WIEN/ ImPulsTanz: Ewa Dziarnowska mit „This resting, patience“ im WUK Wien
Wie ein akustisches Logo wirkt die ständige Wiederholung des Pop-Songs „What the World Needs Now is Love“. 1965 von Jackie DeShannon als Reaktion auf den Kalten Krieg und die Teilung der Welt in zwei Lager veröffentlicht und bereits kurz danach mehrfach gecovert, wird die 1966 erschienene Interpretation von Dionne Warwick zum affirmativen Ritual dieser dreistündigen Performance und zum Symbol für Teilungen mannigfaltiger Art.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
In Wien war diese Anfang 2024 entstandene Arbeit bereits vor gut zwei Jahren im Rahmen des Rakete-Festivals des Tanzquartier Wien zu sehen. Nun, nach dutzenden Aufführungen bei Festivals weltweit, kehrt dieses fantastische Stück zurück. Die in Berlin lebende gebürtige Polin Ewa Dziarnowska, Tänzerin und Choreografin, holte sich mit Leah Marojević eine zweite Frau auf die Bühne. Gemeinsam dringen sie ein in mehrere Ebenen von Miteinander, Frau Sein, Selbst und künstlerischer Praxis.
Leah Marojević berückt nicht nur mit ihrem Rücken, sondern mit darstellerischer Wandelbarkeit und tänzerischer Brillanz. Ebenso ihre Bühnen-Kollegin Ewa Dziarnowska. Das Spiel mit ihren Körpern als Projektionsflächen für gesellschaftliche Normierungen und soziale und individuelle Begehrlichkeiten sowie als Wirkungsstätte innerer Konflikte, hervorgerufen durch sich widersprechende bewusste und unbewusste Selbst- und Fremdbilder, beherrschen sie perfekt.
Sie präsentieren sich zu Beginn sinnlich, verführerisch und kokett. Die Welt scheint zu haben, was sie braucht. Liebe. Sie verlegen ihre Performance an verschiedene Schauplätze, sie sind miteinander, trennen sich, arbeiten solistisch oder zeitgleich, jeder an seinem Platz. Sie präsentieren sich so, wie wir sie haben wollen, als lebendes Monument für familiär und gesellschaftlich konsentierte Rollenbilder und Identitäts-Schablonen.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
Ihr (auto-) erotischer, ungemein sinnlicher Habitus, ihr Narzissmus sind psychische Prothesen für das unerfüllte Verlangen nach (Selbst-) Liebe, Nähe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Respekt. Ihr Handeln ist selbstreferentiell und reflexiv. Mit allem nach außen Gerichteten adressieren sie eigentlich sich selbst. Es kippt, weil es kippen muss. Sie gehen zu Boden, physisch und psychisch. Das unerhörte Innen verschafft sich Gehör.
Das Ersehnte wird wütend eingefordert. Sie machen sich zum Objekt und uns zu Voyeuren, spielen mit den Rollen Frau und Mann. Die Sehnsucht und die Einsamkeit bleiben. Das berührt, weil es erlaubt, sich selbst in diesem Spiegel zu erkennen, all das zu ent-decken, was zugeschüttet von lärmender Geselligkeit und auf- und eindringlicher Medienpräsenz trotzdem verlangt, gelebt zu werden.
Der Sound pocht wie ein Herz. Krzysztof Bagiński lässt Dionne Warwick am Anfang und am Ende laufen, variiert in Dynamik und mit Pausen. Im langen Mittelteil gibt er Geräusche, Klänge, Musiksplitter bis zu jazzigen Phrasen und bearbeitete Songs in den Saal. Es ist der Soundtrack zum emotionalen Geschehen in den beiden Tänzerinnen. Jacqueline Sobiszewski setzt sie mit ihrem Licht an verschiedensten Orten in Szene, intim oder zuweilen das umgebende Publikum mit einbeziehend.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
Die Performance bewegt sich zwischen den Polen streng durchchoreografiert, präzise getanzt und perfekt im Timing, und improvisierten Phasen. Der Körper wird ans bidirektionales Medium inszeniert: Als Sensor und als Sender. Insbesondere in den interaktiven Momenten beweist Leah Marojević, die die „größere Hälfte“ übernahm (der Eindruck mag auch von der öfter wechselnden Positionierung des Zuschauers zum teils verteilten und verdeckten Geschehen auf der Bühne geprägt sein) ein gutes Gespür für Situation und Gegenüber.
Die Dramaturgie der Arbeit (Beratung: Jette Büchsenschütz) installiert einen Prozess. Sie führt die beiden Frauen durch Gefühle, Stimmungen und Befindlichkeiten, selten auch mit Augenzwinkern. Sie umarmen sich selbst, versuchen Fremdes abzuschütteln, sie sind leidenschaftlich Frau und queer (Voguing wird zitiert), bedienen Klischees, spüren lange hinein in sich, sie beschwören gestisch Kraft und Geduld, als präsente Körper tanzen sie die Dringlichkeit von Sinnlichkeit, lange Phasen übrigens in Slow Motion, sie gehen durch trotzige, wütende Ausgelassenheit, die ihre Qualen nicht betäuben kann, fallen in die Post-Vergnügungs-Depression, erleben tiefe Einsamkeit, winden sich in Schmerz, Trauer und Traurigkeit.
Sie sind gepeinigte und sich selbst peinigende Kreaturen, entfremdet, sehnsüchtig, voller Verlangen, an sich selbst und den Umständen leidend, irregeführt von falschen Götzen, auf einem Weg, der sie immer weiter weg führt von sich selbst, also von der Liebe. Sie leiden und kämpfen allein und gemeinsam, sie nehmen uns mit in die Einsamkeit ihrer inneren Welt, sie solidarisieren sich mit heftigen Gesten, im Kostüm der unangepassten Aufrührer zelebrieren sie die Selbstermächtigung und stärken ihren Willen mit der gegenseitigen Vergewisserung, nicht allein zu sein.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
Sie scheinen keinen (Aus-) Weg zu finden, halten daher fest an bewährten Narkotika. Sie pendeln zwischen Intro- und Extroversion, fliehen in den Narzissmus als einziger Chance, Liebe zu erfahren. Aber irgendwann ist das Fass voll. Wilder, wütender Protest, renitente Selbstbehauptung. Ewa Dziarnowskas plötzliche Schreie erschrecken. Sie dringen bis ins Mark. Sie sind eine wütende Kampfansage. Womit Optionen beschrieben werden. Aktivistisch handelt nun die eine, aus kraftvollem in sich Ruhen die andere. Beiden gemein ist ihre Selbstbestimmtheit. Und wieder sind sie die sinnlichen, kraftvollen Verführer, wieder läuft der Song in endlosen Schleifen. Aber jetzt ist alles anders.
Sie befreien sich aus der Opferrolle und damit aus der Identifikation mit dieser. Sie akzeptieren die ihnen widerfahrene Negativität (was nicht gleichgesetzt werden darf mit der Akzeptanz der diese Negativität hervorbringenden Umstände!), und sie erkennen die Existenz ihres Egos. Damit erreichen sie eine hohe Stufe von Souveränität, Freiheit und Handlungsmacht. Sie erleben sich als selbstbestimmt Handelnde, die am Ende zwar das gleiche tun wie am Anfang, aber nicht mehr als Gefangene einer engen, dumpfen, fremdbestimmten Identität, sondern als integre Persönlichkeiten und Schöpfer all ihrer Erfahrungen.
Der Charakter der ungeheuren Sinnlichkeit, mit der insbesondere Leah Marojević das Publikum betört, wandelt sich von einer Re-Aktion, was Anpassungsleistung an gesellschaftliche Zuschreibungen meint, in eine Aktion, die die Handelnden selbst kontrollieren. Was ausdrücklich die Möglichkeit einschließt, sich dafür zu entscheiden, nicht mehr zu entsprechen. Sie haben die Verantwortung übernommen für sich. Sie sind autonome Individuen, die ihr Selbstbild und ihre Identitäten frei gestalten. Die Ironie, mit der Ewa Dziarnowska die Gefahr der Verwechslung von fremdinduziertem mit selbstbestimmtem Handeln installiert, ist Teil des an mehrdeutigen Bildern reichen Konzeptes.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
Es ist ein Akt des Respekts gegenüber sich selbst und der Selbstliebe. Die ist es, die die Welt braucht. Selbsthass gebiert Fremdenhass, die Gewalt, mit der man sich selbst unterdrückt, wird zu nach außen gerichteter Gewalt. Nur wer sich selbst liebt, liebt die Welt. Die Dramaturgie strukturiert dieses Stück ähnlich wie ein Fraktal, was als Hinweis auf die Übertragbarkeit des hier präsentierten Prozesses in (auch viel) kleinere und (auch viel) größere Strukturen mit möglicherweise anders gearteten inhaltlichen Merkmalen gelesen werden kann. Es geht um die Meta-Ebene, die in dieser Arbeit eine Hauptrolle zugewiesen bekam.
„This resting, patience“ beschreibt einen langen, lust- und qualvollen Bewusstwerdungs- und Emanzipations-Prozess. Sie beginnen als Opfer und enden als Schöpfer einer nach außen hin immer gleich erscheinenden Fülle von Rollen und Identitäten. Das vom männlichen Blick auf die Frau dominierte gesellschaftliche Umfeld hat sich nicht geändert. Ihre Auflehnung war vergeblich, ihr Kampf ergebnislos.
Geändert haben sich ihr Selbstbild und mit dem bewussten Leben ihrer Identitäten ihre Grundbefindlichkeit. Es ist eine, ihre Machtergreifung. Was ihnen bleibt, sind Hoffnung und Geduld. Der gewachsene Respekt sich selbst gegenüber wird ihnen Fundament sein für eine schier unendliche Geduld. Und für ihre Selbst-Liebe.

Ewa Dziarnowska: „This resting, patience“ (c) yakoone
„This resting, patience“ ist ein kluges, großartig inszeniertes und von zwei Frauen mit starker Präsenz getanztes immersives Mammut-Werk mit tiefer Metaphorik, äußerst komplexer Bildsprache und hypnotischer Wirkung. In einer patriarchalen Welt ringen zwei Frauen um ihren legitimen Glücksanspruch, darum, sich zu lieben und geliebt zu werden, jenseits aller Kapitalisierungen und kompensatorischen Effekte und Affekte. Die drei berührenden, erschütternden und faszinierenden Stunden mit diesen beiden wundervollen, so ausdrucksstarken Tänzerinnen braucht es. Sie wirken lange nach.
Ewa Dziarnowska mit „This resting, patience“ am 31.07.2026 im WUK Projektraum Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

