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WIEN / Josefstadt: EINE DUNKLE BEGIERDE

27.11.2014 | Theater

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WIEN / Theater in der Josefstadt:
EINE DUNKLE BEGIERDE von Christopher Hampton
Uraufführung
Premiere: 27. November 2014,
besucht wurde die Generalprobe 

Zuerst war da eine „verbotene“ Beziehung, die an die Öffentlichkeit sickerte: Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung verstieß gegen alle Gesetze seines Berufsstandes, als er eine sexuelle Beziehung mit seiner Patientin, der schwer gestörten Russin Sabina Spielrein, einging. Immerhin hatte er sie mit Freuds „Gesprächstherapie“ (er war einer der Ersten, der die Psychotherapie praktizierte) zu einem einigermaßen normalen Leben führen können…

Parallel: Freud und Jung, der „Übervater“ der „Bewegung“ hier, auf der anderen Seite der „Lieblingssohn“ und designierte Nachfolger, zerwarfen sich so gründlich, wie es nur großen Persönlichkeiten gelingt, die starke Bindung aneinander empfinden.

Wen interessiert das? Natürlich die Intellektuellen, und die immer. John Kerr schrieb darüber 1993 ein Sachbuch mit dem Titel „A Most Dangerous Method“. Christopher Hampton, der vor allem als brillanter Drehbuchautor so erfolgreiche Brite, hat 2003 das Stück „The Talking Cure“ nach dieser Themensammlung geschrieben und machte 2011 daraus ein Drehbuch für Regisseur David Cronenberg. Der Film „A Dangerous Method“, zu  Deutsch „Eine dunkle Begierde“, mit Keira Knightley, Michael Fassbender und Viggo Mortensen sensationell besetzt, war dann der große Hit. Wer ihn gesehen hat, dem kommt noch in der Erinnerung die Gänsehaut bei diesem Drama, in dem Seelen gnadenlos von innen nach außen gestülpt wurden…

Ganz offenbar ist Hamptons Stück noch nie gespielt worden, sonst könnte das Theater in der Josefstadt nicht die Uraufführung präsentieren. Man hat das Ereignis noch getoppt, indem man den Autor selbst als Regisseur engagierte. Und Josefstädtisch hoch besetzte. Also? Also ist das, was auf der Kinoleinwand funktioniert, zumal, wenn ein so radikaler Regisseur wie Cronenberg zuschlägt, nicht unbedingt dasselbe, was auf der Bühne überzeugt.

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Fotos: Barbara Zeininger

Dass das Drehbuch zumindest dramaturgisch auf die Theaterbretter passt, dankt man einem hervorragenden Drehbühnen-Bild von Tim Goodchild, das die verschiedenen Schauplätze reibungslos bedient – die Burghölzli-Klinik in Zürich, Freuds Arbeitszimmer in Wien, später Hotels und Jungs Haus in Zürich, auch eine Überfahrt von Freud und Jung nach Amerika. Die Verwandlungen gleiten tatsächlich wie filmisch ineinander, man stolpert hier nicht über Wartezeiten, wie sie in schlechter konzipierten Dekorationen immer wieder passieren. Man ist (auch durch die diskreten, stimmigen Kostüme von Birgit Hutter) in der Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts, wo noch so viel Aufbruchstimmung herrschte – zumindest in der Medizin. Aber obwohl Christopher Hampton als sein eigener Regisseur das Geschehen, das der Autor Hampton durchaus „abwechslungsreich“ gestaltet, in Schwung hält – so richtig spannend wird die Geschichte nicht. Bis zur Pause jedenfalls  schwebt ein Gefühl schwerer Peinlichkeit über dem Geschehen…

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Sabina Spielrein, Tochter eines reichen, gewalttätigen russischen Händlers, war von des Vaters Gewohnheit, sie und ihre Brüder zu verprügeln, in einen Seelenzustand geraten, der Demütigung mit Sexualität verband und ihre Nerven völlig zerrüttete. Man sieht also eine herumtobende junge Frau, die nach und nach ihre Obsessionen herausspuckt – und wenn man nicht zur Generation der Selfie-Exhibitionisten gehört, sondern noch etwas wie Diskretion und Schamgefühl bewahrt hat, ist das verstörend anzusehen (auf der Kinoleinwand war, bei weit stärkerem Ausspielen des Problems, die Sache dennoch erträglicher).

Wenn nun auch die daraus erwachsende „Übertragungs“-Beziehung von Dr. Jung und Sabina Spielrein ein historischer Tatbestand ist, so wirkt die Liebesgeschichte doch wie das Klischee schlechthin – natürlich will sich der gute, brave, schrecklich bürgerliche Doktor einmal auch befreien, seine Sinnlichkeit befriedigen, wie es ihm angeboten wird, aber dass er dafür Frau und drei Kinder und, nicht zu vergessen, das Vermögen der Gattin verließe… nein, da muss Sabina, die es bewundernswert tat, schon zurückstecken und schauen, wie sie ohne ihn zurecht kommt… Dass die Arme nicht so weit geheilt werden konnte, dass Sex für sie mit Gewalt Hand in Hand ging… na, der  Gürtel in der Hand des Doktors, der dargebotene nackte Hintern, werden nur diskret angedeutet. Für ein braves Josefstädter Durchschnittspublikum ist es freilich immer noch starker Tobak…

Wenngleich sich die Freud-Handlung auch mit dem Fall Spielrein verstrickt, so ist doch die Beziehung von Sigmund Freud in Wien zu Carl Gustav Jung in Zürich (der einzige Arier in der ganzen Psychoanalytischen Bewegung) im Grunde ein Stück für sich, eine Geschichte vom gönnerhaft-herablassenden Verhalten des großen Mannes dem Jünger gegenüber, der sich nach und nach von dem Vorbild befreit, dessen Sturheit, Unbelehrbarkeit und Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen, ihn zunehmend stört – und der am Ende zum ideologischen „Vatermord“ schreitet…

Neben diesem starken Dreieck hat Hampton mit der Figur von Jungs Gattin, die sich anfangs ganz klein macht, um ihrem Gatten ja nicht im Licht zu stehen, und sich erst später als kluge, ambitionierte Frau erweist, und mit dem hoch begabten Psychiater Otto Gross (auch in Burghölzli zur Behandlung), der sich selbst zerstörte, zwei wichtige, wenn auch im Geschehen weitgehend vernachlässigte Nebenfiguren eingebracht.

Die Handlung zieht sich dann über Jahrzehnte, Sabina Spielrein wurde selbst Psychiaterin im Kreise Freuds, „befreite“ sich möglicherweise von Jung, als sie heiratete und zwei Töchter bekam – und am Ende des ersten Teils deutet Hampton ihr Schicksal vom Tod im Konzentrationslager an, obwohl das vielleicht nicht jedermann mitvollziehen kann,  wenn man vom letalen Tragödien-Ende dieses spezifischen jüdischen Schicksals nichts weiß (Freud beispielsweise konnte ja ins Exil gehen).

Es ist eine dichte, komplexe Story, in der zwar nicht übermäßig viel, aber immer noch genug über Psychoanalyse theoretisiert wird, um jene zu langweilen, die das Thema nicht wirklich interessiert. Obwohl man natürlich hofft, dass man in Wien, wo das Phänomen geboren wurde, auf Verständnis zählen kann. Man würde allerdings nicht darauf schwören – so selbstverständlich wie in New York ist der „Shrink“ für jeden, der auf sich hält, hierzulande doch nie geworden…

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Die Josefstadt hat auf der Höhe ihrer Ansprüche besetzt. Natürlich geht es um die beiden Männer, aber die sind zu erspielen. Das Problem ist die Rolle der Sabina, zumal zu Beginn, wenn sie im Nachthemd konvulsivisch zuckend herumtobt und zweierlei erreichen muss: Dass man sich für sie positiv interessiert und dass man ihr die spätere halbwegs normale Existenz einer zweifellos extrem intelligenten Frau glaubt. Das Haus bietet dafür Neuzugang Martina Ebm auf, die schon bei Nestroy aufhorchen ließ und hier die gefährliche Balance bewältigt: Sie ist als das gestörte Geschöpf glaubwürdig genug, überzieht aber nicht so, dass es „unjosefstädtisch“ würde. Wenn sie vom Regisseur her etwas mehr hätte tun dürfen, wäre ihr die Aufgabe vermutlich leichter geworden. Jedenfalls ist es eine eindrucksvolle Leistung.

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Stocksteif, ohne Akzent schweizerisch bieder (Schwyzerdütsch darf nur kurzfristig die Krankenschwester von Therese Lohner sprechen), ein anteilnehmender, aber letztendlich an Theorie vordringlich interessierter Arzt und ein extrem selbstsüchtiger Mann – Michael Dangl packt all diese Eigenschaften von Jung in eine steife Körpersprache, die im Grunde dauerndes Unbehagen mit seiner Situation signalisiert, selbst in Zeiten evidenter Selbstgefälligkeit. Das ist wieder einmal eine große Aufgabe, wie sie ihm zukommt.

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In der kleinen, aber so reich mit Exzentrik beschenkten Rolle des Otto Gross genießt Florian Teichtmeister die Studie des gänzlich und fröhlich Amoralischen auf dem geraden Weg zur Selbstzerstörung. Noch eine junge Frau darf, wenn auch am Rande, stark wirken: Alma Hasun als Frau Jung ist meist schwanger, zeigt deutlich, wie klar ihr ist, dass sie ihren Mann mit ihrem Geld durchaus auch „kauft“ – und dass sie dies auf sich nimmt. Das ist eine bemerkenswerte Studie in sich.

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Held und Clou des Abends ist natürlich Sigmund Freud, der große Mann, an dem heutzutage so viel herumkritisiert wird – nicht zu Unrecht, und Hampton tut es sogar mit einigem Humor. In dieser Paraderolle genießt Herbert Föttinger die Suada des Eitlen, die Verbohrtheit des Monomanen, die Verletztheit des In-Frage-Gestellten. Egal, was man von ihm hält, Dr. Freud fasziniert. Dass er immer Zigarren pafft, ist eine historische Tatsache – dass man sich dafür heutzutage im Programmheft entschuldigen muss, das Rauchen geschähe aus künstlerischen Gründen, zeigt, wie albern unsere politische Korrektheit schon geworden ist. Was Freud wohl dazu sagen würde?

Was ist es nun mit der „Dunklen Begierde“ auf den Brettern der Josefstadt? So sehr man Hampton schätzt, so interessant das Thema grundlegend sein mag, so filmgerecht es einst war – als Theaterabend schleppt es sich trotz aller Qualitäten zweidreiviertel Stunden lang nicht ohne Mühe über die Bretter. So richtig gedacht, so gut gemacht, so glänzend  gespielt. Und doch… so zentnerschwer.  

Renate Wagner

 

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