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WIEN / Jüdisches Museum: VIENNA’S SHOOTING GIRLS

26.10.2012 | Ausstellungen

WIEN / Jüdisches Museum (Dorotheergasse):
VIENNA’S SHOOTING GIRLS –
Jüdische Fotografinnen aus Wien
Vom 23. Oktober 2012 bis zum 3. März 2013 

Ins Schwarze getroffen

Wer „Shooting Girls“ liest, wird möglicherweise an Mädchen aus dem Goldenen Westen denken oder an flotte Cowgirls aus dem Kino. Wiens junge Jüdinnen haben bis 1938 auf andere Art geschossen und ins Schwarze getroffen, nämlich mit der Kamera. Und ebenso ins Schwarze trifft eine ganz besondere Ausstellung über diese Damen im Jüdischen Museum, denn sie funktioniert ganz  faszinierend auf drei Ebenen – es geht um Fotografie als Gebrauchsware, Dokumentation und Kunst; es geht um Frauen, die sich in einem Beruf bis an die Spitze hochgearbeitet haben; und es geht um jüdische Schicksale im 20. Jahrhundert.

Von Renate Wagner

Frauenselbständigkeit, Frauenkreativität      Es ist nur etwas mehr als hundert Jahre her, da mussten Frauen in unseren Landen noch um ihre Bildung kämpfen, und es war (sieht man von den unteren Schichten ab, wo nolens volens gearbeitet wurde) für sie keinesfalls vorgesehen, einen Beruf zu ergreifen. Und schon gar nicht, in diesem „Karriere“ zu machen. Man weiß, dass jüdische Frauen hier Vorreiterinnen waren, die jungen Bürgermädchen strebten zumindest in die Schule von Eugenie Schwarzwald, und wer nicht den dornigen Weg auf die Universität wiederum erkämpfen konnte oder wollte, fand in der Welt der Fotografie hervorragende Möglichkeiten. Bis 1938 waren die Fotostudios fest in weiblichen jüdischen Händen, und die Ausstellung erweitert das Wissen weit um Dora Kallmus (Madame d’Ora) und Trude Fleischmann hinaus, denen man schon immer spezielle Beachtung geschenkt hat. Tatsächlich stellt man hier mehr Damen vor (an die 40), als man beachten und in vollem Ausmaße würdigen kann. (Da springt dann der exzellente Katalog aus dem Metroverlag ein: Zuhause hat man die Zeit, sich mit einzelnen Biographien und Schicksalen auseinander zu setzen.)

Von den Schwierigkeiten des Handwerks    Ein monströses Stück von Kamera steht in einem der Räume der übrigens auch sehr gelungen gestalteten Ausstellung (Conny Marco Cossa), in der sich die Kuratorinnen Iris Meder und Andrea Winklbauer mit zahlreichen Aspekten auseinandersetzen. Im ersten Stock zeigt man die Werke der Damen, nach Fotografinnen getrennt, in den Jahren bis 1938, im zweiten Stock steht dann das Schaffen jener, die überlebt haben (viele wurden ermordet) in der Emigration im Mittelpunkt. Auf der Treppe dazwischen schleppt eine Fotografin ihre damalige Ausrüstung umher (am Foto natürlich nur) – es war ein mühsamer Beruf, denkt man an unsere Mini-Digitalkameras, die in einem Handteller Platz haben…

 

Künstler, Porträts, Promis     Üppig gekleidete Herrschaften, die im „Makart-Festzug“ mitmarschierten, waren in der Frühzeit ebenso Objekte der Fotografie wie Schauspieler in Kostümen. Natürlich sind, wenn man die Wände entlangschreitet, jene Fotos, die bei Madame d’Ora oder Trude Fleischmann entstanden, jene, die einem als „bekannt“ ins Gesicht springen: Diese Porträts von etwa Arthur Schnitzler oder Karl Kraus sind so populär (und gelungen), dass sie einfach immer wieder abgebildet werden, und hier offenbart sich die gar nicht nur jüdische Kultur der Zeit: Schließlich kamen auch kaiserliche Herrschaften, um sich abbilden zu lassen. Besonders signifikant ist natürlich der weibliche Schwerpunkt auch bei den Fotografinnen – sie haben die großen Frauen ihrer Zeit bildlich überliefert, die Zuckerkandl und die Schwarzwald, die Mayreder und die Tina Blau. Alice Schalek, die sich 1917 so elegant bei Dora Kallmus ablichten ließ, was eine der bekanntesten Journalistinnen ihrer Zeit, die Karl Kraus in seinen „Letzten Tagen der Menschheit“ am liebsten vernichtet hätte. Doch sie machte unerschütterlich Karriere, nicht zuletzt mit ihren Reiseberichten und –Büchern, die sie mit selbst geschossenen, wenn auch, wie es in der Ausstellung heißt, „affirmativen“ Fotos versah. Der kritische Blick fand allerdings auch bei den jüdischen Fotografinnen außerhalb des Ateliers statt.

 

Die Mode und die Zeitschriften     Der rasante Fortschritt der Fotografie, die auch so viel schneller erzeugt werden konnte als Zeichnung oder ein Gemälde, zog das Zeitschriftenwesen nach sich, das ununterbrochen mit neuen Bildern gefüttert werden wollte. Interessanterweise sind die Bedürfnisse der Illustrierten von damals und heute (obwohl uns die damaligen gewissermaßen anspruchsvoller vorkommen) ganz ähnlich: die Modefotografie spielte eine große Rolle  – da gibt es vieles, was selbst heute noch toll und exzentrisch, reizvoll und gar chic erscheint, verrückte Hüte und elegant fließende Roben verlieren, wie man an diesen Fotos sieht, offenbar nie ihren Reiz.

Nackheit als Schönheit – und Blick auf die Realität    Die Bühnen- und vor allem Tanzfotografie blühte, und selbstverständlich hat sich, auch über Tanz und Bewegung, das Interesse am nackten Körper (in der Kunst immer präsent) auch in der Fotografie manifestiert. Schon damals waren es vor allem die Frauen, die sich nackt präsentierten, und hier steht der ausschließlich ästhetische Standpunkt außer Frage. Wenn die Fotografinnen von damals jedoch in den Alltag blickten, fingen sie nicht nur Landschaften, sondern auch arme Leute ein. Edith Tudor-Hart fotografierte Wiener Elendsquartiere, Trude Geiringer zeigt einen Obdachlosen, der ein Häferl umklammert, und Friedl Dicker etwa arbeitete in den dreißiger Jahren mit Collagen, um Missstände zu zeigen.

Erfolge im Exil      Nicht alle Fotografinnen konnten ihre Arbeit im Exil weiterführen, doch von Trude Fleischmann gibt es etwa eine herausragende Porträtstudie von Albert Einstein aus dem Jahre 1954. Und die Zeitschriften von einst („Die Bühne“, „Die Dame“) wurden für die Fotografinnen dann von „Paris Match“ oder „US Camera“ abgelöst. Und als die eine oder andere zurückkehrte, fotografierten sie nicht nur das zerbombte Europa, sondern dann auch die alte Grete Wiesenthal am Salzburger Domplatz…

Man müsste alle nennen     Man müsste alle nennen, die Ausstellung und der Katalog tun es dankenswerterweise. Auf ein Schicksal ist hinzuweisen, weil es sich nicht in Wien, sondern großteils in Holland abspielte: Maria Österreicher, die sich als Fotografin den Künstlernamen „Maria Austria“ gab, arbeitete zwar bis 1937 in Wien, zog aber dann nach Amsterdam und wurde dort eingebürgert. ihr kam brennende Zeitgeschichte vor die Kamera: So fotografierte sie etwa aus ihrem Versteck den Einmarsch deutscher Truppen, und sie hat später dokumentiert, wo  Anne Frank und ihre Familie sich versteckt hielten…

Wartesaal der Hoffnung    Im Seitensaal des 1. Stockes zeigt das Jüdische Museum die Fotoausstellung eines Mannes: Henry Ries (1917-2004), gebürtiger Heinz Ries aus Deutschland, war 1937 mit seinen Eltern rechtzeitig emigirert, wurde Soldat und arbeitete nach dem Krieg als Fotograf für die amerikanische Militärregierung, später auch für die New York Times und gilt als einer der wichtigsten „politischen“ Fotografen der Nachkriegszeit. Im November 1947 kam er nach Wien und dokumentierte die tragischen Zustände im Rothschild-Spital (einst am Währinger Gürtel, später unverantwortlicherweise abgerissen und durch das grauenvolle WIFI-Gebäude ersetzt), wo jene Menschen unterkamen, die die Konzentrationslager überlebt hatten und hier auf „Wartestation“ lebten, auf eine neue Existenz in Israel oder den USA hoffend. Man nannte sie „DP“ (Displaced Persons), und die Bilder sind schlechtweg erschütternd. (Bis 17. Februar 2013)

Jüdisches Museum, Dorotheergasse 11, 1010 Wien
täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr

 

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