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WIEN / Kammeroper: LA BOHÈME

21.01.2013 | Oper

 Foto: Barbara Zeininger

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien: 
LA BOHÈME
Kammeroper basierend auf Puccinis gleichnamiger Oper
Kammerfassung von Jonathan Dove
Interludien von Sinem Altan
Premiere: 21. Jänner 2013  

Wer ein langes Gedächtnis hat, erinnert sich, dass die Kammeroper schon einmal eine „alternative“ Puccini-„Bohème“ versucht hat, nämlich 1968 als „Rock-Oper“. Es wird nicht alles erst heute erfunden. Die Kammeroper, die heute nicht mehr die „originale“ ist, sondern das „Pflege den Nachwuchs“-Unternehmen des Theaters an der Wien, zeigt nun eine „Kammerfassung“ des Werks von Jonathan Dove und hat dazu „Interludien“ der türkischen Jung-Komponistin  Sinem Altan in Auftrag gegeben. Hätte man nicht gewusst, dass es sich um bewusste musikalische Zwischenstücke handelt, die die vier Bilder des nun pausenlos gezeigten Werks trennen sollten – vielleicht hätte man schlicht vermutet, das Orchester stimme zwischendurch seine Instrumente…

Die gezeigte „Kammerfassung“ des Briten Jonathan Dove (seine „Lady Diana“-Oper „When She Died“ hat die Kammeroper – ja ebendie, nur die alte – 2007 gespielt) ist keine große Sache: Sie kürzt das Werk im wesentlichen um die Massenszenen rund um das Café Momus und um den Wintermorgen am Stadtrand und hängt die Szenen mit den Protagonisten zusammen. Die Reduktion auf ein Kammerorchester klingt, da man ja in einem kleinen Raum ist, nicht weiter schmal – wüsste man es nicht besser, man könnte es beinahe für Puccini pur halten. Also, Beruhigung ist angesagt, dem musikalischen Teil des Werks ist weiter nichts geschehen.

Dafür hat die niederländische Regisseurin Lotte de Beer, eine Konwitschny-Schüler (das ist ein Schlüssel zu einer Karriere) lang und breit Erklärungen abgegeben, worum es ihr geht. Und weil Extreme immer wirken, wollte sie das Pferd am Schwanz aufzäumen – sind die Protagonisten bei Puccini laut der Prevost-Vorlage arm, so ist dies nicht das Problem in der Beer-Bohème: Bei ihr bleibt der Luxusherd in der Küche kalt, weil die Wohlstands-Künstler zu faul sind, ihn anzuzünden. Logisch? Nicht wirklich. Das nicht und anderes noch viel weniger.  

Die Ausstattung des Herren-Paares Clement & Sanôu baut eine schräge Wand bis in die Mitte der Bühne (was den Nachteil hat, dass der geringe Raum, der zur Verfügung steht, noch reduziert wird): Da stapeln sich die Luxusgüter, aber man kann sich nicht vorstellen, dass die Brillanthalsbänder etwas mit der Rodolfo-Wohngemeinschaft zu tun haben. Soll Mimi – die Interpretin sieht aus wie eine Türkin, die sie ist, und das scheint durch ihren billig gemusterten Kittel noch verstärkt – da das „Slummen“ der jungen Herren verkörpern? Musetta ist auch ein ziemlicher Punk-Fetzen?

Der Regisseurin gelingt es jedenfalls nicht, in einem Bühnenbild, das für jeden Akt entrümpelt und verschäbigt wird, ein klares soziales Konzept für ihre jungen Leute zu schaffen. Durch die pausenlose Intensität des nun auf eindreiviertel Stunden verknappten Geschehens begreift man auch keine Entwicklung. Besonderen Wert legt sie auf die Verantwortungslosigkeit der Beziehungen – aber das Verhalten Rodolfos im dritten Akt ist ja immer, auch im Original, der absolut kritische Punkt des Geschehens. Da möchte man eigentlich nicht begreifen, dass er von großer Liebe spricht und Mimi doch verlässt, weil sie todkrank ist und er sich ihr Sterben gewissermaßen nicht antun möchte… Das hat Frau de Beer nun wahrlich nicht erfunden.

Übrigens: Nur beim Sterben, das Mimi und den anderen, die dabei zusehen müssen, nicht erspart bleibt, hat der Abend so etwas wie Überzeugungskraft, wenn die nun kalt geschorene Mimi in einem Krankenbett herbeigeschoben wird, aber (offenbar ist sie auf der Intensivstation) mit den anderen meist nur per Telefon kommunizieren kann. Da, und nur da, ist Lotte de Beer eine einsichtige Umsetzung der Geschichte ins Heute geglückt. Sonst finde ich vergleichsweise die Salzburger Prolo-„Bohème“ von Damiano Michieletto um einiges überzeugender – wenn schon, denn schon.

Das tief versenkte Kammerorchester war unter der Leitung von Claire Levacher so laut wie alle jungen Sänger auch – und das durch die Bank. Natürlich richten sie ihre Stimmen auf große Häuser aus, in denen sie einst zu singen hoffen. Dass man im kleinen Rahmen anders agieren muss, ist nur eines von vielen Dingen, die sie allesamt noch lernen müssen.

Die Türkin Çigdem Soyarslan als Mimi und die Italienerin Anna Maria Sarra als Musetta werden eines Tages ihre Stimmen hoffentlich diszipliniert  bändigen, für den Tenor Andrew Owens (Rodolfos Höhen gewaltsam gestemmt) ist das noch wichtiger. Der Marcello von Ben Connor (meist in Unterhose, zeig her deine Beine) ließ mit seinem Bariton aufhorchen, die Bass-Baritone Oleg Loza (Schaunard) und Igor Bakan (Colline) fanden sich an den Rand gedrückt – letzterer hatte wenigstens seine Mantel-Arie und nützte sie (Sinn machte es nicht, denn in der Wohlstandsgesellschaft muss man keinen Mantel mehr verkaufen, um sich einen Arzt leisten zu können – es würde vermutlich auch nicht annähernd reichen). Martin Thoma war Hausherr, schlecht behandelter Liebhaber und Arzt und wirkte vor allem in der mittleren Rolle fast ergreifend.

Wenn Vorberichte die Erwartungen zu hoch strecken (das Geschehen ist „von Nihilismus, Kapitalismus und Individualismus geprägt“, erklärt de Beer), kann das schlecht ausgehen: Es ist allemal gescheiter, man sieht erkennbare Konzepte auf der Bühne, als man bekommt sie lange vorbetet – und findet sie dann nicht.

Der Beifall: selbstverständlich stark.

Renate Wagner    

      

 

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