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WIEN / Josefstadt: AUS LIEBE

17.05.2013 | Theater

  

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
AUS LIEBE von Peter Turrini
Uraufführung
Premiere: 16. Mai 2013,
besucht wurde die Generalprobe

Die Uraufführung eines heimischen Autors ehrt schon einmal grundsätzlich jedes Theater, die Josefstadt hat zu Saisonende sogar zwei zu bieten, und beide Herren, der Kärntner Peter Turrini und der Tiroler Felix Mitterer (dessen „Fall Jägerstätter“ folgt im Juni), sind mittlerweile als Josefstädter Hausautoren zu bezeichnen. (Das Burgtheater, wo Claus Peymann noch die Jelinek und Handke in dieser Eigenschaft gepflegt hat, lässt sich in der Direktion Matthias Hartmann auf die gegenwärtigen Österreicher nicht mehr ein.) Von Peter Turrini erlebt man nun 80 Minuten lang sein Stück „Aus Liebe“, und wenn etwas daran seltsam erscheint, dann die 37 kolportierten „Fassungen“, die das Werk durchlaufen haben soll, um dann zu diesem Ergebnis zu gelangen.

Werbung gehört dazu, Mord sells, man erinnert sich noch an den Fall des Mannes, der seine Frau und seine Tochter (und wenn man sich nicht irrt auch noch seine Schwiegereltern) umgebracht hat. Ein ganz normaler Mann von nebenan, der durch nichts aus dem Rahmen fiel. Als man ihn nach dem Motiv der Taten fragte, sagte er angeblich „Aus Liebe“. Und als Stück über diesen „Axtmörder“ wurde Turrinis Werk gewissermaßen „verkauft“.

Das ist es nun absolut nicht. Was er und Regisseur Herbert Föttinger, angeblich in engster Zusammenarbeit, geschaffen haben, mutet als Bilderbogen in 22 Kurzszenen vor allem einmal als die sozial bewusste und politisch korrekte Bestandsaufnahme der jüngst so genannten „Wutbürger“ an, denen der Autor großteils (wenn es sich nicht um Polizisten handelt, die sind da offenbar ausgenommen) volle Sympathie entgegenbringt.

Das Stück, das also den „Mörder“ meist schweigend durch einige der Szenen schreiten lässt, hat sich gewissermaßen auf dem Reißbrett vorgenommen, was man denn an derzeitigen „Anklagepunkten“ gegen die Regierung vorbringen kann, die offenbar alles vergeigt hat. Jede Figur ein Fall von heute, alle bedauernswert.

Da ist der Verkäufer in einem Baumarkt (Oliver Huether) – unwillig beim Regalbetreuen, weil er früher Facharbeiter war, und die Regierung hat geduldet, dass er um 30 Prozent weniger Gehalt auf Teppenarbeit zurückgestuft werden darf. Da ist ehemalige Personalreferentin (Isabella Gregor), arbeitslos, die schließlich einmal einen Chefposten hatte und nun absolut keine Lust zeigt, sich im Supermarkt für wenig Geld ausbeuten zu lassen, also lieber als Gelegenheitsprostituierte arbeitet. Da ist die Sozialhilfeempfängerin (Raphaela Möst), die der zuständigen Dame vom Magistrat am Telefon eine Szene macht, weil man ihr ihre drei Kinder weggenommen hat, und die von einer Karriere beim Fernsehen und dem damit verbundenen künftigen Luxus schwärmt. Da ist die Prostituierte (Susanna Wiegand), die Krawall macht, weil sie „am Strich“ von den Ostnutten verdrängt wird, so geht das ja wirklich nicht. Ein Fotograf (Friedrich Schwardtmann) bettelt besonders armselig um ein „Action“-Foto des Mörders, weil er schon auf der Abschussliste der Redaktion steht (hat der ORF nicht eben stolz erklärt, seinen Mitarbeiterstab um 600 Personen verschlankt zu haben?!) und nur mit einem solchen Sensationsbild noch ein wenig überleben kann…

Wutbürger allesamt, arm, unglücklich. Der Sandler (Siegfried Walther), der eine gänzlich unnötige Szene hat, ist eigentlich recht fröhlich und vollmundig dafür, dass es ihm so schlecht geht. Ja, und noch eine Kuriosität am Rande: Zwei junge Leute, die auf der Straße vögeln und dabei gefilmt werden wollen, damit sie auf YouTube mehr als drei Millionen Klicks erzielen… So ist die Welt, sagt Turrini. Vielleicht ist sie so.

 
                                                    Fotos: Barbara Zeininger

Da sind dann noch die Polizisten – die mag der Autor nicht, nicht den rassistischen Wachzimmerkommandanten (Heribert Sasse), der sich seinen türkischen Assistenten (Ljubiša Lupo Grujčić) zum wahren Renegaten erzielt (nach dem Motto: Willst Du dazu gehören, musst Du mit uns schweinigeln – und anderes auch), und nicht den politisch unkorrekten, aber deshalb nicht sympathischen Kriminalinspektor, den Martin Zauner hustend spielt (denn der Kerl raucht doch glatt und entschuldigt sich nicht einmal dafür!) und mit dem Turrini jenem bekannt gewordenen höheren Polizeibeamten, dem man Beziehungen zum Rotlichtmilieu nachsagt, auf der Bühne „eine Watschen“ herunterhaut …

Dann braucht es zur Ergänzung auch noch eine ergreifende Human Interest-Geschichte, die leider so besonders dumm ausfällt, obwohl sie ein wirklich tragisches Problem behandelt: Denn dass eine Witwe nach einer wahrhaft glücklichen Ehe nicht verwinden kann, dass niemand mehr da ist, mit dem sie teilen und sich austauschen kann, ist eine vermutlich hunderttausendfach nachzuvollziehende Erfahrung. Dass Turrini dafür das geradezu lächerliche Bild gewählt hat, dass diese Dame deshalb fremden Herren in der Konditorei deren halbe Torte vom Teller essen muss (von wegen „teilen“) – das kommt so sagenhaft blöd von der Bühne, dass selbst Marianne Nentwich da nur eine „tepperte Alte“ auf die Bühne stellen kann, statt das wahre Mitleid zu erwecken…

 

Wo bleibt nun in diesem Bilderbogen der Mörder? Er ist schon da, im Parlament als Assistent eines Abgeordneten tätig. Ein so schweigsamer Mann, dass es an Autismus grenzt. Seine Frau scheint an seiner Sprachlosigkeit zu ersticken und ist offenbar entschlossen, ihn zu verlassen. Gemeinsame Liebe der beiden: die kleine Tochter. Und dann erfährt man, als er selbst aufs Polizeirevier geht, dass er die beiden umgebracht hat. Warum? Keine Ahnung. Aber wenn uns Peter Turrini nur erzählen will, dass man schließlich nicht wissen kann, was in einem Menschen vorgeht – dann braucht er ja eigentlich auch kein Theaterstück darüber zu schreiben?

Man könnte nun vorgeben, wenn man es denn wollte, es sei eine große Leistung, so wie Ulrich Reinthaller immer starr vor sich hinzusehen und damit vorzuspiegeln, dass hier unendliche Tiefen verborgen sind. Schlicht gesagt ist es einfach keine Rolle, die er da hat, zumal es ja nicht einen Hauch von Erklärung oder Begreifen für das Handeln dieses Mannes gibt und der Darsteller mit nichts in der Hand auch nichts erspielen kann. Und auch Sandra Cervik ist mit ihren paar Szenen als unglückliche Ehefrau und liebende Mutter, der die Tränen herunter rinnen, schmählich unterfordert.

Das sind keine Rollen – und alle anderen, die in ihren Schicksalen schon geschildert wurden, kann man nur als Knallchargen bezeichnen, vordergründig-spekulative Umrisse eines Zeigefinger-Lehrstücks von einem Autor, der die Peitsche der Sozialkritik (Na na!) schwingen und dabei menschenfreundlich Milde und Verständnis walten lassen will.

Außerdem, und das ist jetzt der Höhepunkt dieses „Totentanzes“ aus dem täglichen Leben, die wahre Überhöhung des Geschehens auf mindestens Hofmannsthal-Level, bringt Turrini nicht weniger als den lieben Gott höchstpersönlich auf die Bühne. Als alten Mann, auf den niemand hört. Traurig, traurig. So was kann nicht einmal Kurt Sobotka erspielen. Selbst ein Franz Molnar hat sich mit einem himmlischen Kanzlisten begnügt, aber man gibt es nicht billig in der Josefstadt…

Im Grunde aber doch. Dieser Bilderbogen auf leerer Bühne – das Bühnenbild wird von „Die Schichtarbeiter“ (???) bestritten und besteht aus ein paar Würfeln, wenn Sitzgelegenheiten gebracht werden, die Kostüme von Elke Tscheliesnig wirken, als seien sie keine, folglich ist Alltag gemeint – weiß nun wirklich nicht, was er will. Zwischen liebem Gott und Baumarkt und allen Seltsamkeiten, nicht nur die Tortenstehlende alte Dame, auch dass die Sozialhilfeempfängerin bis ins Gefängnis eindringt (!), um sich vom Axtmörder erwürgen zu lassen… das mischt sich alles eher abstrus als überzeugend.

Regisseur Herbert Föttinger lässt seine komplette Belegschaft das ganze  Stück hindurch im Hintergrund sitzen, jeder tritt nur für seine Szene (oder auch Szenen) vor, und alles huscht ohne weitere tiefe Eindrücke vorbei. Man hält sich ja auch mit nichts und bei nichts auf. Aber vielleicht gehört auch das zur Sozialkritik des Stücks – so ist es eben heutzutage?

Dem Publikum hat der Autor das „Mörder“-Stück nicht schwer gemacht, es ist weder „grauslich“ noch intensiv noch erschütternd, man kann sich mühelos abbeuteln (man bekam ja nichts auferlegt) und wieder gehen. Der liebe Gott des Theaters, so es ihn gibt, schüttelt wahrscheinlich resignierend den Kopf und wartet auf die nächste Uraufführung… Die Hoffnung auf ein gutes Stück stirbt zuletzt. Neues Spiel, neues Glück – vielleicht im Juni.

Renate Wagner

 

 

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