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Wien/Kammeroper: L’ARBORE DI DIANA von Vicente Martín y Soler

08.12.2022 | Oper in Österreich

Kammeroper Wien: Vicente Martín y Soler: L‘arbore di Diana am 7.12.2022 (Premiere am 3.12.2022):

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Foto: Herwig Prammer

Der in Valencia geborene spanische Komponist Vicente Martín y Soler (1754-1806) ist heute nur mehr eingefleischten Opernliebhabern ein Begriff. Zu selten erscheinen seine etwa 19 musikdramatischen Werke auf der Bühne. Und das völlig zu Unrecht, bedenkt man, dass er seinen Zeitgenossen Mozart um 1790 an Popularität übertraf. Er war, mit einer Ausnahme, zeitlebens ein Freelancer, der erst gegen Ende seines Lebens in Sankt Petersburg zu festen Einkünften gelangte. Von Lorenzo da Ponte stammten die Libretti zu seinen drei Wiener Erfolgsopern „Il burbero di buon cuore“ (1786), „Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà“ (1786) und „L’arbore di Diana“ (1787). Hier in Wien feierte der Komponist am Hof des kunstsinnigen und reformfreudigen Kaiser Joseph II. auch seine größten Erfolge. Der Workaholic da Ponte schrieb in kurzer Zeit drei Libretti gleichzeitig. Neben „Don Giovanni“ für Mozart, „Axur, re d‘Ormus“ für Salieri auch „L’arbore di Diana“ für Martín, welches da Ponte selbst für sein bestes Drama hielt. Sie markiert mit 65 Aufführungen in fünf Jahren zugleich den größten Erfolg des Komponisten am Theater nächst der Burg und diente gleichzeitig als Modell für Mozarts „Così fan tutte“. Parallelen findet man aber auch in der Zauberflöte, wo die Königin der Nacht und ihre Damen an Diana und ihre Nymphen, Papageno an Doristo und Britomarte, der gleichfalls mit Stummheit bestraft wird, erinnern. Da Ponte verarbeitete in der frei erfundenen Handlung der Oper großzügig Elemente der Mythologie um die keusche Göttin Diana nebst einer Novelle aus dem Decamerone von Giovanni Boccaccio. Die Handlung ist kurz erzählt: Diana, die in der Oper mit ihrem griechischen Beinamen Cinzia, angesprochen wird, hat in ihrem Garten einen Apfelbaum zur Prüfung der Keuschheit ihrer Mädchen stehen. Waren diese keusch, so erstrahlten die Früchte und lieblichste Melodien erklangen aus den Zweigen, fehlten sie, so wurden die Äpfel schwarz, fielen vom Baum und entstellten die Schuldigen. Amor, der sein Geschlecht während der Oper häufig wechselt, ist ein solches widernatürliche Gesetz ein Graus. Er will sich an Diana rächen, indem er alle Nymphen in den Gärtner Doristo verliebt macht und die Göttin selbst in den schönen Endimione. Silvio in der Rolle des Orakelpriesters verlangt nun die „Baumprobe“, der sich alle unterziehen sollen, allen voran aber Diana, die nun gesteht, dass sie ihr eigenes Gebot übertreten hat und dafür zur „Strafe“ Endimione heiraten muss, während Doristo als Wächter mit den drei Nymphen zusammenleben darf.

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Foto: Herwig Prammer

In der Inszenierung von Rafael R. Villalobos, der auch die Kostüme entwarf, spielt die Handlung der Oper natürlich nicht auf einer Insel, sondern in einem Internat, wo die drei Nymphen als Putzfrauen agieren. Als gestrenge, auf Sitte und Keuschheit bedachte, Institutsleiterin regiert dort Diana. Wohin aber entweicht die Jugend einem solchen einengenden Reglement? Natürlich auf die Toiletten mit Waschraum, wo man auch heimlich und unbeobachtet eine Zigarette rauchen kann. Das war schon zu meiner Schulzeit so (Bühne: Emanuele Sinisi). Auf einem aufgeklebten Plakat, das die sittenstrenge Diana sofort entfernt, liest man noch: „I met God. She‘s black“. Ein WC dient in erster Linie wohl dazu auch fallweise als solches benutzt zu werden, was augenfällig zur Schau gestellt wird, aber nicht nur dazu, sondern auch zur Erleichterung aufgestauter Triebe allein oder mit Hilfe des fingerfertigen Amor, ob in dieser Szene als Mann oder als Frau konnte ich nicht ausmachen. Und die Putzfrauen vergnügen sich kurz vor der Pause noch mit den Schülerinnen. Chacun à son goût! Die Szenerie wechselt auch fallweise in die eines Klassenzimmers mit Kreuz an der Wand und der Bemerkung auf der Tafel „Così fan tutte“.

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Foto: Herwig Prammer

Das Bach Consort Wien musizierte unter der Leitung des argentinisch-italienischen Dirigenten Rubén Dubrovsky und Gianni Fabbrini am Hammerklavier und bewies in seiner Interpretation, dass Marín durchaus ein ernstzunehmender Konkurrent von Mozart war und es noch immer ist. Seine Musik erklingt feurig und sinnlich zugleich, Gefühle werden da teilweise bis zum Äußersten ausgereizt, dann wieder schweift sie in dramatische Gefühlsausbrüche voller Ironie. Denkt man da an manche Barockoper von Vivaldi mit einer ungestrichenen Gesamtdauer von etwa fünf Stunden (!), dann empfand ich diesen Abend bei knappen drei Stunden keinesfalls als zu lang. Ich muss freilich gestehen, dass sich mir der Sinn der Doppelgängerin der Diana, die am Ende auftritt, nicht erschlossen hat und das der Text oft keine Entsprechung in der szenischen Umsetzung durch den Regisseur gefunden hat. Da bedarf es, wie so häufig bei modernen Inszenierungen, der Fantasie des Publikums. Der israelische Countertenor Maayan Licht war der erklärte Liebling des Publikums. Androgyn wie Conchita Wurst trat er glaubwürdig als Mann, weniger glaubwürdig jedoch als Frau auf, denn da störte sein „Schnurrbart“. Auch trug er, abgesehen von einem lächerlichen rosa Bunnykostüm, stets einen Rock und Sneakers. Mit seiner reichen Sopranstimme gelangen ihm wunderschöne Kantilenen voller halsbrecherischer Koloraturen. Die Argentinierin Verónica Cangemi meisterte durch ihre Technik die beiden Arien im Stil der opera seria „Sento che dea son io“ („Ich fühle meine Göttlichkeit“) und „Miseri! Dove son? Chi fu l’audace, e in qual modo fuggì?” („Erbärmlich! Wo bin ich? Wer war der Mutige und wie ist er entkommen?“) mit Bravour, wofür sie auch verdienten Szenenapplaus erhielt. Der ungarische Tenor Gyula Rab war ein wundervoller „Schäfer“ Silvio, zeitweise auch in der Rolle des Priesters Alcindo mit Mischpult zur Stimmfärbung agierend. Dem polnischen Tenor Jan Petryka gelang es schließlich die Eiseskälte von Diana zu brechen und diese zu erobern, während Christoph Filler als Doristo mit erdigem Bariton das Trio hervorragend ergänzte. Die drei Nymphen, die chinesisch-amerikanische lyrische Koloratursopranistin Jerilyn Chou als Britomarte, die in Südkorea geborene Mezzosopranistin Arielle Yuhyun Jeon als Clizia und die in Zadar geborene kroatische Mezzosopranistin Bernarda Klinar als Cloe ergänzten perfekt in Gesang und Spiel. Das Publikum goutierte die Leistungen aller Beteiligten mit wohlwollendem, teils auch enthusiastischem Beifall und verließ die Räumlichkeiten der im Keller etablierten Kammeroper um eine Rarität bereichert, die Lust auf mehr von Martín y Solar macht.

Harald Lacina, 8.12.

 

 

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