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WIEN/ ImPulsTanz im Burgtheater: Tao Ye / TAO Dance Theater mit „16 & 18“

22.07.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Tao Ye / TAO Dance Theater mit „16 & 18“ im Burgtheater Wien

Bereits im vergangenen Jahr begeisterte das chinesische TAO Dance Theater das ImPulsTanz-Publikum mit zwei Abenden, an denen je zwei Stücke („13 & 14“ und „16 & 17“) der „Numerical Series“ ihres Choreografen Tao Ye gezeigt wurden. In diesem Jahr nun stand mit „13 & 14“ ein ImPulsTanz Classic und mit „16 & 18“ einerseits die Wiederaufnahme eines „Klassikers“ und die Welt-Uraufführung von „18“ auf dem Programm.

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 TAO Dance Theater: „16“ (c) Fan Xi

Die Benennung der Stücke korreliert mit der Anzahl der sie Tanzenden. Mehr bedeutet sie nicht. Die jede Assoziation unterbindenden Titel der Stücke sollen maximale Freiheit für die Rezeption seiner Arbeiten schaffen, so der 41-jährige Choreograf. 2008 gründeten er und seine Ehefrau Duan Ni gemeinsam das in Beijing ansässige TAO Dance Theater. Seit dem ist auch seine Frau, die viel internationale Erfahrung einbringt (sie tanzte unter anderem in Akram Khans Kompanie), maßgeblich am Schaffensprozess beteiligt.

Das TAO Dance Theater zeigt seine Arbeiten weltweit, bislang in über 40 Ländern auf 5 Kontinenten und bei 100 verschiedenen Festivals. 2023 auch in Venedig, wo sie auf der Biennale di Danza mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurden. Neben der „Numerical Series“ umfasst das Œuvre Tao Yes auch eine Reihe konkret benannter Stücke der „Non-Numerical Series“.

So zum Beispiel „12 Hours“. Diese durational Performance führte die Kompanie 12 Stunden lang direkt am Meer auf, mit einem sich im Verlaufe des Tages stetig verändernden Bühnenbild aus Himmel und Meer, begleitet von elektronischer Musik ihres Haus-Sounddesigners Xiao He und dem live rezitierten Werk „Twelve Poems on Claouds“ des chinesischen Dichters Zhai Yongming.

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TAO Dance Theater: „18“ (c) Duan Ni

In den Stücken der Numerical Series verwendet Tao Ye sein „Circular Movement System“ als choreografisches Grundprinzip. Damit wird die Bewegungssprache der Tänzerinnen und Tänzer fokussiert auf die Bewegung der Wirbelsäule. Die außergewöhnliche Flexibilität gerade der Halswirbelsäule gibt seinen Stücke damit ein ästhetisches Alleinstellungsmerkmal. Zudem wird die Bewegung der Gliedmaßen reduziert. Sie reagieren vor allem auf Impulse aus der Körpermitte.

Gemeinsam mit dem Kreisen des Einzelnen um das Zentrum seines Schwerpunktes, der Repetition und Beschränkung sowie der konsequenten Synchronizität in der Gruppe entsteht so eine einzigartige, Tanzende wie Publikum herausfordernde minimalistische Bewegungssprache. Die Spiegelungen fernöstlicher Philosophie und Lebens- und Denkweise sind dem Tanz der Kompanie auf einer subtil metaphorischen Ebene eingeschrieben.

Über die 2025 bei ImPulsTanz gezeigten Stücke „13 & 14“ und „16“ (gemeinsam mit „17“ an einem Abend aufgeführt) berichtete der onlinemerker bereits im vergangenen Jahr.

In seinem brandneuen Stück „18“ nun bleibt Tao Ye sich dieser seiner choreografischen Prinzipien treu, erweitert sie jedoch um eine zutiefst philosophische Dimension. Inspiriert vom Gedichtzyklus „Xing Ying Shen“ („Form, „Schatten“ und „Geist“) des chinesischen Dichters Tao Yuanming, der während der Jin-Dynastie in den Jahren 365-427 lebte, und der chinesischen Kalligrafie entwarf Tao Ye eine faszinierende Gruppen-Choreografie voller Bilder und Assoziationen.

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TAO Dance Theater: „18“ (c) Duan Ni

Die „Kunst des schönen Schreibens“ wird zu Tanz. Die Performenden führen ihre Körper wie Pinsel über das Reispapier. Die Merkmale der chinesischen Kalligrafie, Punkte und Striche mit variierender Strichdicke und Tintendichte, übertragen sie in ungemein fließendes Material, das von Bewegtheit und immer wieder eingeflochtenen Phasen der Stille lebt. Und Tao Ye organisiert die 18 Tanzenden in zwei Gruppen zu je neun Tänzerinnen und Tänzern.

Jede Gruppe formt ein Quadrat aus drei mal drei Elementen, jedem Element ist ein eigener (in der Theorie wiederum quadratischer) Bereich zugeordnet. Beide Gruppen agieren in sich perfekt synchron, ihre Positionierung im Raum und die Stellung zueinander sind Gegenstand einer ausgefeilten Choreografie. Späterhin erleben wir auch Phasen der Begegnung und Verschränkung der beiden Quadrate.

Der Raum wird in zweifacher Hinsicht bespielt. Einerseits kreieren die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Bewegungen einen individuellen Mikrokosmos als ihre eigene Sphäre, andererseits schafft die Positionierung dieser Kosmen zueinander nicht nur visuell faszinierende Bilder. Sie ist die Translation einer in der Kultur Chinas fest verankerten Spiritualität, deren Wurzeln weit in die Geistesgeschichte des Reichs der Mitte zurück reichen.

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TAO Dance Theater: „18“ (c) FanXi

Die weiten, in pastelligen Grau- und Blautönen gehaltenen Kostüme von Duan Ni, hergestellt in der kompanie-eigenen Manufaktur DNTY, umspielen die Körper. Sie dienen den sich so dynamisch bewegenden Körpern mehr als dass sie eigene expressive Funktionen hätten. Den meditativen Charakter des Stückes aber unterstützen sie perfekt. Wie das Lichtdesign von Tao Ye selbst und der Soundtrack von Xiao He, der sich mit Duktus und Instrumentierung seiner Komposition an traditionelle chinesische Musik anzulehnen scheint, diese aber um erst in der Neuzeit erschlossene, mit Natur-Instrumenten erzeugte klangliche Alternativen erweitert.

An Obertönen reiche Streichersounds oder im Staccato gesetzte Töne und Akkorde begleiten eine hoch komplexe, dreiteilige Choreografie in deren faszinierendem Spiel mit zwei Neuner-Gruppen, dem Raum und der Zeit. Tao Ye zeichnet komplizierte geometrische Figuren, er schreibt mit den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer ein Gedicht. Um die 291 chinesischen Schriftzeichen, die sie mit ihrem Tanz kunstvoll auf den Tanzboden malen, zu wissen, hilft bei der Wahrnehmung der Kreativität des Schöpfers. Und es nötigt einem größten Respekt für diesen und die Leistung der Kompanie ab.

Man kann die Arbeiten des Tao Dance Theater als tänzerisch-visuell-akustisches Erlebnis genießen. Mit etwas (an dieser Stelle sehr empfehlenswert erscheinender) Vor- und/oder Nachbereitung zu den inspiratorischen und ästhetischen Quellen seiner Stücke erschließt man sich einen (für uns vom Aristoleles’schen Denken geprägte Europäer schwierig erscheinenden) Zugang zu den künstlerischen, ästhetischen und philosophischen Dimensionen dieser Stücke. Und in diese einzudringen weitet Geist und Herz.

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5 TAO Dance Theater: „18“ (c) FanXi

Das mit der Präsentation dieser Arbeiten mittelbar vorgeschlagene offene und unvoreingenommene Sich-Einlassen auf Unbekanntes, Neues und Fremdes und die ständige Ansprache der Bereitschaft zu Lernen und Wachstum sind prägende, verallgemeinerbare Charakteristika des ImPulsTanz-Universums, vermittels der begeistert aufgenommenen Tanz-Stücke des Tao Dance Theater unaufdringlich, dennoch deutlich formuliert.

Tao Ye / TAO Dance Theater mit „16 & 18“ am 20.07.2026 im Burgtheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.

Rando Hannemann

 

 

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