WIEN/ ImPulsTanz: Wim Vandekeybus / Ultima Vez mit „What the Body Does Not Remember“ und „Void“ im Volkstheater Wien
Mit zwei Stücken gastierten der belgische Starchoreograf Wim Vandekeybus und seine Kompanie Ultima Vez beim diesjährigen ImPulsTanz-Festival. Im Rahmen der Reihe ImPulsTanz Classic zeigte Vandekeybus sein bereits im Jahre 1987 entstandenes, bahnbrechendes Werk „What the Body Does Not Remember“, mit dem der damals erst 24-Jährige sofort in die Oberliga der internationalen zeitgenössischen Tanzschaffenden aufstieg. Sein im Oktober 2024 in Brüssel uraufgeführtes Stück „Void“ folgte einen Tag später.
„What the Body Does Not Remember“
Seit 1989 regelmäßiger Festival-Gast, zeigte die sich ständig erneuernde Kompanie nun mit verjüngtem, zehnköpfigen Cast das 2013 erstmals bei ImPulsTanz aufgeführte Werk „What the Body Does Not Remember“, das im eigentlichen Sinne kein Tanzstück ist. Mit seiner Mischung aus Theater, Akrobatik und hoch-dynamischer Bewegung im Raum kreierte Wim Vandekeybus eine ganz eigene, bis heute unverwechselbare Handschrift.
Getrieben von rhythmischen, musikalischen und inszenatorischen Impulsen erlebt das Publikum eine atemlose Hatz durch Sequenzen und Konstellationen. „Body“ beginnt mit einer Szene, in der zwei am Boden liegende Tänzer auf kratzende Geräusche und Schläge, erzeugt von einer hinten an einem kleinen Tisch sitzenden Perkussionistin, direkt mit Bewegung reagieren. Die akustische Intensität der Klänge steuert die Intensität ihrer Bewegungen.

Ultima Vez: „What the Body Does Not Remember“ (c) Danny Willems
Despotisch zwingt der Klang die beiden in Aktionen, quält sie bis in die Erschöpfung. Es sind Drill, Zwang und Unterdrückung, erfahren als Kleinkind, Jugendlicher und junger Erwachsener in Elternhaus, Schule und Ballett-Saal. Mit dem so erlernten Selbst- und Weltbild, mit unterdrücktem Selbstvertrauen, mit Wut, Angst und Aggression im Bauch und mit der Erfahrung allgegenwärtiger und allmächtiger Gewalt wird der Mensch ins Leben geschickt. Folgerichtig, ohne innere Bodenhaftung, bahnen sich Tänzer in der zweiten Szene, immer wieder Ziegelsteine für den nächsten Schritt vor sich legend, ihren Weg über die Bühne. Die Angst vor dem Leben.
Das Stück taucht in einer Serie von Szenen ein in Situationen, die individuelle, soziale und gesellschaftliche Aspekte der von Gewalterfahrungen gezeichneten und diese fortlebenden Agierenden beleuchtet. Von Konflikten dominierte Beziehungen, in denen jede doch so ersehnte Zärtlichkeit sofort in Gewalt mündet, beschreiben die Beziehungs-Unfähigkeit der Menschen. Die Distanz zu sich wird zur Distanz zum Anderen. Nicht nur Paar-, auch soziale Bindungen sind von Diskontinuität und Instabilität geprägt.
Aber es gibt auch jene Momente, da Ur-Menschliches gelebt wird. Wenn zum Beispiel, in wildem, scheinbar chaotischem Treiben, Ziegelsteine durch die Luft fliegen und auf der gegenüberliegenden Seite wieder gefangen werden. In vollem Lauf. Und wenn senkrecht in die Höhe geschleuderte Quader ein Ensemble-Mitglied zu erschlagen drohen, sind zwei andere zur Stelle und reißen den Gefährdeten im letztmöglichen Moment aus der Gefahrenzone, während der/die Zweite den Stein fängt.
Das dem Leben eigene Risiko, ein viel zu selten noch geforderter, animalischer Instinkt und ein unbändiger (Über-) Lebenswille prägen diese wahrlich genial komponierten, unglaublich dynamischen, mit höchster Präzision und exaktestem Timing doch unfallfrei performten, atemberaubenden, weil wahnwitzig gefährlichen Szenen, bei denen manch einem Zuschauenden ein (Er-) Schreckenslaut entfährt.
Zudem bahnen sich hier Solidarität, Kollaboration und Empathie als dem Menschen eigene, fundamentale Aspekte einen Weg an die Oberfläche, bald schon wieder überlagert von mächtigeren, destruktiven Kräften. Eine weitere faszinierende Sequenz ist ein witziges Spiel mit Handtüchern, die sie sich, schnell kreuzweise laufend, ent- respektive vom Kopf reißen oder in fließender Bewegung übergeben. So, dass man kaum nachvollziehen kann, wie es und einem geschieht.

Ultima Vez: „What the Body Does Not Remember“ (c) Danny Willems
Die dargestellten Paar-Beziehen sind spröde, problem-geladen und konflikt-dominiert. Sie scheinen wie die ins Physische übersetzte und dort ausgelebte Kollision von starken individuellen Interessen, unklar, unreflektiert, von Machtanspruch getrieben und als Selbstbehauptung deklariert. Nähe schlägt umgehend um in Dominanz. Aber auch Unterwerfung, symbiotische und „historisch überlieferte“ Beziehungs-Modelle werden durchgespielt.
Allen gemein ist ihre Brüchigkeit und das Fehlen einer tragfähigen psychischen und moralisch-ethischen Grundlage sowie die beklemmende, irritierende Gewalt und der gewaltige Druck, unter dem die Akteure leiden. Das Bild dieser in den Theaterraum gespiegelten Gesellschaft ist bedrückend. Deren Grundlagen nämlich, ihre gelebten Wertesysteme und Normen, entwickeln sich von unten heraus.
Die Erotik ist geprägt von einem unter der Zurückweisung verborgenem Begehren. Sie pendelt schnell zwischen Verweigerung und Zulassen, zwischen Zärtlichkeit und Aggression. Die Sehnsucht nach Nähe und die, geliebt zu werden, ist allzu spürbar. Die Fähigkeit dazu jedoch ist den Akteuren abhanden gekommen. Fragile, instabile Nicht-Beziehungen sind die Folge. Alles ist Kampf und Krampf. Harmonie ist eine Chimäre, Liebe eine Fata Morgana.
Optisch markant ist eine Szene, in der Männer tastend Frauen untersuchen, die wie in Michelangelos Zeichnungen des idealen männlichen (!) Körpers die Arme und Beine spreizen. Hier aber sind es Frauen, die von Männern in Frage gestellt werden, misstrauisch, ungläubig ob der sichtbaren Makellosigkeit.
Der Original-Sound von Thierry De Mey und Peter Vermeersch und der Tanz wurden für dieses Reenactment um eine 17-minütige, von De Mey komponierte Sequenz und eine neu choreografierte Szene erweitert, mit dem Ziel, die dynamisch-waghalsige Wirkung der Arbeit noch zu verstärken. Die Musik ist entscheidender Mitspieler. Mal hämmert die Perkussion eindringlich, dann treibt Klaviermusik die Performenden über die Bühne, oder Streicher begleiten eine Reihe von Solos. Sound und Tanz erleben dynamische, spannende und erregende Varianzen zwischen Aktion und Stille, die dem 90 Minuten langen Stück die Wahrnehmung seiner tatsächlichen Länge nehmen.

Ultima Vez: „What the Body Does Not Remember“ (c) Danny Willems
Die immer irgendwie leger-sportiven Kostüme von Isabelle Lhoas werden häufig gewechselt, um so die Anzahl der Akteure auf der Bühne zu vervielfachen und damit die Inhalte des Stückes aus der kleinen Gemeinschaft herauszuheben in eine von diesen Themen geprägte Gesellschaft.
Das wütende Stampfen am Ende, ein Mann bleibt allein zurück, findet kein Ziel mehr, keinen Widerstand, und verebbt in der Stille und Leere, die ihn umgibt. Seine Einsamkeit ist Ursache und Wirkung von Konfrontation, Konflikt, Aggression und Gewalt. Wirklich beeindruckend ist die Wahrnehmung des damals 24-jährigen Choreografen, dass Gewalt die Geschichte der Menschheit, die aktuelle Konditionierung der Gesellschaft und mit ihr die sozialen Gefüge im Kleinsten prägt.
Das hinterlässt Fehl- oder Leerstellen, per Erziehung, Ausbildung und Sozialisation hinterlassen: dem Menschen eingeborene Charakteristika wie Respekt, Empathie, Fürsorge, Liebe. Der Titel des Stückes mag darauf verweisen. Das, wofür „What the Body Does Not Remember“ gemeinhin geschätzt wird, ist die Innovationskraft der Choreografie, die Explosivität, Rohheit und Unmittelbarkeit seiner Bewegungssprache und seine inszenatorische Raffinesse.
Die Inhalte des 2013 mit dem New Yorker Bessie Award für seinen „brutalen Zusammenstoß von Tanz und Musik“ ausgezeichneten Stückes, die Genauigkeit seiner Beobachtungen nämlich und die fundierte Analyse der gegenseitigen Bedingtheiten gehen in der Rezeption meist unter. Bedauerlich, zeigt Wim Vandekeybus doch bereits mit seinem Debüt auf die ihm fürderhin dringlichen Themen, deren künstlerische Bearbeitung er mit der selben Kreativität angeht wie sie es sein markantes Bewegungsmaterial repräsentiert. Dieser seiner Themen ist er sich in seinem 37 Jahre später entstandenen Stück „Void“ immer noch treu.
„Void“
Die Leere begreift Wim Vandekeybus ausdrücklich nicht als inhaltslosen Raum, sondern als einen voller Möglichkeiten. Einen solchen bevölkern in dem Stück sieben Außenseiter, von der Gesellschaft ins Abseits Gestellte, Abnormale. Eine Frau mit einer Trommel beginnt die Abfolge der Auftritte. Nervös japsend wird auch ihr Kopf zum Schlaginstrument. Ihr gespaltenes Verhältnis zu ihrem Instrument bleibt jedoch nicht das sie alleinig prägende Merkmal.
Die mit nur wenigen Requisiten ausgestattete Bühne von Wim Vandekeybus (Konzept) und Pepijn Mesure (Umsetzung), aufgerollter Tanzboden, eine Stehleiter mit einer verhängten Lampe an einer Rute und ein Karton, ist das Feld für einen Tanz der Besonderheiten. Der Karton wird zum Schutzraum für eine weitere Tänzerin. Teller, wie im Spiel gerollt und schließlich zerschlagen, deuten auf häusliche Ursachen für den Rückzug in sich selbst. Ein hoch sensibles Kind und viel zerschlagenes Porzellan.

Ultima Vez: „Void“ (c) Danny Willems
Die Originalmusik und das Sounddesign stammen vom jungen Arthur Brouns, der mit plötzlichen Wechseln zwischen zuweilen auch bedrohlich klingender, Stimmungen und konsolidierte Gefühlslagen akustisch beschreibender Musik und Stille das Stück szenisch strukturiert. Das Kostümdesign übernahm, wie auch für „Body“, Isabelle Lhoas. Sie arbeitet damit die individuellen Eigenheiten der Einzelnen und deren Verschiedenheit heraus.
Jene Eigenheiten sind es auch, die Vandekeybus benutzt, um Effekte zu beschreiben, die Resultate von verständnisarmer Erziehung, ausgrenzenden sozialen Umfeldern und gesellschaftspolitisch konstituierten Normen für den Menschen auf diesen haben. Hiermit wird die dem Stück zu Grunde liegende Frage aufgeworfen: Was ist „normal“ und wer definiert Normalität? Was folglich bewegt sich jenseits dieser Normen? Die Sympathie jedenfalls, die man im Laufe des Abends für die sieben entwickelt, mündet in tiefes Mitgefühl.
Das auch war die Basis für die Gestaltung der sieben Charaktere, die – theatrale Elemente sind notwendiger Weise Teil des Konzeptes – mit verbalen Äußerungen und ihrem tänzerisch großartig formulierten individuellen, „abseitigen“ Habitus die etablierte „Normalität“ hinterfragen und zudem immer wieder Gelegenheiten für eine Identifikation mit ihnen bieten. Sich selbst in ihrer Abnormalität zu erkennen mit Erinnerungen, eigenen Gefühlen oder Befindlichkeiten, mit Gedanken oder Überzeugungen war Wim Wandekeybus ein zentrales Anliegen.
Damit nämlich führt er sein Publikum an den Punkt, wo es die Absurdität jeglicher Ab- und Ausgrenzung „Andersartiger“ empfindet, wo Empathie zum Werkzeug wird für eine im eigenen Inneren beginnende Wandlung und Weitung, wo diese Entgrenzung dann ihre soziale Wirksamkeit beginnen kann zu entfalten. Darin liegt das Eigentliche dieses Stückes, seine (fast schon pädagogische) Intention und seine tatsächliche Wirkung.
Der erzieherische Auftrag jedoch wird als solcher nicht formuliert. Allein die nebenher provozierte Erkenntnis, dass die Welt uns Spiegel ist, dass wir also in allem dort draußen immer nur uns selbst sehen können, allein die Anschauung also der sieben, die dort oben, ihre Würde noch herausgestellt und ihrer Integrität nicht beraubt, verbindet und lässt uns eins sein mit ihnen, mit ihren Ängsten, ihrer Wut, der Verzweiflung, ihren Schuldgefühlen, der Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Trauer und Tristesse.

Ultima Vez: „Void“ (c) Danny Willems
Und es lässt uns die individuelle Sinnhaftigkeit ihrer so verschiedenen Strategien, mit der gesellschaftlich verordneten Außenseiterrolle zurecht zu kommen und trotzdem ihren so legitimen Glücksanspruch geltend zu machen, nachempfinden. Das Ziel ist immer die Vermeidung negativer, destruktiver Gefühle. Die eine möchte in ihrem Karton verschwinden, die andere schreit ihre Wut und Negativität hinaus in die sie ächtende Welt, der andere will seine weiche, weibliche Seite leben dürfen, auch als Mann.
Ob zwangsneurotisch oder Ausländer: Sie leben uns auf der Bühne vor, was ihnen und uns allen in der Gesellschaft fehlt: Empathie und ein solidarisches Miteinander. Trotz oder gerade wegen aller Unterschiede. In berührenden Szenen werden Verständnis (im Sinne von „verstehen“, nicht von „tolerieren“) und Fürsorge gelebt. „Du bist eine Gefahr für dich! Du musst mit mir kommen!“ Sie beschreiben mit ihrem sensiblen, aufmerksamen und offenen Miteinander einen Sehnsuchtsort für so viele „Normale“.
Sie spüren sich gegenseitig, sie erkennen Gemeinsamkeiten durch die Schalen ihrer Kompensationen hindurch, sie wissen um die immer gleichen, allzu menschlichen Sehnsüchte und Bedürfnisse. Sie schenken sich kurze Momente des Glücks mit einer Umarmung oder einem gemeinsamen Tanz. Sie geben sich das Gefühl, (an-) erkannt und akzeptiert zu sein. Und sie bewahren den anderen vor sich und der Umwelt. Eine mit einem Messer auf das Publikum losgehende, wütende, aggressive Frau wird zurück gehalten und beruhigt.
Diese Frau nämlich hatte vorher Herztönen gelauscht, zuerst bei sich, dann im Publikum („Ich wollte sehen, was in dir ist.“). Sie weist damit auf die Essenz des Menschlichen, auf die aller Verkleidungen, Habseligkeiten und Verformungen entblößte Kreatur. Dort findet sich, was eint. Der Zugang zu diesem Ort aber ist verstellt mit Differenzierungen und psychisch-habituellen Anästhetika, notwendig aus immer dem gleichen Grund: Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit nicht fühlen zu müssen.

Ultima Vez: „Void“ (c) Danny Willems
Damit aber gehen die sieben auf der Bühne beispielhaft um. In einem abschließenden gemeinsamen Tanz begegnen sie sich in Synchronizität, leben freudvoll ihre Gemeinsamkeiten, um sich dann heraus zu lösen aus dieser Gemeinschaft. Mit der Gewissheit, akzeptiert und anerkannt zu sein, verabschiedet sich jeder wieder in seine eigene, in unsere Welt.
„Void“ beschreibt in einer kraftvollen, tief empfundenen und meisterhaft getanzten Choreografie die Welt von Ausgestoßenen, die uns mit ihrer Menschlichkeit und ihren Werten, Respekt, Zusammenhalt und harmonische Koexistenz trotz aller Unterschiede bestimmen ihr Zusammenleben, ein Vorbild sein müssen. Das Stück zeigt, dass uns nichts fehlt. Wir sollten nur „neue Tafeln setzen. Neue Tafeln mit neuen Werten.“
Ultima Vez zeigt sich als artistisch und tänzerisch herausragendes Ensemble, ausdrucksstark und mit seinen ausgeprägt individuellen Charakteren perfekt gecastet für diese Vandekeybus’schen Stücke, die von der Inhomogenität des sie darstellenden Ensembles leben.
Wim Vandekeybus / Ultima Vez mit „What the Body Does Not Remember“ und „Void“ am 18. und 19.07.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

