WIEN/ ImPulsTanz: Boris Charmatz / Terrain mit „Muette“ im Kasino am Schwarzenbergplatz
Nach dem kraftvollen Optimismus, den die Eröffnungsvorstellung des diesjährigen ImPulsTanz-Festivals (Chistos Papadopoulos‚ „My Fierce Ignorant Step“) versprühte, bringt tags darauf der französische Choreograf, Tänzer, Performer und Autor Boris Charmatz ganz andere Saiten zum Klingen. Ebenfalls als Reaktion auf den Zustand der Welt kreiert, komponiert Charmatz in „Muette“, hier als Österreichische Erstaufführung gezeigt, eine fünfzigminütige performative Symphonie aus Schweigen.
Nach „Somnole“, das im Jahr 2021 entstand und 2023 bei ImPulsTanz gezeigt wurde, ist „Muette“ nun seine zweite Solo-Arbeit, die er für sich selbst schuf. Und er sagt, dass sie sich unmittelbar aus seinem ersten Solo heraus entwickelte. Radikalität bleibt Teil des Konzeptes. Er verschärft sie sogar noch, indem er, auf jegliche Musik verzichtend (in „Somnole“ pfiff er ein Potpourri aus diversen Musikstücken), Stille tönen lässt.

Terrain Boris Charmatz: „Muette“ (c) Cesar Vayssie
Diese Stille ist das, was entsteht, wenn Worte ihren Sinn verlieren, wenn Sprache entkräftet verstummt, wenn selbst Schreie ihren Weg an die Oberfläche nicht mehr finden. Ursache dieses pathologischen Zustandes ist die Wirkung der Welt mit ihren Kriegen, Krisen und Prognosen auf die Psyche des (der) Menschen. Hier am Beispiel Charmatz präsentiert.
Er betritt die Bühne dieses historischen Festsaales in schwarz gekleidet, entledigt sich der Hüllen an einen Pfeiler gedrängt, fast schamhaft schuldig wie ein in die Ecke verbanntes Kind. Mit einer Speichelblase vor dem Mund geht’s vorsichtig, denn sie ist so zerbrechlich, gen Mitte, den Mund nach oben gerichtet. Den rückt er in das performative Zentrum dieser Arbeit. Noch ist die Blase etwas, das von innen drückt und doch verharrt an der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt. Stecken gebliebene Worte.
Er ist sein großes, auf Brust und Bauch gemaltes Herz, nach außen gekehrt, verwundbar und verletzt. Er gestikuliert verzweifelt, schiebt Dinge zur Seite, reckt die Unterlippe angesichts steigender Fluten der Luft über ihm entgegen, erstickt sich viele Male fast im Versuch, die Luft noch länger anzuhalten, wird kurzatmig dadurch, schützt seine Weichteile, betet, versucht zu entrinnen, boxt, hält sich die Ohren zu, schreit stumm, wird zum Untoten, versucht, die Balance zu halten, regrediert zum Baby, will trotz der Ohnmacht irgendwie überleben, verschließt den After, reibt den Penis (Öffnungen also hin zur Welt, Ausscheidungsorgane wie der Mund), er ringt, kriecht, windet sich, ist erschöpft, er läuft auf der Stelle, rückwärts, überspringt imaginäre Hindernisse. Und schließlich legt er sich den Finger auf den Mund.

Terrain Boris Charmatz: „Muette“ (c) Laurent Philippe
Er ist entkleidet aller Gewänder und Habseligkeiten, ohne Halt gebende Identität, verlustig jeglichen Schutzes, jeder Hilfe, beraubt aller Fundamente, Sicherheiten und Gewissheiten, jeder Ideologie und allen Glaubens, aller sozialen Einbettung und gesellschaftlichen Orientierung, allein, einsam, zurückgeworfen auf sich selbst. Nackt also. Er ist das Element seiner selbst.
Mit so vielen Gefühlen, die keine Sprache haben, die durch seinen Körper aber und seine Haut nach außen dringen, sieht sich die Kreatur konfrontiert nicht mit der Welt, sondern mit dem, was sie hinterlässt in einem, mit ihrem Spiegelbild, das sich hinabsenkt in die dunkelsten Verliese der Seele. Von dort, tief unten, steigt auf, was nur als Gefühl existiert, unreflektiert, roh, elementar, unausgesprochen und unsagbar. Aber mit einer Macht, die allen Schutz und jede Definition ad absurdum führt.
Boris Charmatz konzentriert in diesem Stück seine eigene Gefühlswelt und die in der Gesellschaft laut vernehmbaren Stimmen, die durch die Vehemenz, mit der sie in die öffentlichen und privaten Diskurse drängen, so beredt von ihrer Sprachlosigkeit berichten. Er sucht nach Handlungsoptionen, wo es diese nicht gibt. Er erlebt sich beraubt jeglichen Potentials der Transzendierung seiner selbst, er erlebt sich somit entmenscht.

Terrain Boris Charmatz: „Muette“ (c) Laurent Philippe
Er sucht nach Strategien, in und mit dieser Welt und mit sich selbst leben zu können. Er ringt um Selbstbehauptung und Autonomie. „Muette“ (zu deutsch: „stumm“) beschreibt die Sprachlosigkeit, in die sich Opfer von Gewalt-Taten oft zurückziehen, unfähig, über das ihnen Angetane zu reden. Boris Charmatz inszeniert sich (und uns, denn das Saallicht bleibt immer eingeschaltet) als Opfer einer permanenten Vergewaltigung, als seiner Ohnmacht Ausgelieferte(r). Insofern ein unüberhörbares politisches Statement!
Die Widersprüche zwischen dem (menschengemachten) Zustand der Welt und dem unverbildeten Menschentum sind unauflösbar. Das Stück beschreibt, fein beobachtet und spektral maximiert, emotionale Wirkung, weder deren Ursachen noch mögliche Auswege. Es ist die Bestandsaufnahme der Befindlichkeit von Individuen und einer Gesellschaft, die, sich gegenseitig formend, fassungslos und paralysiert erstarrten. „Muette“ ist ein stummer, lauter Weckruf.
Boris Charmatz / Terrain mit „Muette“ am 10.07.2026 im Kasino am Schwarzenbergplatz Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

