Wiener Kammeroper/„La finta giardiniera“: Bademantel-Mozart auf Erotik-Trip (5.12.2023)

Foto: Herwig Prammer
So locker auf Erotik eingestellt, so aufgeweckt herumlaufend, shakend, hüpfend, am Boden liegend strampelnd – so etwas sieht man wohl nur höchst selten auf einer Opernbühne. Hier jedenfalls auf einer sehr kleinen. „La finta giardiniera“ heißt es, und anstatt in ein edles Rokoko-Gefilde wird der Besucher in ein modisches Fitness-Studio gelockt. Gelegentlich ist ein Alpensee im Hintergrund zu erblicken, doch es nützt nichts: Gefangen sind wir im Body-Glückssalon. Die munteren Akteure laufen in Bademäntel oder recht entblößt herum, gut gestimmt oder schwerst verwirrt. Denn Regisseurin Anika Rutkofsky hat Mozarts schon sehr geniales musikalisches Jugendwerk zu einer Sexy-Intrigenshow umgemodelt.
Eine Repertoireaufführung des ‚Musiktheaters an der Wien‘ in der Kammeroper: Fast nur älteres Publikum in legerem Look von Kinobesuchern. Trotz des Hin und Her, des andauernden Wirbels der jungen Akteure auf der Bühne mangelt es an Szenenbeifall, stellen sich nur selten Lacher ein. Doch am Ende hat sehr viel Applaus klar gemacht: Den Senioren dürften diese erotischen Liebesspielchen durchaus gefallen haben.
..Gesungen wird? Nicht schlecht! Das Singen scheint zwar bloß Nebensache zu sein. Doch diese Don Anchise, Arminda, Sandrina, Contino Belfiore oder Cavaliere Ramiro, wie die Jungs nach wie vor mozartisch heißen, machen ihre Sache nicht nur mit Boxhandschuhen, Tennisschläger, Kletterwand, Sprungbock-Geschick oder Sexpyramide sehr, sehr ansprechend. Und, befremdende Wiener Kultursituation, Studierende der Musikhochschulen von München, Berlin musizieren als flottes ‚La Folia Barockorchester‘ unter Chef Clemens Flick so quicklebendig und intensiv wie es ihnen das Gewurl über ihren Köpfen vorgibt. Resümee dieser ausgelassenen Aventure: Der 19jährige Mozart, 1775 in München an der kompositorischen Arbeit, der kann auch im Bademantel in die Tiefe gehen.
Meinhard Rüdenauer

