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WIEN/ ImPulsTanz: Trajal Harrell / Zürich Dance Ensemble mit „Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)“ und „o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“

07.08.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Trajal Harrell / Zürich Dance Ensemble mit „Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)“ und „o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“

 Trajal Harrell zählt zu den bedeutendsten Choreografen des zeitgenössischen Tanzes. Seit 2011 ist der 2024 mit dem Silbernen Bären der Tanzbiennale Venedig geehrte Künstler regelmäßig bei ImPulsTanz zu Gast. In diesem Jahr gleich mit zwei Stücken, einem bereits 2013 gezeigten und einem hier uraufgeführten. Beide Arbeiten entführen uns in den Kosmos seines an Referenzen reichen künstlerischen Schaffens, auf tanzgeschichtlicher und auf persönlicher Ebene.

 Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)“

 Was könnte passiert sein, wenn Ballroom und Judson Church zusammen gekommen wären?“ Diese eingangs formulierte Frage dient als Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit, der sich die drei Tänzer und Performer auf der Bühne in diesem gut einstündigen Stück stellen. Trajal Harrell, Thibault Lac und Ondrej Vidlar treten in schwarzen weiten Kostümen auf die Bühne.

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rajal Harrell: „M2M“, im Bild: Harrell, Lac (c) Emilia Milewska

 Mit dem Schmerz, den die Diskriminierung schwarzer und queerer Menschen, ihr Kampf um Anerkennung und Gleichbehandlung und ihr Ringen um Selbstbehauptung und Selbstakzeptanz erzeugen, steigen sie ein in diese Fiktion einer Begegnung. Und gleich wird es emotional. Thibault Lac weint auf seinem Stuhl, Trajal Harrell kommt schmerzerfüllt hinzu. „Es klingt wie die Seele der Schwarzen. Ob wir überleben werden in London, Paris, New York etc.?“ Harrell singt „Don’t mess with me!“

 Don’t stop!“ Ondrej Vidlar mahnt wie eine innere Stimme, wie die Verkörperung einer wirkmächtigen äußeren, dann verinnerlichten Instanz. Häppchenweise wird offenbart: „Don’t stop!, sagte Mama, „Don’t stop to dance!“ Aber wie? Und was? Wer bin ich überhaupt? Was hätte ich zu erzählen, wovon könnte ich berichten und träumen? Welchen Sinn hätte das alles? Und was wäre meine Aufgabe in dieser Welt? All diese Fragen liegen in jenem Befehl. Und die Zweifel quälen.

 Vom Sitzen in den Tanz, von Formalismen in das Chaos, von der Ordnung zur Freiheit, von der Innenschau in den Ausdruck, von der Vereinzelung in die gemeinschaftliche Aktion, vom Wurzel-Netzwerk in die starken Äste und jungen Zweige der Krone, vom konzeptuellen Tanz in den zeitgenössischen. „I will never be a static storm!“ singen sie mit zunehmender Verve. Die Energie steigt stetig, bis hin in aggressive Bewegtheit und wütende Proklamation von Freiheitswille und Selbstausdruck.

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Trajal Harrell: „M2M“, im Bild: Harrell, Lac, Vidlar (c) Emilia Milewska

 Das, woher sie kommen, was sie nährte und prägte, zitieren sie von zarten Andeutungen bis in deutliche Phrasen: Den Minimalismus des Postmodernen Tanzes, afroamerikanische Black moves, das Voguing der New Yorker queeren Ballroom-Szene, Club-Kultur, Urban Dance, klassischen und zeitgenössischen Tanz. Alle drei sind präsente Persönlichkeiten. Thibault Lac jedoch überragt sie noch einmal mit seiner tänzerischen Meisterschaft voller Kraft und Ausdrucksstärke.

 Musik wird zum Motor für die Emotionen. Sie singen allein oder gemeinsam mehrere ungemein gefühlvoll arrangierte/komponierte Songs. Die Auswahl hat Harrell selbst zusammengestellt. Schon oft in seinen Stücken bewies er ein feines Gespür für poetische Texte in schönen, berührenden Liedern. Verluste und Einsamkeit, die Sehnsucht nach Frieden und einer anderen Welt, tiefe Spiritualität und immer zweifelndes Hinterfragen bleiben seine persönlichen und künstlerischen Themen.

 Zwei einsame, resigniert-depressive Tänzer (Vidlar als externalisierte Instanz kommt erst später zum Tanz) begeben sich auf einen Weg, dessen Ziel ungewiss ist. Der Prozess aber, den sie starten und den sie am Ende als Momentaufnahme, als ein temporäres Stadium zeigen, ist der Pfad, auf dem sie nach Antworten auf die vielen fundamentalen Fragen suchen.

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Trajal Harrell: „M2M“, im Bild: Thibault Lac (c) Emilia Milewska

 I’m calling you from 10.000 miles away“ singen sie. Ist das schier Unerreichbare die Zukunft? Eine ideale oder wenigstens doch bessere Welt? All das Dunkle in ihm? Gelungener künstlerischer Ausdruck? Heimat? Wahrhaftigkeit im Ausdruck, als Mensch und als Künstler? Der Mitmensch? Die Humanität? Ein Sinn? Das Alles oder das erlösende Nichts?

 Harrell überlagert Traditionen, Einflüsse, Herkünfte, Geschichten und Geschichte, Sehnsüchte, Träume und Visionen, stellt das alles auf ein Fundament aus emotionaler Wahrheit und prüft alles auf seine Authentizität. So wird jede Geste, jedes Lied und jede Stille zu einem Ereignis. Manches berührt, anderes erschreckt. Immer aber ist, wie in all seinen Arbeiten, das Spüren das wichtigste Werkzeug für die Rezeption des Stückes.

 Das hat viele Ebenen. Es verschränkt Privates, Kulturelles, Künstlerisches, Gesellschaftliches, Historisches und Aktuelles und weist auf die politische Dimension eines jeden einzelnen Bereiches und ihrer Gesamtheit, geformt durch die gegenseitige Durchdringung. Nichts existiert losgelöst vom Anderen, alles beeinflusst sich gegen- und wechselseitig. Tanz kann sich nicht herausgelöst aus den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen entwickeln.

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Trajal Harrell: „M2M“, im Bild: Vidlar, Lac, Harrell (c) Emilia Milewska

 Gleichzeitig ist er deren Spiegelbild. Diese Erkenntnis wird zu der Überzeugung, aus der heraus „M2M“ entstand. Und das zeigt uns einen Kosmos. Das aber macht auch seinen universellen Wert aus. Die Künstlerpersönlichkeit Trajal Harrell stellt sich selbst aus als Beispiel für den den Einzelnen in seinem Umfeld, einsam, suchend und immer auf dem Weg. Er verbrennt sein Herz und seine Seele „In Liebe und in Schmerz“.

 

o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“

 Im Auftrag und produziert von den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien entstand „o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“, das hier bei ImPulsTanz seine Uraufführung erlebte. Darin nimmt uns Harrell mit auf eine Reise durch die Geschichte der Musik. Aber es wäre nicht er, wenn es nicht auch und vor allem um seine Geschichte ginge, um die seines Tanzes und seines Weges als Mensch und Künstler.

 Genau darum nämlich ging es Milo Rau, seit 2023 Intendant der Wiener Festwochen, als er 2018 seine Reihe „Histoire(s) du Théâtre“ auflegte, für die er verschiedene performative Kunst Schaffende einlud, persönliche Geschichten über Fundamente, Erinnerungen und die Repräsentation ihrer selbst im Lichte ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung zu kreieren. Trajal Harrells Stück ist das siebte der Serie. Es ist Erinnerung und Dokument einer stetigen Transformation. Wie haben sich Körper, Tanz, Geist und Seele mit der Zeit verändert?

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Trajal Harrell: „o‘ Music Music“ (c) Nurith Wagner Strauss

 Mit der portugiesischen (unter anderem Fado-) Sängerin und Gitarristin Lula Pena tat sich Harrell erstmals zusammen. In der für die Festwochen entstandenen ersten Version gab es nur ihn auf der Bühne. Hier nun wird, leider erst recht spät, Lula Pena live spielen und singen. Sie hat 2 Lieder ihres 2010 eingespielten zweiten Albums „Troubadour“ im Gepäck. Und sobald sie anfängt zu spielen, hält der Saal den Atem an. Wenn dann ihre dunkle, rauchige Stimme erklingt, steigt die Spannung nochmals.

 Ihre 16 Jahre alten Lieder sind nur zwei der insgesamt neun bis zehn, die Trajal Harrell für dieses Stück auswählte. Die Playlist war lang, geschafft haben es Musikstücke, die sich zu einer größeren Geschichte verbanden, zu einer, die erlaubt, wichtige Stationen seiner Aufführungspraxis zu erinnern, und damit direkt verbunden Meilensteine seiner persönlichen und künstlerischen Entwicklung.

 Die Felswand hinten scheint wie das, was zu erklimmen er noch vor sich hat oder wie das, was ihn trennt von der Welt und von dem, wie er gesehen wird oder wie die Solidität der Umstände, unter denen er seit langem leidet. Verkleidet mit Perücke, Brille und gehüllt in Schichten von Kleidern, also Erinnerungen, bittet er uns in einer eingespielten Ansprache (er hat, so gibt er vor, seine Stimme verloren), den Song „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa zu googeln und ihn abzuspielen. „Ich bin nicht der, der ich scheine zu sein.“ singt der in viele Aspekte seiner selbst aufgespaltene Elton John.

 Harrells Drama mit der Rezeption seiner Kunst ist die Reduktion auf griffige, viel zu eng gefasste Inhalte. Er wird identifiziert mit dem nur für das Auge Sichtbaren. Aber du musst mit dem Herzen sehen, die Augen sind blind. Und eben dieses Herz adressiert er, nun entkleidet all der Schichten und Ebenen, zurück gekehrt in frühere Zeiten und Versionen seiner Selbst. Ein Counter-Tenor singt barocke Musik zum Klavier. „Music. Music“. Harrell tanzt barocke Gestik in neuem Gewand. Überkommene, erst langsam aufbrechende Vorstellungen von Moral, Geschlechter-Rollen und -Identitäten, Hierarchien und Normen.

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Trajal Harrell: „o‘ Music Music“ (c) Nurith Wagner Strauss

 Weiter Songs folgen. Pop-Musik und Lieder, die mit ihrem musikalischen Charakter und den Texten von Gedanken und Gefühlen berichten, die Stationen auf dem Weg des Trajal Harrell waren. Und weil jene Schlingen, die die Erinnerungen um das Herz legen, es nicht vollständig frei geben, ist er weder ganz dort noch ganz hier. Wie also leben? „Hold on to your heart.“ Er taucht ein mit seinem Tanz in die Emotionen dieses Liedes und in seine.

 Er tanzt sein Begehren, seine Lust und seine Sexualität in einer queer-feindlichen Welt. Scham, sich verstecken, sich beobachtet fühlen. Und trotzdem leben!? Sein Coming out. Der Counter-Tenor singt darüber und hinein. Es sind tradierte Identitäts-Schablonen, mit denen Harrell kollidiert. Immer heftiger tobt dieser Konflikt in ihm, tritt nach außen. Er gestikuliert ins Publikum, flehend um Akzeptanz und Toleranz.

 Dann putzt er sich ab. Tanzt den Gay. Und verweist auf uralte queer-freundliche Kulturen. Dann Voguing, der Stil, den er aus der New Yorker queeren Ballroom-Szene auf die Bühnen der Welt holte und womit er immer noch identifiziert wird. Eine Erinnerung sicher, eine wichtige Station allemal, doch binden soll ihn nicht, was einst so groß war und bedeutend. Auch wir mögen ihn entlassen aus der Enge unsres Blickes. Vergangenheit kann eine Fessel sein.

 Spanische Gitarre und Flamenco-Moves. Das Kleid von damals streift er nicht über, er hält es nur vor seinem Körper. Denn der, der es trug, ist jetzt ein anderer. Und doch ankert die Erinnerung in seinem Herz und hält ihn dort, wo er nicht mehr ist. Akkordeon und Frankreich als Assoziation. Und dann betritt Luna Pena die Bühne. Sie spielt leise, unaufdringlich, sie singt mit dunkler Stimme voller Melancholie. Die Intensität ihres Vortrages ist atemberaubend. Dass Trajal Harrell sie schätzt, scheint auf der Hand zu liegen. Im Duktus ihrer Performance liegen sie so nah beieinander.

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Trajal Harrell: „o‘ Music Music“ (c) Nurith Wagner Strauss

 Harrell tanzt ihre Musik mit tief empfundener Gestik, mit großer Sensibilität für die Poesie von Musik und Performance und den spirituellen Gehalt ihrer Lieder. In ihrer Reife und ihrer Bescheidenheit begegnen sich die zwei auf Augenhöhe. Und eigentlich ist nach ihrem Lied Schluss. Aber Harrell kündigt eine Zugabe an. Tracy Chapman singt a capella „Behind the Wall“, einen Song über Gewalt gegen Frauen im häuslichen Umfeld. Und er tanzt und steht im weißen Hemd und im Rock. Spätestens hiermit verleiht Harrell dieser Arbeit neben all ihrer Intimität ein politisches Gewicht. Denn die Liste der Diskriminierten ist lang und sein Engagement für sie wird niemals enden.

 o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“ öffnet einige Türen nur einen Spalt breit, lässt uns dahinter erblicken einen Mann in verschiedenen Stadien seiner persönlichen und künstlerischen Entwicklung. Erbarmungslos ehrlich sich selbst gegenüber dürfen wir durch seine Augen Selbstbeschau betreiben. Doch eben diese ist mehr als sie selbst. Privates und Kunst sind immer auch gesellschaftspolitische Kategorien. Sein Emanzipationsprozess ist der so vieler verschiedener Individuen und gleichzeitig ein gesellschaftlicher.

 Die Musik, die immer schon wichtiger Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit war, markiert textlich-musikalisch Meilensteine auf seinem Weg. Und wohin ihn dieser noch führen wird, bleibt offen. Lula Pena jedenfalls ist eine neue wichtige Stimme seiner so verschiedenen Weggefährten und damit Aspekte seiner selbst.

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Trajal Harrell (c) Rita Antonioli, Lula Pena (c) Yannis Bournias

 Friedrich Nietzsche warnte einmal: „Verwechselt mich nicht!“ Doch eben das scheint das Schicksal Trajal Harrells zu sein. Er ist ein Steppenwolf des zeitgenössischen Tanzes. Seine Ehrlichkeit ist berührend, sein Ringen um Authentizität ein Vorbild. Mit dieser ersten, so ungemein bewegenden Arbeit einer neuen Serie tritt er gleichzeitig ein in eine neue Phase seines Schaffens.

 Trajal Harrell / Zürich Dance Ensemble mit „Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)“ am 04.08.2026 und mit „o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena“ am 07.08.2026 im Odeon Wien im Rahmen von ImPulsTanz.

 Rando Hannemann

 

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