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WIEN / Josefstadt: SPEED

22.03.2013 | Theater

 

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
SPEED von Zach Helm
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 21. März 2013,
besucht wurde die Voraufführung

Keine Frage, dass auch Ibsens „Hedda Gabler“ ein hartes Stück ist – aber so starken Tobak wie „Speed“ hat die Josefstadt ihrem Publikum noch nie serviert. Das wäre doch eher etwas für das unter Hartmann so hart hergenommene Publikum des Akademietheaters gewesen. In der Josefstadt unternimmt Direktor Herbert Föttinger mit diesem Stück von Zach Helm einen kühnen Ritt über den Bodensee – und bricht ein. Denn es ist dem Autor nicht gelungen, sein Thema psychologisch so greifbar zu machen, dass er sein Ziel erreichte: Verständnis für eine, Mitleid mit einer der Pillen-Sucht gänzlich Verfallenen…

Im Internet-Auftritt der Josefstadt versucht man (man will schließlich Theaterkarten verkaufen) die Geschichte ein wenig zu beschönigen: Als ob Jack und Annie eben ein glückliches Pärchen in New York wären. Als ob Annie sich bloß mit ein paar Pillen „Mut“ einwirft, um bei einer Party unsympathischen Kapazundern eines reinzusagen (an dergleichen hat ein Publikum, das so etwas im Leben nie wagen würde, besondere Freude). Und man tut, als ob es da noch ein spannendes Geheimnis gäbe… Aber nein, das ist kein verbindliches Stück, es gibt keine Komödie, keinen Krimi. Es gibt nur die Geschichte einer Sucht und einer Selbstzerstörung bis zur letzten Konsequenz. Man braucht, schlicht gesagt, dafür starke Nerven.

Jack und Annie, das Paar in New York, ist anders als alle anderen, und der Autor verrät uns entschieden zu wenig über sie. Annie ist auf „Speed“, und das im Ausmaß einer bereits letalen Sucht. Jack liebt sie angeblich, hat es aber nicht nur dazu kommen lassen, er scheint es auch noch zu akzeptieren. Warum Annie, die man als extrem intelligent kennen lernt und die sich wenig später als geniale Romanautorin outet, sich in die Drogensucht gleiten ließ, wird nur unzureichend mit einer Art „Man fühlt sich so gut dabei“ erklärt. Und welche Motive hinter dem Handeln von Jack stecken, wird überhaupt nie klar.

Zwischen den beiden steht ein Buch, ein Roman, den man sich gar nicht radikal genug vorstellen kann, geschrieben offenbar (scheinbar) von einem Mann, der die schockierendsten Dinge von sich erzählt, auch in sexuellen Belangen. Jack lässt sich als Autor feiern, aber die angekündigte Satire auf den Literaturbetrieb bleibt schwach: Natürlich gibt es Verleger, die keine Bücher lesen, aber Skandalträchtiges gierig einkaufen. Und es gibt Kritiker, die schreiben, ohne etwas zu wissen und ohne etwas zu verstehen. Aber das müsste nicht einfach nebenbei hingestellt und behauptet, sondern dargestellt werden.

Nein, es geht nur um Annie – nicht um die Begründung, sondern um die Darstellung ihrer Sucht, wenngleich der Roman, den nicht Jack, sondern sie geschrieben hat, viel mit ihrer Unsicherheit zu tun hat. In ihrem Kopf braust Literatur, aber sie will nur als Hausfrau erscheinen, die ununterbrochen putzt. Wenn man ihr dumm kommt wie bei der Verlegerparty, dann flippt sie peinlich aus. Von den Glücklichmacher-Pillen braucht sie immer mehr, kauft einen ganzen Sack voll. Als es Jack endlich zu dumm wird, ist es längst zu spät –  der Weg zu einem geradezu schrecklich dargestellten (und ausgespielten) Selbstmord ist frei. Warum?

Natürlich kann man diese Frage nicht immer beantworten. Warum sind die Begabtesten die Gefährdetsten? Warum hat eine Sylvia Plath sich umgebracht, voll Talent, auch Erfolg, Mutter von zwei kleinen Kindern? Man weiß es nicht. Aber bei Annie sollte man es erfahren, sie ist eine Bühnenfigur, und wenn man ihr Interesse und Mitleid schenken soll, müsste man sie verstehen. Und genau das gelingt Autor Zach Helm, ebenso wenig wie er uns wirklich in Annie Partner Jack hineinsehen lässt. Ergebnis? Man zieht sich innerlich zurück. Da richtet sich eine Frau auf Bühne zugrunde. Und?

Das Thema, uns an sich nicht unbedingt nahe, erreicht uns nicht. Auch und schon gar nicht in der Inszenierung von Stephanie Mohr. Das innere  Chaos in Annie spiegelt sich im Bühnenbild von Miriam Busch (teils exzentrische Kostüme: Alfred Mayerhofer): Da dreht sich ununterbrochen ein Kubus auf der Bühne, der von Plastikwänden umgeben ist und andeutungsweise die Welt von Annie und Jack darstellt. Nur nichts Reales, worin man sie wirklich verankern könnte – nein, die Inszenierung macht, was schon schwierig zu rezipieren ist, mätzchenreich, aber nie zielführend, noch schwieriger. Mit fast desaströsem Ergebnis.

Sandra Cervik spielt sich so hektisch wie erbarmungswürdig als Annie die Seele aus dem Leib: Süchtig von Anfang an, immer auf der Suche nach der nächsten Pille, sollte man ihr eine geniale Schriftstellerin glauben. Einsichtig bleibt ihr Abstieg, Schritt für Schritt. Am Ende stirbt sie mit einer erschreckenden Gewalttätigkeit gegen sich selbst – dem Zuschauer sträuben sich die Haare. Und, das ist zumindest zu hoffen, die Rechnung wird aufgehen (wie in analogen Fällen beim „Oscar“): Wenn das keinen „Nestroy“ als beste Hauptdarstellerin ergibt, was dann? Wer soll ihr dergleichen nachspielen?

Die anderen haben kaum Möglichkeiten, am wenigsten Raphael von Bargen, weil der Autor nicht sagte, was man von dieser unsicheren Figur halten soll. Ein Verleger mit Zopf ist Peter Scholz, ein Verleger im Abendanzug Christian Futterknecht, Dominic Oley gibt einen affektierter Kritiker, Cornelia Köndgen soll als angepasste Barbie-Puppen-Frau den totalen Gegenpol zu Annie darstellen, Ljubiša Lupo Grujčić verkauft Drogen, Wolfgang Schlögl macht auf den Dach des Bühnenbild-Konstrukts Musik.

Das alles kommt gewaltig pathetisch daher und erreicht uns nicht. Wir verstehen es nicht. Und selbst, wenn daran nichts zu verstehen ist, dass manche Menschen nicht davon abzuhalten sind, sich selbst zu zerstören – es lässt ungerührt. Und dann ist etwas faul an Stück und Inszenierung. Und Sandra Cerviks leidenschaftlicher Akt der Selbstentäußerung kann nicht alles ersetzen, was andere versäumten.

Renate Wagner

 

 

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