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WIEN / Kammeroper: Francesca Caccinis La LIBERAZIONE

06.10.2022 | Oper in Österreich
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Ensemble. Alle Fotos: Musiktheater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Kammeroper: Premiere von Francesca Caccinis LA LIBERAZIONE

6. Oktober 2022 (Premiere)

Von Manfred A. Schmid

Mit Lotte de Beer hat die zu ihrem Antritt außen rosa angefärbelte Volksoper erstmalig eine Frau als Direktorin. Ihre erste Neuproduktion – die Operette Die Dubarry – entpuppte sich als merkwürdiger, musikalisch unbefriedigender Mix der beiden Komponisten Karl Millöcker und Theo Mackeben. Stefan Herheim, der neue Chef des Musiktheaters an der Wien, eröffnet seine erste Saison in der angeschlossenen Kammeroper mit La liberazione di Ruggiero dall‘ isola d‘ Alcina, der ersten von einer Frau komponierten und 1625 in Florenz uraufgeführten Oper.

Ihre Schöpferin, Francesca Caccini, entstammte einer musikalisch prominenten Florentiner Familie. Ihr Vater Giulio, Sänger und Komponist, spielte eine wichtige Rolle als Reformator der Gesangskunst am Beginn der Barockzeit, ihre Mutter war eine gefragte Sängerin. Francesca dürfte schon mit zwanzig Jahren ihre erste eigene Oper vorgelegt haben. Diese ist, wie alle ihre weiteren Opern – bis auf eine Ausnahme – leider verschollen. Dass La liberazione erhalten blieb, ist dem Umstand geschuldet, dass es sich dabei um ein Auftragswerk von Maria Magdalena von Österreich, Regentin in Florenz, anlässlich eines Staatsbesuchs des polnischen Kronprinzen handelte. Diesem sollte das Werk vermutlich auch in gedruckter Form überreicht werden.

Auf Basis der musikdramatischen Neuerungen der damaligen Zeit, darunter das Primat des Textes vor der Satzkunst (prima le parole dopo la musica), wie sie sie in der Werkstatt ihres Vaters kennengelernt hatte, vertonte Caccini den Ariost-Stoff von der Befreiung des Ritters Ruggiero aus den Fängen der Magierin Alcina im revolutionären stile recitativo, der sich frei und ungezwungen dem Sprechduktus anpasst. Die drei Hauptfiguren – Alcina und Melissa, die um den Ritter Ruggiero kämpfen – singen ausschließlich in Rezitativen. Die effektvollen Ensemblenummern – Arien, Duette und Terzette – sind den Nebenrollen anvertraut. Reichhaltig ist auch Francesca Caccinis Instrumentalmusik, die durch den Einsatz von Blockflöten und Zinken einen eignen Klang erhält.

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Die drei Sirenen Jerilyn Chou, Milana Predanovic, Bernarda Klinar.

Das La Folia Barockorchester, 2007 in Dresden gegründet, spielt auf historischen Instrumenten und ist ein sogenannten historischen Aufführungspraxis verpflichtetes Originalklang-Orchester. Clemens Flick, der musikalische Leiter der Aufführung, hatte schon im Vorfeld viel zu tun, stellte er eine eigene Fassung her. Wie bei frühen Barockopern üblich, ist zunächst eine Zuordnung der Instrumente vorzunehmen. Auch die für die Barockzeit typischen Verzierungen und Ausgestaltungen der Melodien und Gesangslinien sind nicht festgeschrieben, sondern von den Ausführenden zu erbringen. Auch da hat Flick hervorragende Arbeit geleistet. Das Ergebnis ist bezaubernd und ansprechend. Wie es gemäß der damaligen Aufführungspraxis gewiss schon bei der Uraufführung der Fall war, hat der musikalische Leiter Caccinis Partitur auch um weitere Musiknummern ergänzt. Das ist diesmal in einigen Fällen sogar zwingend notwendig, denn im Original ist etwa für den Beginn ein Pferdeballett vorgesehen, das in er Kammeroper nicht nur aus Platzgründen nicht in Frage kommt und durch ein Madrigal ersetzt wird. (Anmerkung: Im Rahmen der Salzburger Mozartwochen konnten in der geräumigen Felsenreitschule seit 2015 schon mehrmals Aufführungen von Pferdeballetten bewundern werden). Auch der Schluss steht nicht ein streitbares Ballett, wie in Caccini Partitur vorgesehen, sondern die Personen der Handlung geben sich versöhnlich die Hand und bilden eine lockere Menschenkette. Dass es allerdings insgesamt acht zusätzliche Musikstücke gibt, nur eines davon aus der Feder von Caccini, dürfte auch damit zu haben, dass die eigentlich nur gut 70 Minuten dauernde Oper Caccinis abendfüllend werden sollte. Mit einer Stunde und 40 Minuten hat La liberazione tatsächlich die Mindestlänge einer Elektra oder eines Wozzeck erreicht.

Die Aufführung in der Kammeroper wird durch hervorragende Sängerinnen und Sänger veredelt. Sara Gouzys intensiver Sopran passt gut zur sinnlichen, den Freuden des Lebens zugewandten Zauberin Alcina, weiß in der verzweifelt vorgetragenen Klage „Ahi, Melissa“ aber auch zu berühren.

Luciana Mancini als Melissa, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den in Liebeswirren mit Alcina verstrickten Ruggiero zurück aufs Schlachtfeld zu holen, wirkt in ihrer emotionslosen Strenge herrisch und irgendwie unheimlich, wozu auch ihre blutverschmierten Hände beitragen. Ihr Mezzo ist ausdrucksstark. Ähnlich wie in Mozarts Zauberflöte gelten die Sympathien des Publikums zunächst Alcina (Königin der Nacht), während die gestrenge Melissa (Sarastro) einem nur schwer, besser: gar nicht, ans Herz wächst.

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Ensemble mit Kresimir Strazanac und Luciana Mancini im Hintergrund.

Dem zwischen Ordnung, Vernunft und Chaos und Gefühlsüberschwang pendelnden Ruggiero verleiht der kroatische Bassbariton Kresimir Strazanac eine geschmeidige und dennoch kraftvolle Stimme, bleibt aber darstellerisch etwas hölzern. Den in heftiger Zuneigung zu Alcina entflammter Rittersmann, der in seiner Verblendung fahnenflüchtig wird und von ihr nur schwer zu trennen ist, nimmt man ihm nicht ganz ab.

Stimmlich gut aufeinander abgestimmt und darstellerisch gefordert sind die drei Sirenen Jerilyn Chou, Milena Prodaqnovic und Bernarda Klinar. Sie sind, wie auch die engagiert auftretenden Männer Benjamin Lyko (Oreste), Thomas Lichtenecker, Anle Gou, Matus Simko und Jubin Amiri (Mostros – Monster), Studierende der Kunstuniversität Graz, der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Die Inszenierung von Ilaria Lanzio lässt die Handlung parabelhaft ablaufen, vermeidet barockes Gepränge, aber auch zeitlich alternative Festmachungen. Ebenso abstrakt ist die Bühne von Martin Hickmann, deren Verstrebungen vielleicht an militärische Versatzstücke erinnern. Sogar eine bedrohlich emporragende Panzerkette auf der rechten Bühnenhälfte bietet sich als Interpretationsmöglichkeit an. Die Kostüme von Vanessas Rust sind anfänglich, am Hofe Alcinas, bunte Röcke, werden später aber von einheitlich weißen Hemden und schwarzen Hosen abgelöst. Krieg ist nicht farbenfroh.

Viel und heftiger Applaus für einen insgesamt erfreulichen, gelungenen Einstand für den neuen Hausherrn Stefan Herheim, dem aber für die nächste Zeit das Theater an der Wien wegen erforderlicher Renovierungsarbeiten nicht zur Verfügung stehen wird. Die Kammeroper kann aber weiter bespielt  werden. Dazu kommt – als Ausweichquartier – die Halle E im Museumsquartier, wo am 17. Oktober Janaceks Das schlaue Füchslein Premiere haben wird.

 

 

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