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WIEN / Josefstadt: DIE KAMELIENDAME

19.12.2014 | Theater

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Alle Fotos: Theater in der Josefstadt / (C) Moritz Schell

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DIE KAMELIENDAME von Alexandre Dumas
Bühnenfassung von Herbert Schäfer
Uraufführung / Premiere: 18. Dezember 2014 

Gewiss, „Die Kameliendame“ wurde einmal mit der Garbo verfilmt. Aber das sorgt noch nicht für permanenten Weltruhm – viele Romane kamen in die Kinos (etwa „Der bunte Schleier“ von Somerset Maugham, auch mit der Garbo!), ohne dass man sie heute noch kennt. Nein, es ist einzig und allein Verdis „La Traviata“, die dafür sorgt, dass die „Kameliendame“ des jüngeren Alexandre Dumas (sein bekannestes Werk, der Papa war der mit den „Drei Musketieren“) in die Ewigkeit eingegangen ist. Nicht, dass das Buch jemand läse. Aber Lieben, Leben und Sterben der berühmtesten Kurtisane aller Zeiten ist solcherart lebendig.

Dabei sollte gerade die Dürftigkeit des „Traviata“-Librettos jedermann warnen, der sich an eine Dramatisierung der Geschichte machen will. Was sieht man? 1. Akt: Kurtisane gibt Ball und verliebt sich in Jüngling. 2. Akt, 1. Bild: Kurtisane wird von Vater des Jünglings heimgesucht. 2. Akt, 2. Bild: Wieder Ball, Jüngling demütigt Kurtisane. 4. Akt: Kurtisane stirbt. Mehr ist es nicht – aber was braucht es mehr, wenn Verdi die Musik dazu schrieb? Was bleibt ohne Musik? Erschütternd wenig.

Machen wir uns nichts vor: Die einzige Notwendigkeit, „Die Kameliendame“ auf die Bühne der Josefstadt zu stellen, besteht in der spektakulären Titelrolle für Sandra Cervik. Dafür hat sich Regisseur Torsten Fischer von seinem Ausstattungs-Mitarbeiter Herbert Schäfer eine Bühnenfassung bestellt, die dann in eindreiviertel pausenlosen Stunden über die Bühne geht. Es ist nicht ungeschickt, wenn auch auf die übliche Art gemacht, wenn Autor Dumas selbst als Erzähler des Geschehens fungiert, sich immer wieder auch in den „alten“ Liebhaber Armand Duval verwandelt (das ist der Alfredo der Oper) und teilweise auch ganz locker mit dem Publikum plaudert. Dies quasi als Comic Relief, wenn die Geschichte selbst zu tragisch wird.

Dass es hier um die Ausbeutung der Frau schlechthin geht, dass sie zum Objekt degradiert wird, dem man menschliche Gefühle gar nicht zugesteht, das macht die Bühnenfassung schon klar. Aber solch korrekte Aussage täuscht nicht darüber hinweg, dass inhaltlich halt so wenig dran ist. Das war Torsten Fischer als Regisseur zweifellos klar, als er begonnen hat, den Abend ungeheuerlich zu „inszenieren“, sprich: mit optischen Effekten zu beladen.

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Ganz zu Beginn liegt – ist es legitim, den weiblichen Körper spekulativ auszustellen? In diesem Stück kann man es vom Inhaltlichen her vertreten – die in schwarze Unterwäsche spärlich gekleidete Marguerite Gautier am Boden und protestiert dagegen, todkrank zu sein und bald zu sterben. Der Tod stellt sich ein, und bevor Alexandre Dumas die Leiche endgültig entsorgt, will Armand Duval, Marguerites große Liebe, sie noch einmal sehen, um sich selbst zu „befreien“… Gefühle sind hier nicht stärker als der Tod.

Um die Rückblende einzuleiten, werden große Säcke mit irgendwelchem Federwerk aufgerissen, die wie ein Schneesturm über die Bühne wirbeln, wobei der Schnee dann symbolträchtig das ganze Stück hindurch den Boden bedeckt. Zeitweise wird ein Riesenspiegel aufgezogen, der das Geschehen auf der Bühne schräg an die Decke wirft und doppelten Sicht-Effekt ergibt (zuletzt im Staatsopern-„Idomeneo“ auch zu erleben). Manchmal wird auch geschaukelt, um die Verlorenheit der Figuren, ihre Instabilität zu zeigen – es ist eine rein symbolhaft ausgerichtete Aufführung, die vor allem in den riesigen, meist schwarzen Reifröcken der Damen eine pompöse Gesellschaft imaginiert, deren Hohlheit, Gemeinheit und Oberflächlichkeit immer fühlbar ist.

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Anfangs ist Marguerite Gautier Teil dieser Welt, sogar ihr spektakulärer Mittelpunkt, aber durch die Liebe für Armand rückt sie davon ab. Ob man Sandra Cervik für den glaubhaften Typ einer Kurtisane hält, bleibt im Auge des Betrachters. Sie spielt die große Pose und dann schnell die vielen kleinen Gesten der Verliebtheit, als Armand in ihr Leben tritt, und in der Konfrontation mit seinem Vater werden dann – bis zum kreischend-heisrigen Überkippen der Stimme – die Tragödien-Töne angeschlagen. Am Ende sieht sie, ganz in Schwarz, das Gesicht weiß, die Haare verwirrt, das Augen-MakeUp zerronnen, schon wie ein Gespenst aus. Ohne Verdis Musik stirbt es sich wenigstens schnell – glücklicherweise, denn die Moral von der Geschichte wird da schon recht triefend. Elegant ist diese Inszenierung der überdeutlichen Effekte nicht.

Als neues Gesicht sieht man Alexander Absenger in der Rolle des jungen Liebhabers, eigentlich nur glatt. Übrigens: Sandra Cervik präsentiert sich zweimal oben ohne, wird aber von ihrem Partner bezüglich „unten ohne“ weit übertroffen. Er spielt eine ganze Szene splitterfasernackt und stellt ausführlich aus, womit die Natur ihn bedacht hat. Es gab diskretere Zeiten, wo man dergleichen Exhibitionismus nicht für unbedingt nötig hielt. Auch nicht im angeblichen dramaturgischen Zusammenhang.

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Die Josefstadt hat Udo Samel – auf den das Burgtheater glaubt, verzichten zu können! – aufgefangen, wenn auch Monsieur Georges Duval, der Vater des Liebhabers, keine wirklich eindrucksvolle Rolle ist. Eine einzige Szene, in der er erst anklagt, dann über den Edelmut der Kurtisane Erschütterung zeigen muss, um schließlich doch in bürgerlicher Selbstzufriedenheit zu versinken – natürlich macht er es bestens, aber für ihn ist das wohl nicht mehr als ein Routineklacks.

Bei der Gelegenheit sei auch betont, dass es erschütternd ist, André Pohl in der Rolle des Uralt-Barons Arthur de Varville zu sehen, der von der Kurtisane schlecht behandelt und ausgebeutet wird. Bitte bald wieder eine ordentliche Rolle für diesen außerordentlichen Schauspieler.

Tonio Arango, den man aus dem Thomas-Mann-Abend (auch das war eine der vielen, nicht wirklich einsichtigen Roman-Dramatisierungen) in Erinnerung hat, ist eine starke Persönlichkeit für den „Conferencier“, wenn er sprachlich auch noch exakter sein könnte.

Sonst einige neue Gesichter in Rollen, die man absolut nicht braucht – Marie-Luise Stockinger, Josef Ellers, Katja Bellinghausen -, dazu noch Susanna Wiegand und ein ziemliches Aufgebot an Komparserie für die schlechte Pariser Gesellschaft von anno dazumal. Dass die Dauer des Abends gefühlterweise ein vielfaches ausmachte und dass der Unterhaltungs- wie der Erkenntniswert gering war – das hätte man sich aufgrund der Vorlage ausrechnen können. Berühmt allein genügt nicht. Selbstverständlich wurde stark applaudiert.

Renate Wagner

 

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