WIEN/ ImPulsTanz: Leïla Ka mit „Maldonne“ im Volkstheater
Die Symbolik hat Wucht. Mit 40 Second-Hand-Kleidern, getragen von fünf Tänzerinnen, bringt die französische Tänzerin und Choreografin Leïla Ka die Geschichten ihrer ehemaligen Besitzerinnen auf die Bühne. Mögen es auch 40 verschiedene Frauen in diversen Regionen dieser Welt gewesen sein, ihre Lebensumstände ähneln sich. In „Maldonne“, das inzwischen über 100 gefeierte Vorstellungen weltweit erlebte, kommen all diese Geschöpfe zusammen, um zu berichten.

Leïla Ka: „Maldonne“ (c) Duy-Laurent Tran
Der französische Begriff „Maldonne“ wird im Kartenspiel verwendet, um zu beschreiben, dass jemandem ungünstige Karten zugeteilt wurden. Dieses schlechte Blatt, qua Geburt den allermeisten Frauen für ihr Leben mitgegeben, prägt deren Situierung in Partnerschaft/Ehe, Familie, Gesellschaft und Beruf bis heute und praktisch überall. Auch wenn die Ausprägungen variieren, die Strukturen sind immer die gleichen. Und diesen geht das Stück auf den Grund.
Szenisch angelegt lenkt das Stück den Blick des Betrachtenden auf eine Reihe von Aspekten, die das Leben von Frauen ganz wesentlich bestimmen. Egal ob in technologisch hoch entwickelten westlichen Industrienationen oder in ärmeren Regionen des Planeten, der Charakter der physisch zu bewältigenden Arbeiten und der psychisch zu tragenden Lasten ist gleich, die festgelegte Verteilung der Aufgaben und Zuständigkeiten ebenso wie die Machtverhältnisse, die die Frau in ihre Position zwingen.
Es pocht im Dunkel mit ansteigender Lautstärke. Eindringlich. Und plötzlich stehen sie vor einem, die fünf Frauen, aufgereiht wie zur Besichtigung. Diese Anschauung lenkt den Blick vor allem nach innen, auf die verborgenen Überzeugungen eines jeden Einzelnen bezüglich der Rolle der Frau in der Gesellschaft wie im Privaten. Und wer da noch nichts sieht oder spürt in sich, dem helfen die fünf auf die Sprünge.

Leïla Ka: „Maldonne“ (c) Duy-Laurent Tran
Sie nehmen uns mit auf eine Reise über zwei parallele Stränge. Mit dem häufigen Wechsel der Kleider und szenisch von Blackouts unterbrochen schlüpfen sie in die Häute der jeweiligen Frauen, in ihr soziales Umfeld irgendwo auf der Welt und damit in ihre Geschichten und ihre Emotionen. Gleichzeitig, indem sie alle das gleiche tun, wird das Individuelle zum Repräsentanten eines Systems, das, unabhängig von Ort und Zeit der Betrachtung, mit den selben Mechanismen das immer Gleiche (re-) produziert.
Wir sehen sie schon zu Beginn trauernd, klagend und erschöpft. Warum? Weil es immer schon so war, weil hunderte Generationen vor ihnen bereits das selbe Schicksal teilten, weil dieser Erbfolge ihre Kontinuität bislang nicht genommen werden konnte. Hastig tätig hinterfragen sie ihre Stellung in Familie und Gesellschaft, sie ringen gemeinschaftlich synchron um Atem, Hilfegesuche senden sie in die Leere um sie herum, ihr Fallen und immer einmal mehr Aufrichten wird zum Bild für ihren unermüdlichen Kampf.
Putzfrauen schuften im Auftrag eines Despoten. Wütende Auflehnung und versuchte Selbstermächtigung erlauben nur kurze Ausbrüche aus dem System. Den physischen Kampf probend und lasziv sich ihrer Weiblichkeit besinnend enden sie doch nur in Wut und Aggression. Im feinen Morgenmantel werden sie zu Hausfrauen in besser situierten, aber unveränderten Verhältnissen.

Leïla Ka: „Maldonne“ (c) Monia Pavoni
Die Versklavung der Frau trägt viele Masken, die das Gesicht des Mannes verdecken. „Malade“ von Patrizia Kaas wird zum gemeinsam gesungenen Klagelied. Resignation ist der wohl verbreitetste Zustand von Frauen. „Ich träume nicht mehr. Ich bin müde.“ Ihre Wut-Karaoke geht unter die Haut. Mehrmaliger Zwischenapplaus für großartige, bewegende Szenen zeugt von einer engen Verbindung zwischen den Fünfen dort oben und dem Publikum.
Die Choreografie von Leïla Ka beschreibt fantasievoll, hoch dynamisch und in immer neu sich formenden Arrangements für die mit nur wenigen Ausnahmen als geschlossene Gruppe agierenden Performerinnen physische und psychische Realitäten. Der Tanz der fünf Tänzerinnen ist kraftvoll und präzise, ihre Ausdruckskraft beeindruckend. Trotz ihrer Jugend gelingt ihnen ein hohes Maß an Authentizität in der tänzerischen Umsetzung der so verschiedenen Befindlichkeiten in ihren vielen Rollen.

Leïla Ka: „Maldonne“ (c) Duy-Laurent Tran
Die inneren Welten dieser Frauen bringt der der Sound zum Klingen. Rodrig Desa oder Sacha Menez-Allanic (das „oder“ meint wohl die Alternativen bei der Besetzung für die Live-Performance) spielen mehr oder weniger bekannte Lieder, Chancons und popmusikalische Beiträge in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Zeiten ein, die nicht nur illustrieren, sondern direkt mit der Performance verschränkt werden. Laurent Fallot trennt mit seinem Lichtdesign die Szenen, er beschreibt Orte, Zeiten, Lokationen und, viel mehr noch, die Gefühlslagen und Befindlichkeiten der fünf auf eindrückliche Weise.
Das ähnliche Schicksal, das sie vorher einte, führt am Ende in eine euphorische Vereinigung von Frauen, die um ihr Recht auf Ebenbürtigkeit, Gleichbehandlung und Chancengleichheit kämpfen. Sie klagen das immerfort sich behauptende Patriarchat an mit dem Mut der Alternativlosigkeit, mit der Lebensfreude der ihrer eigenen Kraft Bewussten und der Überzeugung, dass eine gerechtere Welt möglich ist.

Leïla Ka: „Maldonne“ (c) Duy-Laurent Tran
Fünf wundervolle Tänzerinnen geben Umständen und Gefühlen Gestalt. Sie adressieren das, was im individuellen wie gesellschaftlichen Kontext selten nur noch Richtlinienkompetenz besitzt: Das Gewissen. Männliche Machtansprüche aber und Privilegien überlagern es seit Jahrtausenden. Aktuelle Entwicklungen, betrachtet man die Herrschaft von Taliban, islamischen Fundamentalisten, autoritären Systemen auch in der westlichen Welt oder das Erstarken rechtsgerichteter Parteien mit deren konservativem Wertekanon, verleihen dem Stück seine Dringlichkeit und zunehmende Relevanz. Drum schreit „Maldonne“ eine Stunde lang mit Vehemenz in die Welt: Frauen aller Länder, vereinigt euch!
Leïla Ka mit „Maldonne“ am 29.07.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

