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WIEN/ ImPulsTanz im Volkstheater: Trisha Brown Dance Company with Merce Cunningham Trust mit „Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage“

15.07.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Trisha Brown Dance Company with Merce Cunningham Trust mit „Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage“ im Volkstheater

So konzentriert bekommt man Kunstgeschichte auf der Bühne selten zu sehen. Mit jeweils einem Stück der beiden Ikonen des postmodernen Tanzes Trisha Brown (1936-2017) und Merce Cunningham (1919-2009) begeisterten die Trisha Brown Dance Company und der Merce Cunningham Trust das ImPulsTanz-Publikum. Ausgestattet wurden beide Arbeiten von einer weiteren wegweisenden Künstler-Persönlichkeit: Robert Rauschenberg (1925-2008).

Anlässlich seines 100sten Geburtstages im vergangenen Jahr reaktivierten die TBDC und der MCT zwei Kollaborationen mit Rauschenberg, dem visionären US-amerikanischen Maler, Grafiker, Fotografen, Objektkünstler und Wegbereiter der Pop Art im 20. Jahrhundert. „Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage“, hier als Österreichische Erstaufführung gezeigt, ist mit Browns „Set and Reset“ und Cunninghams „Travelogue“ zentrales Ereignis dieser Ehrung.

Zuweilen werden Browns und insbesondere Cunninghams Arbeiten als ohne eine Geschichte erzählende, die Bewegung und den Körper inszenierende reine Tanzstücke angekündigt und beschrieben. Das jedoch ist nicht korrekt. Die beiden an diesem Abend präsentierten Arbeiten sind vollgepackt mit politischen und kulturellen Bezügen und Verweisen. Damit ordnen sich die Schöpfer und ihre Arbeiten mit ihrem so verschiedenen Bewegungsmaterial ein in zeit- und kunstgeschichtliche Kontexte und entheben sich verbreiteter Zuschreibungen.

Set and Reset“

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“: Trisha Brown: „Set and Reset“ (c) Ben McKeown

Für Trisha Bowns im Jahre 1983 an der New Yorker Brooklyn Academy of Music uraufgeführtes Stück „Set ans Reset“ entwarf Robert Rauschenberg das Bühnenbild, ein anfangs auf dem Boden stehendes, dann, bevor die Tänzerinnen und Tänzer die Bühne betreten, über deren Köpfen schwebendes Gebilde aus einem großen Quader und zwei diesen flankierenden Pyramiden. Alle drei Objekte sind mit weißem Stoff bespannt und werden als Leinwand für die Projektion von vier übereinander gelegten Schwarz-Weiß-Filmen Rauschenbergs und NASA-Aufnahmen genutzt.

Gemeinsam mit den von ihm gestalteten transparenten, mit Film- und Fotomotiven bedruckten Kostümen und dem Sound (Fetzen von Worten und Sätzen, Industrie-Lärm und Musik) entsteht so ein sicht- und hörbares Abbild eigentlich unsichtbarer Echos unserer Umwelt in uns, in den Köpfen wie im Körper.

Die Pyramiden sind diese nicht ohne Grund. Der Auftritte der Tänzer geschieht als Prozession. Einige Tänzer tragen einen wie toten Körper über sich haltend auf die Bühne. Diese, die Kostüme und jene stilisierte ägyptische Begräbnis-Zeremonie erinnern uns an das, was wir sind und was uns körperlich, geistig und seelisch ausmacht: Physische und psychische Gefäße für Jahrtausende Kultur, für körperlich und seelisch geerbte Hinterlassenschaften unserer Vorfahren, Produkte unserer eigenen Geschichte sowie ganz aktueller Umwelt-Einflüsse.

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“: Trisha Brown: „Set and Reset“ (c) Ben McKeown

Der sich dann entfaltende Tanz (Ashley Merker tanzte die Rolle der Trisha Brown, weitere drei Frauen und drei Männer stehen mit ihr auf der Bühne) schwingt, fließt und dreht sich in häufig wechselnden Konstellationen und Anwesenheiten auf der Bühne. Gruppen, Paare und Einzelne bewegen sich in luftig und schwungvoll getanzten, zuweilen zyklischen, flüchtigen Formationen. Das Instabile, die Fragilität und das ineinander Fließen und auseinander Hervorgehen alles Seienden werden zu einem hoch anspruchsvollen, dennoch natürlichen Tanz.

Die Musik zu diesem Stück stammt von der 1947 geborenen amerikanischen Performance-Künstlerin, Musikerin und Filmregisseurin Laurie Anderson. Ihre 1982 entstandene Klang-Kollage „Long Time No See“, aufgebrochener, überlagerter und oft wiederholter Text und in Schleifen gelegte musikalisch-klangliche Phrasen, spiegeln akustisch das Video- und tänzerische Material.

 

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“: Trisha Brown: „Set and Reset“ (c) Ben McKeown

Das unsichtbar in uns Verborgene, eingeschrieben über Hunderte Generationen lang wie vom jetzigen Moment, trifft auf den sichtbaren, tanzenden Körper, den Spiegel all dessen. Die schon gut eine Minute vor dem Erscheinen der Tanzenden einsetzenden Video-Projektionen laufen auch nachdem Musik und Tanz verebbten weiter. „Set and Reset“ stellt den Menschen und die Menschheit in einem kongenial choreografierten, ausgestatteten und komponierten 26-minütigen Bild in den Kontext ihrer Geschichte als deren temporäre, sterbliche Bewohner. Zeitlos und ewig aktuell. Großartig!

Travelogue“

Nicht wenige Kunstschaffende empfehlen dem Nachwuchs einen spielerischen Umgang mit Metier und Material, um der Kreativität maximale Freiheitsgrade zu eröffnen. Insofern ist dieses Stück eine Bedienungsanleitung. Ein „Reisetagebuch“ präsentiert uns Merce Cunningham mit seinem im Jänner 1977 in New York erstmalig und seit 1979 von keinem professionellen Ensemble mehr gezeigten Stück „Travelogue“.

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“, Merce Cunningham: „Travelogue“ (c) Jason Smith

Bühnenbild, Kostüme und Objekte sind von Robert Rauschenberg. Kräftig gefärbte, monochrome und hautenge Ganzkörpertrikots kleiden die vier Frauen und vier Männer. Der Fantasie scheinbar entsprungene, diese jedenfalls adressierende Objekte und Requisiten, bis auf die hinten installierte Reihe aus Stühlen und Fahrrad-Rädern nur temporär erscheinend, beleben die Szenerie höchst abwechslungsreich.

So nämlich erleben die Tanzenden und mit ihnen das Publikum dieses Abenteuer. Als Schatten nur vor glutroter Rückwand die Stühle bevölkernd, scheinen sie im Morgenrot mit dem Zug ein Zwischenziel erreicht zu haben. Nach dem Tod des Kapitäns (mit ihm starben Führung, Fremdbestimmtheit, Zielgerichtetheit und jede Intention) wird aus alltäglichem Bewegungsmaterial Tanz. Feldarbeit und Jagd beim Gezwitscher von Vögeln. Und mit Texten vom Anrufbeantworter.

Der Sound zu diesem Stück stammt von einer weiteren Größe. John Cage (Cunninghams Lebens- und künstlerischer Partner) stellt in seinem 1977 eigens für dieses Tanzstück komponierten „Telephones and Birds“ von Anrufbeantwortern automatisch abgespielte Texte neben Vogelgezwitscher und damit Kultur und Natur auf eine gleichberechtigte Ebene. Der humorigen Note des Stückes, seiner aktuellen Bearbeitung und der Spezifik des Aufführungsortes entsprechend wurden die eingespielten Texte um Ansagen von Wiener Unternehmen und Institutionen ergänzt. Die Live-Präsentation übernehmen drei vor der Bühne an einem Tisch Sitzende (in Wien rekrutierte Kunstschaffende), die mit Handys und Mikrofonen die Klänge nach vor ihnen liegender Partitur einspielen.

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“, Merce Cunningham: „Travelogue“ (c) Ben McKeown

Alltagsgegenstände werden zu inspiratorischen Quellen für Bewegung, die in postmodernes Material hinüber fließt (in einem wunderbaren Solo mit dafür übergestreiftem weiten gelben Kleid: wie ein Vögelchen Ashley Merker). Dann brechen sie auf in die Welt, hissen zwei Segel aus bunten, von oben sich herab senkenden riesigen textilen Flächen, die wie Kollagen aus fantasievoll gestalteten Flaggen von fernen Gestaden, spannenden Erlebnissen und überraschenden Erkenntnissen künden.

Robert Rauschenbergs Setting aus bunten, individuell gefärbten Kostümen und ungemein fantasievoll entworfenen Objekten macht diese Reise zu einer Entdeckungsfahrt durch bislang vollkommen unbekannte Gefilde. Alles, was sie vorfinden, was sich anbietet oder ihnen gegenüber tritt, ob Fabelwesen oder Blechdose, wird zur spielerisch erkundeten Inspirationsquelle für ihren Tanz. Der entledigt sich nur selten seiner formalen Attitüde, präsentiert mit dieser aber die aus feinsinniger Beobachtung und tiefgreifender Analyse gespeiste Abstraktion als Werkzeug für die künstlerische Verarbeitung der betrachteten Gegenstände.

Sie reisen durch die Tanzgeschichte und das, was den Körper seit jeher inspiriert und informiert. Mit ursprünglichsten, rhythmischen Alltagsbewegungen beginnend, über klassische Zitate und postmoderne Sequenzen streift das Stück schon dessen eigene Zukunft, den gegenwärtigen zeitgenössischen Tanz. Mit feinem Gespür durchsetzt die Company diese respektvolle Annäherung an das Original aus dem Jahre 1977 mit einem teils kräftigen Hauch Post-Cunningham. Damit blickt sein seherisches Auge nach seinem Tode auf das Jetzt und öffnet das Tor für die kreative, fantasie- und lustvolle Fortschreibung der Geschichte des Tanzes.

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Trisha Brown Dance Company: „Dancing With Bob“, Merce Cunningham: „Travelogue“ (c) Jason Smith

Köstlich ist der Humor, mit dem die Tänzerinnen und Tänzer sich selbst und ihre Stilmittel auf den Arm nehmen. Mit gleichzeitig einer gehörigen Prise Selbstironie schaffen sie kritische Distanz zu Prozess, Ergebnis und Selbstbild, schaffen Raum für spielerisches Erkunden und ermöglichen maximale Freiheit für alle kreativen Instanzen im Schöpfenden. So wird, mit seinen Mitteln, dem Pionier des postmodernen Tanzes Merce Cunningham ein Denkmal in der (für noch unendlich viele Weitere offenen) Ruhmeshalle des Tanzes errichtet.

„Dancing with Bob“ ist ein Ereignis von unschätzbarem Wert, tanzgeschichtlich und künstlerisch, von einem herausragenden Ensemble, das zwei so unterschiedliche Bewegungssprachen souverän meistert, präsentiert. Ganz sicher eines der Highlights (nicht nur) des diesjährigen ImPulsTanz-Festivals.

Trisha Brown Dance Company with Merce Cunningham Trust mit „Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage“ am 14.07.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.

Rando Hannemann

 

 

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