochter nach New York auszuwandern. Aber nicht, um sich bei ihr zur Ruhe zu setzen. Im Gegenteil – er ist geradezu erschütternd rührig und in seinem Unternehmungsgeist nicht zu bremsen.

Keinerlei Regeln der Schicki-Micki-Intellektuellen befolgend (der Mann war schließlich beruflich schlicht und einfach ein Bote, lebenslang auf den Beinen), stopft er ihr Büro mit Sonderangeboten etwa von Klopapier voll, bis er in die Hände zweier koch- und auch sonst begabter Ostblock-Damen gerät. Wie Papa nun mit diesen ein Restaurant eröffnet, das auf der Produktion fetter Fleischbällchen und anderer ungesunder Köstlichkeiten ruht (man nennt das Lokal denn auch: „You gotta have balls“, was von schönster Zweideutigkeit trieft), ist zwar als Handlung dürftig – aber ausgeführt wird es einfach köstlich.

In der Josefstadt hat Regisseur Dieter Berner nach einer Dramatisierung von Eva Demski eine Bühnenfassung erstellt, die den Roman nicht total zum Stück macht: Immer wieder muss Ruth, die Heldin, sich ans Publikum wenden und Teile der Geschichte erklären. Macht nichts, denn Sandra Cervik spielt sie. Sie ähnelt der Autorin nicht nur darin, schlank, zierlich, dunkelhaarig und selbstironisch witzig zu sein, sie bringt auch das Jüdische der Figur perfekt über die Rampe. Und dem Jüdischen in Tonfall und Geste sind die Wiener ja immer verfallen (ungeachtet dessen, was im Dritten Reich geschehen ist).

Und wenn nun Otto Schenk (nach dem verstorbenen Fritz Muliar, der hier nicht mehr um die Rolle mitkämpfen konnte) vermutlich die absolute Idealbesetzung der Figur des alten Edek ist, Herz, was begehrst Du mehr? Dabei hat Berner den Schauspieler weitgehend von seiner Tendenz, gern ein bisschen zu viel zu tun, befreit – und ein bisschen weniger ist hier wirklich mehr, abgesehen davon, dass er und die Cervik das Jüdische nicht vorführen oder um der Pointen willen ausstellen, sondern schlicht und einfach sind. Ideal die beiden, man kann’s nicht anders sagen.

Aber da gibt es auch noch die beiden Ostblock-Pomeranzen, die den alten Mann mit kulinarischen und sexuellen Genüssen einfangen, und mag auch Grazyna Dylag als Zofia im hemmungslosen Schupfen ihres ungeheuren Busens manchmal ein bisschen viel tun – hinreißend und bühnenbeherrschend ist auch sie, sodass sie sogar die immer hinreißende Gabriele Schuchter in die zweite Reihe drängt. Dort sind die anderen Protagonisten ohnedies, wobei Alexandra Krismer als Ruths intellektuelle Freundin wenigstens gute Figur macht, während Daniela Golpashin als Bürogehilfin nicht mehr als auf- und abtreten darf.

Ruth, die Heldin, mit Tablet bewaffnet, telefoniert auch immer wieder (wie auch anders heutzutage), und da kommen ihre Partner (u.a. Herbert Föttinger, wie passend, als abwesender Gatte) per Videoscreen ins Spiel (Maximilian Berner zeichnete dafür verantwortlich). Das macht die an sich schlichte Geschichte im schlichten Rahmen (Bühnenbild: Hyun Chu, immer richtige Kostüme: Birgit Hutter) dann noch ein wenig bunter. Und Dieter Berner als Regisseur hat das so wohl ausgewogen, dass es mehr als ein Pointensalat geworden ist, sondern auch Vater gegen Tochter – nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern ein Duell verschiedener Persönlichkeiten und Weltanschauungen…

Alfred Polgar hat einmal definiert, was ein Lustspiel sei: „Ein Nichts, aber in Seidenpapier.“ Dieses hat an diesem Abend auf die wunderbarste Weise geglänzt, geknistert  und geraschelt.

Renate Wagner

 

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