WIEN/ ImPulsTanz: Needcompany mit „Needlapb“ im Odeon
Das Format erlaubt Einblicke in den Schaffensprozess der belgischen Needcompany, deren künstlerische Leitung im vergangenen Jahr vom langjährigen Mastermind Jan Lauwers auf Maarten Seghers, ebenfalls Mit-Gründer der Kompanie, übertragen wurde. Ihren Stilmitteln bleibt sich das so inhomogen zusammengesetzte Ensemble treu. Die Mischung aus Theater, Tanz, Akrobatik, Musik, Bildender Kunst, Visual Arts und Text wird nach wie vor zu Stücken mit Need- und doch immer individueller Ästhetik vergoren.
In ihren seit 1999 jährlich installierten Needlapbs, von ImPulsTanz nun erstmals nach Österreich geholt, konfrontieren sie ihr Publikum mit mehr oder weniger rohen Materialien für im Entstehen befindliche Arbeiten. Die Texte noch in der Hand, die Noten auf dem Klavier, das Bewegungsmaterial als Entwurf. Das Schauspiel, immer wichtiges Gestaltungsmittel ihrer Stücke, zeigt Profis bei der Arbeit.

Needcompany: „Needlapb“ (c) Needcompany
Unterbrochen von einer Pause, in der sie während der Aufführung gemixte Cocktails an das Publikum verteilen, darf das Publikum im ersten Teil des Abends umfängliche Auszüge aus „White Boats“, an dem Jan Lauwers gerade schreibt, hören und erleben. Ausgangspunkt für dieses Stück, das im Dezember seine Uraufführung erleben soll, ist eine kritische Selbstbefragung. Der Blick auf die letzten 25 Jahre mit all ihren Kriegen, Krisen und Katastrophen evoziert die Frage: „Was haben wir falsch gemacht als Künstler?“
Dem vielleicht schon leicht resignierten Unterton stehen die unerschütterlichen Überzeugungen von der Wirkmacht der Kunst und der Notwendigkeit, gesellschaftspolitische Entwicklungen und Zustände zu analysieren und künstlerisch zu reflektieren, also in die Gesellschaft zurück zu spiegeln, zur Seite. Zu diesem Zweck wird sich die Needcompany auf eine Zeitreise begeben, beginnend im 18. Jahrhundert, endend in der Zukunft.
Das Stück betrachtet ausschnittweise die Menschheitsgeschichte und Entwicklung und Wandel philosophisch-ideologischer Grundfesten. Und deren Erosion. Jean-Jacques Rousseau, die Aufklärung und die Französische Revolution 1792, Multimilliardär Peter Thiel, J. D. Vance und Donald Trump 2024 und ein paar Revolutionen später dann der Zustand der Welt im Jahre 2042. Ein arabischer Scheich namens Altman und der humanoide Roboter MO6, gespielt von einem Menschen, übernehmen Schlüsselrollen in diesem Drama.
Nach jetzigem Stand wird das Stück Privates und Gesellschaftliches, Technologisches und Ökonomisches, Moralisch-Ethisches und Politisches in einer gewohnt dynamischen und poetischen, eben der Need-Manier verkochen zu einem wie immer scharf gewürzten, schwer verdaulichen, trotzdem aber äußerst nahrhaften Theater-Gericht.
Musik von Arvo Pärt kann die „Neue Einfachheit“ und den grassierenden Minimalismus in Denken, Argumentation und Diskurs reflektieren, das Schauspiel wird Alltagssituationen eskalieren und in tödlichen Gewaltorgien enden lassen, der Roboter als vom Menschen gemachte Maschine kann nichts als menschlich (denken und) handeln, also töten. Und getanzt wird auch.
Die politischen und ökonomischen Gefüge der Welt werden sich verändert haben, der Mensch jedoch nicht. Die Beantwortung fundamentaler ethischer Fragen wird im Lichte des sich stetig beschleunigenden technologischen Fortschritts immer dringlicher, aktuelle regionale und globale Konflikte und Krisen werden in die Zukunft projiziert. Es verspricht ein inhaltlich und ästhetisch hoch komplexes Stück zu werden. Und am Ende landen auch noch rückschrittliche Boat-People an den Küsten Groß-Israels. „Horrific! Horrific!“
Und endlich gibt es Cocktails. Viele holen sie sich hinten auf der Bühne ab. Das lockert Körper und Geist. Teil Zwei des Abends ist von sehr anderem Charakter. Das neue Stück von Sung Im Her zeigt sich in diesem viel roheren Stadium als sehr dynamisches tänzerisch-musikalisches (absurdes) Theater. Viel Text wird gerappt, gesungen, gesprochen, die sieben tanzen und rennen in bunten Kostümen mit anfangs hoch frisierten Haaren. Auf der hinteren Leinwand türmen sich die Buchstaben, gefallene, fragmentierte Bestandteile vordem bedeutungsgeladener Sätze. Kommunikativer Restmüll also.
Sie spielen mit Sprache und Sinn, tauchen mit absurd klingender Wortakrobatik ab in quantenphysikalische Phänomene, die den Makrokosmos unserer Weltsicht auf den Kopf stellen. „Alles verändert sich!“ wird scandiert, Seifenblasen aus der Querflöte, hyper-enthusiasmierte Wissenschaftler des Schweizer Kernforschungszentrums CERN fanden heraus, dass „die Realität wahrscheinlich etwas anderes ist, als was sie gedacht wurde.“
Sehr physisch wird es hergehen, Text wird einprasseln auf die Zuschauenden, in der jüngeren Wissenschaftsgeschichte entdeckte, nicht jedem vertraute physikalische Gesetzmäßigkeiten finden ihre Anwendung auf der Ebene der menschlichen Erfahrungs-Wirklichkeit. Und der wird im Staccato auf philosophisch-poetische Weise ihr Fundament untergraben. Die Sinnfrage und unser Umgang mit ihr wird aus neuen Perspektiven beobachtet.
Der Menschen Streben ist ein unausweichlich Endliches. Wir müssen sterben. „HUMANITY“ auf Tafeln vor der Brust. Und ganz am Ende dieses (für diesen Abend zu) langen zweiten Experiments, das nicht alle mehr abgewartet haben, noch die kämpferische Losung „Fight the Darkness!“ Ihre Multidisziplinarität leben sie fort, ihre poetische Potenz trägt sie in immer wieder neue, überraschende Winkel der Wirklichkeit, der Tiefgang ihrer künstlerischen Recherchen beeindruckt auch hier. Seien wir gespannt.
Das „Needlapb“ ist ein Experimentier-Raum, in dem die Needcompany Werdendes veröffentlicht, die Wirkung auf das Publikum beobachtet, die Performance, den Prozess, das Sujet und das Material prüft auf Schlüssigkeit, Flüssigkeit, Timing und Genauigkeit und sich selbst erlebt in den Kontexten von Stoff, Sparten, Kolleginnen und Kollegen, Zuschauern und Theaterraum.
Dem Entstehungsprozess neuer Arbeiten wenigstens in Momentaufnahmen live beiwohnen zu können ist ein Privileg, das die Needcompany, ihrem so offenen Habitus entsprechend, ihrem Publikum gewährt. Für dieses ist es reizvoll und herausfordernd zugleich. Aber Neugier, Toleranz und Geduld zahlten sich aus. Den 23 beteiligten Ensemble-Mitgliedern wurde von Herzen gedankt.
Needcompany mit „Needlapb“ am 24.07.2026 im Odeon Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

