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WIEN/ ImPulTanz: WIM VANDEKEYBUS UND MARCO BERRETTI – rohe Gewalt- und flaue Schlafpartie

04.08.2021 | Ballett/Tanz

ImPulsTanz: Wim Vandekeybus und Marco Berretti (3. & 4.8.2021)  – rohe Gewalt- und flaue Schlafpartie

Impuls Tanz 2021
Copyright: Jean Louis Fernandez

Ein Märchenwald? Ja, aber einer voll von Schrecknissen. Mit einer schrill kreischenden, angstvoll um sich schlagenden Verfolgten am Beginn und am Ende mit von Bären angefallenen, nun verwesenden Waldmenschen oder von umfallenden Bäumen Erschlagenen. Der Belgier Wim Vandekeybus, mit seiner Gruppe Ultima Vez seit Jahren Stammgast bei ImPulsTanz, wurde eingeladen, für das rumänische Kulturfestival Europalia Romana 2019 ein eigenes Stück zu kreieren. Von der rauen Natur, den Unberührtheit der Karpatenwälder hatte er sich inspirieren lassen, und seine Spuren von „Traces“ führen mitten in deren Wildnis hinein. Diese lassen offensichtlich auch spüren, dass hier einmal Diktator Ceausescu mit seiner Securitate eine menschenfeindliche Gewaltherrschaft geführt hatte.

Mit Wucht – wohl auch manch gesuchter Länge – folgt zu intensivem Roma-Sound dramatische Episode auf Episode: Rituale der Unterdrückung, gegenseitige Zerfleischungen, immer wieder neu entstehende und überraschende Gefahrensituationen, Ekstasen in aller Nacktheit, Kampf der Hirsche, Bären gezähmt oder aggressiv ausfallend. Vandekeybus ist ein einfallsreicher Beherrscher aller Varianten in kraftvoller Tanztheater-Manier. Das Gastspiel im Wiener Volkstheater hat zu fesseln vermocht – ob man sich den Turbulenzen entziehen wollte oder nicht.

Völlig konträr zu dieser Gewaltpartie: Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zählt zu den Sponsoren von ImPulsTanz. Ein Swiss Focus mit über einem Dutzend Schweizer Beiträgen ist somit heuer gegeben, und dieser hat auch „No Paraderan“ von *MELK PROD. ins Akademietheater geschwemmt. Eigentlich für Wien kein neues Stück, bereits 2006 ist es wohl so ähnlich in diesem Rahmen zu sehen gewesen. Und eigentlich – es hat hier nichts zu suchen. Sieben durchaus fein agierende Komödianten rund um Chef Marco Berrettini spielen gepflegte Langeweile (und flaue Partystimmung dazu) vor. Perfekt zum Gähnen gemacht. Die flotten Stimmen von Frank Sinatra und seiner Konsorten ertönen oder auch der Beginn von Strawinskis „Sacre“ – das sind die künstlerischen Höhepunkte. Natürlich gefallen auch so einige subtil ausgesponnene Pointen in den sich in endloser Folge einanderreihenden Clownerien. Doch Tanz? Mager, mager, bloßes Gehüpfe und gekünsteltes Positionieren. Spielerisch ist die Show jedoch bestens gestylt – Berrettini plaudert, plaudert und plaudert zum Ausklang des überlangen Abends dem Publikum zu, sucht Kontakt, will nicht von der Bühne verschwinden. Das wäre auch für mutig zurück rufende oder (schon eher) protestierende Zuschauer echt guter schweizerischer Humor –  der hier allerdings zur Qual geworden ist.

 

Meinhard Rüdenauer    

 

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