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WIEN/ ImPulsTanz im Odeon: Alleyne Dance mit „A NIGHT’S GAME“

04.08.2019 | Ballett/Tanz

WIEN/ ImPulsTanz im Odeon: Alleyne Dance mit „A Night’s Game“

Seit 2014 leiten die beiden Zwillingsschwestern Kristina und Sadé Alleyne Workshops bei ImPulsTanz. Nun dürfen sie erstmals auch ihre bereits 2016 entstandene Performance „A Night’s Game“ im Rahmen des Performance-Programmes präsentieren. Eine der bewegendsten Arbeiten des Festivals.

Als Jugendliche noch 100-Meter-Läuferinnen, wechselten die beiden dunkelhäutigen Britinnen, ihre Eltern stammen von der Karibik-Insel Barbados, zum Tanz. Gott sei Dank. Sie tanzten bereits mit Akram Khan 2012 bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London, bevor sie 2014 ihre eigene Kompanie „Alleyne Dance“ gründeten, mit der sie in Kollaborationen unter anderem mit Akram Khan und Wim Vandekeybus‘ Ultima Vez weltweit zu sehen waren.


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Nur ein Holzstuhl steht auf der leeren, dunklen Bühne. A-capella-Gesang von Frauen empfängt das Publikum, bevor bei Geflüster das Licht verlischt. Im Lichtkegel auf dem Stuhl sitzend beginnt Sadé, allein auf der Bühne, mit ihren nackten Füßen zu stampfen und mit ihren Händen auf Schenkel und Brust schlagend rhythmische Strukturen zu erzeugen, sich aufbäumend, sich auflehnend. Sie dreht den Stuhl in alle Richtungen. Es gibt keinen Ausweg. Energiegeladen beginnt die bald von beiden getanzte, auch autobiographisch beeinflusste Performance.

Das Licht spielt eine tragende Rolle in dieser Arbeit. Designt von Salvatore Scollo, setzt es auf der dunkel gehaltenen Bühne wundervolle Akzente. Die Schatten der Vergangenheit spielen an der Rückwand. Eine aus Licht eingezogene Decke hält ihre Gefühle und auch sonst noch Einiges „Lichtscheues“ im Verborgenen, auf einem quadratischen Lichtteppich liegt die eine erschöpft, wie verstorben, die andere sendet mit rhythmischem Stampfen und Klatschen aufmunternde, erweckende Signale. Wenn sie in zwei senkrechten Lichtkegeln stehen und, die Arme gen Himmel gereckt, sich ganz weich bewegen. Und empfangen … Göttlich. Eine düstere Atmosphäre, aus der heraus das innere Licht der Schwestern leuchtet


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Das Musikdesign stammt von Sadé Alleyne, Alan Dicker und Tom Neill. Einflüsse von Ethno über Elektronik, Industrial, Bass-Dröhnen, harmonische Akkordfolgen, Natur-Geräusche und Stimmengewirr, eingestreut ihr Stampfen und Klatschen, und Stille, erzeugen eine vielschichtige Klangkulisse, die die Fülle an Themen und Emotionen akustisch unterlegt.

Und dann ihr Tanz! Ihre ungeheure, ohne jede Eitelkeit eingebrachte Athletik eröffnet ihnen einzigartige tänzerische Möglichkeiten. Urban Dance und Hip-Hop, Zeitgenössisches, Kathak- und afro-karibische Elemente, die mit einer Kreativität in der Choreografie verbunden werden, die ihres Gleichen sucht. Ungemein kraftvoll, dynamisch und flexibel, wild, beinahe animalisch, dann wieder mit so viel Anmut und Grazie, äußerst sensibel und gefühlvoll, tanzen sie mit einer Leichtigkeit Sprünge und Hebungen, Soli und Duette. Und letztere mit so perfekter Synchronizität, dass einem der Atem stockt. Sie katapultiert sich aus der Rückenlage in den Stand, viele Male nacheinander. Sie springt aus dem Stand auf die Schulter der Schwester. Ohne Koketterie stellen sie ihre Physis in den Dienst ihrer konzeptionellen und choreografischen Intentionen.


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Ausgehend von der Inhaftierung naher Verwandter und dem Einfühlen in eine Situation, die letztlich auch ihnen drohen kann, thematisieren sie ihr anfängliches Misstrauen gegeneinander, ihre Aggression, die Auflehnung gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Unfreiheit, das Ringen um Selbstachtung und die Bewahrung ihrer Würde. Trotzdem macht jede auch ihre eigenen Erfahrungen von Zweifel und Zusammenbruch. Dann aber dieses Mitgefühl, die liebevolle Solidarität mit der Anderen, aus dem tiefen Wissen um die inneren Kämpfe und deren Leid heraus. Und sie spiegeln sich. Sie sehen auch sich selbst im Anderen. Sie spielen so gekonnt mit ihrer Gleichheit …

Bildergebnis für WIEN/ ImPulsTanz im Odeon: Alleyne Dance mit „A Night's Game“
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Die ungeheure Intensität überwältigt, nicht nur die körperliche, sondern wegen der kraft- und liebevollen gegenseitigen Unterstützung, der engen, innigen Verbindung zwischen diesen beiden Schwestern, die der Zuschauer Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit anrührt. Die Reife der beiden Schwestern und die ihrer Arbeit, die tiefe Menschlichkeit voller Empathie berühren, wie selten etwas auf der Bühne. Nach dem Ende umarmen sie sich und danken sich so herzlich …  Phantastisch! Standing Ovations.

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„A Night’s Game“ von Alleyne Dance, Vorstellungen am 2., 3. (zwei Mal) und 4. August 2019 im Odeon Wien.

Rando Hannemann

 

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