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WIEN / Josefstadt: HEDDA GABLER

07.12.2012 | Theater

 

 

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
HEDDA GABLER von Henrik Ibsen
Premiere: 6. Dezember 2012  
Besucht wurde die Generalprobe

Henrik Ibsens für das Theater durchwegs so interessante und ergiebige Heldinnen haben es im Grunde nicht leicht, die Herzen der Zuschauer zu gewinnen. Sie sind zu komplex, zu  widersprüchlich, nicht auf Sympathie angelegt. Aber keine ist in ihrer geheimnisvollen Grausamkeit so seltsam wie die hochmütige Generalstochter Hedda Gabler, deren einziges Interesse auf Zerstörung ausgelegt scheint – bis sie selbst daran zugrunde geht.

Man begegnet ihr, von der Hochzeitsreise zurückgekehrt, als Gattin des versponnenen Gelehrten Tesman, der es gar nicht fassen kann, dass die wohl begehrteste und scheinbar unerreichbarste aller Frauen ihn gewählt hat. Später erfährt man, dass sie es ihm gestattet, sie „zu versorgen“ – und dass diese Ehe mit dem Mann, der sich zerreißt, ihre Ansprüche zu erfüllen, für sie vergleichsweise eine sichere Bank war. Denn der Gerichtsrat Brack, der sich gerne als „Hausfreund“ anbietet, hätte sich auf eine Ehe nicht eingelassen – und der Künstler Eilert Løvborg, mit dem sie ein Verhältnis hatte, konnte es an Egozentrik mit ihr aufnehmen. So kam der arme Kulturhistoriker Tesman zum Zug, der allerdings einen Vorteil hat: Er ist so versponnen in seine Forschungen (wobei die „Brabantische Hausindustrie im 16. Jahrhundert“ als Inbegriff der sinnlosen Wissenschaft gilt), dass er gar nicht imstande ist, Hedda wirklich wahrzunehmen und zu erkennen…

Kurz, Ibsen braucht nur ein paar Szenen, um hier eine von höchsten Spannungen getragene Situation herzustellen, in der sich Heddas Schicksal entfaltet. Es liegt ihr nichts an der bürgerlichen Ehe, aber sie erträgt nicht, dass ihr Künstler-Exfreund eine andere hat (noch dazu eine verachtete Schulkollegin), und noch viel weniger vermag sie am Ende zu akzeptieren, dass Brack sie in der Hand hat, weil er weiß, dass sie Løvborg bewusst und lustvoll in den Tod getrieben hat. Die Pistolen des väterlichen Generals, mit denen Hedda so gerne „spielt“, haben ihre Funktion in dem Stück.

Gewiss, Hedda Gabler ist keine sympathische Dame. Aber man könnte sich fragen, was sie antreibt – Wut auf sich selbst, dass sie sich auf die verachtete Bürgerlichkeit eingelassen hat; zerstörerische, aus Langeweile geborene Lust, ihre Macht als Frau zu demonstrieren und Männer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen; Sehnsucht nach dem Ausleben einer Ekstase, wie sie es von einem Dichter („mit Weinlaub im Haar“) erwartet. Motivationen, die Hedda schillernd und interessant und vielfältig machen würden.

Im Theater in der Josefstadt geht Regisseurin Alexandra Liedtke (die Gattin von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann) einen ganz anderen Weg. Sie lässt die Zuschauer über nichts  im Ungewissen, sie erlaubt ihnen nicht, etwas zu entdecken. Alles ist in ihrer Inszenierung geheimnislos fertig, auf schlimme Art vordergründig da.

 
Fotos: Barbara Zeininger

Schon die Dekoration – eine symbolbeladene Teppichwand (Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt). Sie steht für jene Villa, die der arme Tesman für seine hochmütige Gattin eingerichtet hat, sich selbst finanziell übernehmend, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Wenn sie ihm vorhält, dass sie kein Reitpferd bekommt, vernichtet sie den verachteten Ehemann geradezu mit ihren Blicken. Und vor dieser Teppichwand, die gelegentlich auch „erklettert“ wird, steht die Hedda Gabler der Maria Köstlinger geradezu erschreckend da: Wie eine Marmorstatue in Weiß vor dem bunten Hintergrund. Da ist innere Leere, klirrende seelische Kälte und fast unverhohlene Bösartigkeit, einzig von Zerstörungswut beseelt: eine Heldin aus der Hölle, die einfach abstoßend wirkt. Allerdings wird dieses radikale Konzept durchgehalten bis zum Ende – und hat dann auch einen Hauch von Größe in seiner Abscheulichkeit.

Wenn Marianne Nentwich gleich zu Beginn das überfürsorgliche Tantchen Tesmans so ausspielen, ja überspielen muss, dass es fast parodistisch wirkt, liegt das Konzept der Inszenierung klar da und wird durchgeführt: Auch alle anderen Figuren werden in greller Vordergründigkeit ausgestellt. Tesman, der alle Wände mit seinen Karteikarten pflastert – Michael Dangl spielt ihn fast  leicht dümmlich, aber liebenswert, man ist geradezu dankbar, dass er nicht imstande ist, die Bösartigkeit seiner Frau zu verstehen. Selbstschutz? Jedenfalls wieder eine große Leistung dieses Schauspielers. Aber auch die beiden anderen Herren sind auf ihre Art richtig, wenn auch im Gegensatz zu Tesman stark: Raphael von Bargen als der selbst verliebte Dichter Løvborg , der sich dann doch manipulieren lässt, und Peter Scholz als gnadenloser Zyniker Brack, der den Kampf mit dieser Hedda lustvoll aufnimmt, weil er – als Mann – ja doch nur gewinnen kann. Jeder zeigt geheimnislos, wer er ist, und zieht dies durch. Aber es werden innerhalb dieses Konzepts runde, richtige Gestalten daraus.

Raphaela Möst als Frau Elvsted ist als der totale Gegenpart zu Hedda gedacht: Sie steht völlig unpathetisch zu den hingebungsvollen Gefühlen, die sie für Løvborg hegt, und wenn sie damit auch scheinbar „Schwäche“ zeigt – Tatsache ist ja doch, dass Ibsen Hedda untergehen und Tesman und Elvsted quasi „siegen“ lässt. Die Schwachen sind die Starken.

Die geheimnislos böse „Hedda Gabler“ der Josefstadt muss nun ihren Weg durch das Abonnementpublikum nehmen.

Renate Wagner

 

 

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