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WIEN / Josefstadt: JÄGERSTÄTTER

21.06.2013 | Theater

 

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
JÄGERSTÄTTER von Felix Mitterer
Uraufführung
Premiere: 20. Juni 2013,
besucht wurde die Voraufführung  

Zu Beginn das scharfe Geräusch eines fallenden Beils – man wird es an diesem Abend noch öfter hören. Frau Jägerstätter erhält die Nachricht, dass ihr Mann in Berlin hingerichtet wurde. Sie steht in einer holzvertäfelten Bauernstube, die einen Abend lang einziger Schauplatz des Geschehens ist – die Bauern, die da herumsitzen, agieren zu Beginn wie ein antiker Chor und werfen der Frau die Schuld am Tod ihres Mannes vor. So beginnt „Jägerstätter“, das Stück, das Felix Mitterer 70 Jahre nach dem Tod des Mannes schrieb, der seiner Mitwelt ein Ärgernis war – und heute als selig gesprochener Märtyrer und Widerstandskämpfer verehrt wird…

Wer Franz Jägerstätter (1907-1943) war, weiß heute jeder in Österreich: ein Bauer aus St. Radegund im Innviertel, frommer Katholik, der das nationalsozialistische System als einziger im Ort nicht akzeptieren wollte, der nicht bereit war, als Soldat für Verbrecher zu kämpfen – und der bewusst in den Tod ging, obwohl er eine Frau und vier Töchter zurück ließ. Sein Verhalten ist schwer zu begreifen, und Felix Mitterer versucht es über den Umweg der Normalität – ein ganz gewöhnlicher, vielleicht überdurchschnittlich sturer Bauer, der sich über viele Dinge den Kopf zerbricht und fünf nicht gerade sein lässt.

Er war damals nicht nur für sein  Dorf „eine Schande“, er war auch für die katholische Kirche ein Ärgernis. Mitterer führt diese ziemlich gnadenlos vor, als eine Institution, die immer mit den Mächtigen „gepackelt“ hat und immer die Waffen segnete. In einer großen Auseinandersetzung mit dem Bischof von Linz ist es Jägerstätter, der die Prinzipien eines natürlichen, unverrückbaren Rechtsbewusstseins gegen einen sich diplomatisch windenden Kirchenmann vertritt… Mittlerweile hat ja nun auch die Katholische Kirche ihre Trendwende vollzogen: Heute, wo die Akzeptanz, ja Bewunderung für Jägerstätters Verhalten keine politischen Nachteile mehr bringt, kann man ihn ja selig sprechen… (Man müsste anständigerweise aber auch sagen, wie schwer es eine mächtige und doch machtlose Institution zwischen den Diktatoren hatte: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ fragte Stalin und brachte damit die Situation des Vatikan auf den Punkt.)

 
Fotos: Barbara Zeininger

Der Versuch, Jägerstätter „menschlich“ zu packen, landet in einem Bilderbogen, der dessen Schicksal von der Jugend an (unterdrückt von einer starken Mutter, Vater eines unehelichen Kindes, schließlich Ehemann, Vater dreier weiterer Töchter, Bauer, Katholik) bis zu seinem Ende im Zuchthaus Brandenburg in markigen Stationen nachzeichnet. Manches, das in der Biographie nicht gänzlich klar ist (wäre Jägerstätter am Ende doch bereit gewesen, Sanitätsdienst statt Wehrdienst zu leisten?), ist im Stück eingeebnet: Aber es wird keine Helden- oder Märtyrer-Saga, das muss man Mitterer gerne zugestehen, und man erlebt auch keinen Frömmler. Aber völlig klar kann Mitterer Jägerstätters Verhalten ja doch nicht machen, das keinesfalls als das eines politischen „Widerstandskämpfers“ gelten kann…

Stephanie Mohr hat die Uraufführung in der Josefstadt inszeniert, geschickt mit den wenigen Einrichtungsgegenständen der Bauernstube (Bühnenbild: Miriam Busch) alle Schauplätze herstellend, ein reales Stück harten bäuerlichen Lebens auf die Bühne bringend, aber keinerlei Nazi-Ästhetik (Kostüme: Alfred Mayerhofer): Das hat sich Autor Mitterer verboten, und das sicher zu Recht. Denn damit hätte sich der Akzent auf die Täter verlagert, aber hier soll es um das Opfer gehen.

Die Hauptdarsteller Gregor Bloéb und Gerti Drassl sind von der Herkunft her Tiroler, und vor allem in seinen bäuerlichen Zungenschlag mischt sich mehr Tirolerisches als Oberösterreichisches, aber das spielt keine Rolle: Es geht darum, dass zwei Darsteller, die von Geburt her den „richtigen“ Hintergrund haben, weit eher die hier nötige Mentalität vermitteln können als Stadtmenschen, die sie erspielen müssten. Gregor Bloéb lenkt die Energie des „saftigen Kerls“, den er anfangs spielt, in sein aufgewühltes Gewissen und liefert eine höchst überzeugende Studie. Gerti Drassl hat die in sich zurückgezogene Stille jener Frauen, die einfach ihre Pflicht tun. Allerdings ist keinerlei religiöser Fanatismus in ihr, so dass die anfänglichen Beschuldigungen, sie habe Jägerstätter in seine Haltung getrieben, irgendwie in der Luft hängen.

Glänzend Elfriede Schüsseleder als Jägerstätters kraftvolle Mutter und Michaela Schausberger (eine „echte“ Oberösterreicherin) als die von ihm verlassene Kuhmagd, die sein Kind hat. Viele Männer spielen viele Rollen, am stärksten kommt unter ihnen Peter Scholz als glatter, geradezu belästigt wirkender Bischof von Linz zur Geltung. Fast peinlich, weil irgendwie darstellerisch unprofessionell wirkt hingegen Peter Drassl als typisch österreichischer Nazi-Offizier. Michael Schönborn darf einen Ortsgruppenleiter spielen, der paradigmatisch für viele steht, die sich einfach problemlos anpassen wollten.

Wie man Franz Jägerstätter und sein Verhalten beurteilt, wird auch nach diesem Stück im Ermessen jedes Einzelnen liegen. Mitterer macht einen Vorschlag –  und wenn dieser nur besagt, dass man im Grunde nie wissen kann, was eigentlich in einem anderen Menschen vorgeht…

Renate Wagner

 

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