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WIEN/ ImPulsTanz im Volkstheater: OUTWITTING THE DEVIL von Akram Khan

15.08.2021 | Ballett/Tanz

WIEN/ ImPulsTanz/ Volkstheater: „Outwitting The Devil“ von Akram Khan

von Rando Hannemann

Umweltzerstörung ist kein neuzeitliches Phänomen. Bereits das etwa 4000 Jahre alte Gilgamesch-Epos, eine der ältesten, aus dem babylonischen Raum stammenden schriftlich überlieferten Dichtungen der Welt, erzählt von der Suche eines selbstzentrierten, raubeinigen Herrschers nach der Unsterblichkeit, von der Abholzung eines Zedernwaldes und der Rache Gottes. Also der Rache der Natur. Mythen verarbeitete Akram Khan, Brite mit bengalischen Wurzeln, schon in vielen seiner weltweit gefeierten Werke. In dem 2019 entstandenen Stück „Outwitting The Devil“, dessen  Österreichische Erstaufführung nun zu erleben war, verbindet er das Gilgamesch-Epos mit einer feministischen Umdeutung von Leonardos „Letztem Abendmahl“ von Susan Dorothea White, ihrem „The First Supper“, zu einem bild- und tongewaltigen Tanztheater-Ereignis

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Akram Khan Company: Outwitting the Devil (c): Jean-Louis Fernandez

Die Bühne ist gestaltet als ein von regelmäßig gelegten Steinen, den Resten einer Stadt- oder Friedhofsmauer gerahmter Platz, mit großen Blöcken im Hintergrund. Trümmer menschlicher Bauten, Zivilisations-Überbleibsel. Ein großer Quader rechts liegt wie ein Tisch oder ein Grab. Für das erste und das letzte Abendmahl. Eine kleine Stele im Vordergrund kündigt, dem Epos nach, von Gilgameschs Taten.

Aus dem Dunkel der Vergangenheit dringt die Geschichte ins ewige Dämmerlicht der Bühne. Humbaba, der Wächter des Zedernwaldes, sitzt hinten und schaut die Tiere des Waldes, Vögel und Vierbeiner, getanzt mit überwältigender Präzision und Ausdruckskraft. Die mächtige Göttin Ishtar, von der in Los Angeles geborenen Mythili Prakash mit vielen klassisch-südindischen Bharatanatyam-Elementen im orangefarbenen langen Kleid getanzt, beschwört die Szenerie, in die hinein eine französisch raunende Stimme (englisch-deutsche Übertitel) verkündet: „L’homme est arrivée“. Zu deutsch: „Der Mensch ist gekommen.“, aber auch „Der Mann ist gekommen.“

So beginnt die Erzählung von zwei ineinander verwobenen Geschichten. Die eine ist das Gilgamesch-Epos, überliefert auf zwölf zu etwa zwei Dritteln erhaltenen Steintafeln, von Khan konzentriert und reduziert auf die Aspekte Umweltzerstörung, Herrschafts-Dünkel und Streben nach Unsterblichkeit. Die andere beschreibt in Andeutungen die Entstehung und Konsolidierung des Patriarchats, das Akram Khan wegen seiner katastrophalen Auswirkungen auf Gechlechterbeziehungen, Familie, Gesellschaft und Natur als das eigentliche Übel erkennt und benennt.

Das Epos berichtet: Von Enkidu, aus Lehm erschaffen von der Muttergöttin Aruru und als menschenähnliches Wesen bei den wilden Tieren lebend, erfährt Gilgamesch, König der Stadt Uruk und „furchtloser, ungehobelter Tatmensch“, in zwei Träumen, die ihm Enkidu’s Ankunft in der Stadt verkünden. Und dass er sein Bruder werden wird. Durch Adoption.

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Akram Khan Company: Outwitting the Devil (c): Jean-Louis Fernandez

Gilgamesch zähmt den wilden Enkidu. Die Musik dazu klingt wie ein Requiem. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Der Hüter des Zedernwaldes wird getötet, belegt zuvor Enkidu mit einem Todesfluch. Nach dem Kahlschlag wird es dunkel, nur ein heller horizontaler Streifen am Horizont wandert langsam etwas höher. Auf der Bühne Schattengestalten, die sich langsam bewegen. Szenen wie nach der Apokalypse. Der tote Enkidu, sein inniger Freund und Bruder, wird, so will es Gilgamesch, in der Mitte eines aufgestauten Flusses begraben. Ishtar erscheint in ein schwarzes Tuch gewickelt, das ausgelegt und in Wellen bewegt zum Fluss wird, in den Enkidu’s Leichnam gezogen wird. Die Strömung später trägt ihn hinfort.

Eine zwölffach unterteilte Steinplatte spielt eine sehr bedeutende, wenngleich nur selten sichtbare Rolle in dem Stück. Von Humbaba weitergegeben wird sie wie ein symbolisiertes Gilgamesch-Epos zur Metapher für die Gesamtheit eines (und von den zwei Frauen auf der Bühne nicht angenommenen) Erbes der Menschheit, in das nicht nur die früh begonnenen Umweltzerstörungen einfließen, sondern als weit schwerer wiegender, entscheidender Teil das unheilvoll wirkende So-Sein eines von allen Religionen und Ideologien nicht veränder- oder gar besserbaren Menschen. Wie den Voice-Recorder eines abgestürzten Flugzeuges wird man nach der Katastrophe auch diesen Stein, in dem die Geschichte des Menschen aufgezeichnet ist, nach Ursachen befragen. Auch die Stimmen der indigenen Völker und der kleinen Greta wird man hören. Und man wird doch nichts mehr rückgängig machen können. Seine ganze Wut über die Arroganz, Ignoranz und Dummheit des Menschen legte Akram Khan in diesen Stein.

Auch die Zeitebenen des Stückes, Gilgamesch tritt als junger und alternder, schließlich sterbender Mann in Erscheinung, sind von bildhaftem Charakter. Kurz vor dem Ende wird ihm die Steinplatte auf die Schultern gelegt. Vornüber gebeugt, schwer an ihr tragend, schleppt er sich ins Dunkel, macht sich auf den Weg durch die Zeitalter. In Richtung Zukunft. Unserer dunklen Zukunft.

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Akram Khan Company: Outwitting the Devil (c): Jean-Louis Fernandez

Am Ende treten die Menschen ab. Nur Ishtar, die „Göttin aller Göttinnen“, verschwindet sich wiegend im Dunkel der Zeiten. Der Mensch stirbt. Die Natur überlebt. Es gibt also noch Hoffnung.

Mit sicherer Hand führt Khan sein Stück an die Grenze des Bombast, ohne sie zu überschreiten. Die innige Nähe zu seinen Figuren und ihren Dramen einerseits und die Wucht der großen Geschichten andererseits machen die Wirkung des Werkes aus. Story, Bilder und Musik dringen einem mit Gewalt in die Eingeweide. Ein Entrinnen ist nicht möglich. Ein Gesamtkunstwerk aus Weltklasse-Tanz, Musik, Lichtdesign, Bühne und Kostümen, das eine alte und doch so aktuelle Geschichte erzählt, tief, düster-dystopisch, archaisch-poetisch und überwältigend emotional. Das macht Akram Khan so einzigartig im zeitgenössischen Tanzschaffen. Das macht „Outwitting The Devil“ zu einem Meisterwerk.

Den Teufel zu überlisten ist auch Gilgamesch nicht gelungen. Denn der wohnt, immer noch, in uns.

Aufführungen m Wiener Volkstheater im Rahmen von ImPulsTanz

Mit Akram Khan’s „Outwitting The Devil“, mit Maguy Marin’s „Umwelt“ oder Sergiu Matis‘ „Extinction Room (Hopeless.)“ hat sich ImPulsTanz einem der drängendsten Themen unserer Zeit, der Umweltzerstörung durch den Menschen, gestellt. Großartig!

Am 11., 12., 13. und 14. August, Rando Hannemann

 

 

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